Ausstellung in Chemnitz Wenn Poesie zu Grafik wird – Thomas Ranft interpretiert Rilke

Die Lyrik Rainer Maria Rilkes hat der Grafiker Thomas Ranft in seine künstlerische Ausdrucksform transferiert. Diese Grafik-Blätter gibt es jetzt im Chemnitzer Schloßbergmuseum zu sehen. MDR KULTUR-Kunstexpertin Ulrike Thielmann hat Ranft in seinem Atelier im erzgebirgischen Amtsberg besucht und mit ihm über seine Arbeitssituation und den künstlerischen Weg zum fertigen Werk gesprochen.

Thomas Ranft, Initiale, 2019
Thomas Ranft, Initiale, 2019 Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn

Rainer Maria Rilke gilt als der Deutschen liebster Dichter. Der Grafiker Thomas Ranft hat die Lyrik Rilkes über Jahre studiert und daraus zwei Mappen-Werke erschaffen, die aktuell im Chemnitzer Schlossbergmuseum präsentiert werden. Ranft ist über Chemnitz hinaus bekannt als einstiges Mitglied der Chemnitzer Künstlergruppe "Clara Mosch", auch als Schöpfer feiner, leichter, schwebender Grafik-Blätter. In seinem Atelier im Dachgeschoss einer Schule, im erzgebirgischen Örtchen Amtsberg bei Chemnitz, türmt sich ein ganzer Stoß Rilke-Bändchen, darunter auch die kostbare Nr. 1 aus der "Inselbücherei".

In die Tiefe gehen

Ranft, Jahrgang 1945, war in den 70er- und 80er-Jahren bei der Stasi mit 135 IMs gut erfasstes Mitglied der Künstlergruppe "Clara Mosch". Der Künstler ist in Weimar in einem Pastorenhaushalt aufgewachsen, da liegt Rilkes kritische Beschäftigung mit Transzendenz und Gott nahe. Ranft schätzt an Rilkes Gedichten ", dass sie wirklich auch in die Tiefe und in das Weltbild gehen, dass er sich mit allen möglichen, auch geheimnisvollen Dingen beschäftigt, mit Tieren, mit Fabeln, er ist sehr vielseitig mit seinen Sätzen und vielen Sprachen, er setzt eben sehr viel um." Eine ideale Vorlage für einen Grafiker wie Ranft, der auch schon Gedichte von Ernst Jandl und Hölderlin zur Vorlage für seine Arbeiten nahm.

Thomas Ranft, Einsamkeit, 19,8 x 14,7 cm
Thomas Ranft, Einsamkeit, 19,8 x 14,7 cm Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn

Mikrokosmos

Ranft ist bekannt für seine mikroskopisch fein ausgeführten grafischen Blätter, die gern den Weltgeist herbeizitieren, über denen ein Schleier von Farbe zu schweben scheint, selten allein von Schwarz-Weiß. In Ranfts Grafiken sind zarte Gebilde, filigrane Wesen, die an Form gewinnen und wieder verlieren.

Mancher mag Anmutungen von kafkaesken Käfern erkennen oder gar Saugrüssel, von Mücken? Dazu sagt der Künstler lachend: "Kann schon sein, ich weiß auch nicht warum. Dadurch, dass ich auch Gärtner war, war ich auch viel in der Natur."

Meine allererste Mappe, die ich gemacht habe, die habe ich an der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Buch gemacht, in der Molekularbiologie, da habe ich auch durch Elektronenmikroskope sehen können. Das war eine Welt, die mich fasziniert hat, was sich abspielt in dem Innersten unserer Körper, unserer Seelen, unserer Natur.

Thomas Ranft

Neben organischen Strukturen spielen auch geometrische Elemente – Viereck, Kreis, Kugel – in Ranfts Grafiken eine Rolle. Hier nennt der Künstler die Astrophysik als Inspiration.

Das spiegelt sich auch immer in meinen Blättern, dass es das Kleine auch im Großen gibt. Man könnte das auch auf fünf Meter vergrößern, das ist es auch, was ich will.

Thomas Ranft

 Thomas Ranft, Die Insel, 24,3 x 19 cm
Thomas Ranft, Die Insel, 24,3 x 19 cm Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn

Ranft hat seine Druckwerkstatt im Keller, nur einen Gang durchs Haus von seinem Atelier entfernt. Die räumliche Nähe von Atelier und Druckwerkstatt gehört zu seinem Selbstverständnis. Mit Bedauern sieht Ranft jedoch das Schwinden der grafischen Künste, nicht in Leipzig, aber in Sachsen.

Chemnitzer mit Leipziger Ausbildung

Was seine Ausbildung betrifft, ist der als widerständiger Chemnitzer Künstler abgestempelte Ranft übrigens ein Leipziger. Von 1967 bis 1972 studierte er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig unter anderem bei Irmgard Horlbeck-Kappler und Heinz Wagner, bevor er 1972 ins damalige Karl-Marx-Stadt übersiedelte.

Zahlreiche öffentliche Sammlungen besitzen Arbeiten von Ranft, so kaufte 2019 auch die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar jeweils ein Exemplar der beiden neuen Grafikmappen zu Rilke an: Rilke, dessen schwermütig schöner aber auch verunsichernder Geist in 22 Grafiken von Ranft einen weiteren Ausdruck gewonnen hat.

Thomas Ranft, Jahrtausendlang, 24,5 x 17,2 cm
Thomas Ranft, Jahrtausendlang, 24,5 x 17,2 cm Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn

Die Ausstellung Thomas Michael Ranft:
Allegorie. Grafiken zu Gedichten von Rainer Maria Rilke

27. September 2020 bis 10. Januar 2021
Schloßbergmuseum Chemnitz

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. September 2020 | 15:15 Uhr