Thomas Rühmann
Thomas Rühmann wurde 1955 in Osterburg bei Stendal geboren. Bildrechte: dpa

Interview 20 Jahre "In aller Freundschaft": Thomas Rühmann über das Erfolgsgeheimnis der Serie

Seit 20 Jahren begeistert die Krankenhaus-Serie "In aller Freundschaft" (IAF) die TV-Zuschauer. Am 26. Oktober 1998 startete die erste Ausgabe, ihr sollten über 800 weitere Episoden folgen. Mittlerweile gibt es auch Spinoffs wie "Die jungen Ärzte" oder "Die Krankenschwestern". Es gibt nicht viele deutsche Fernsehserien, die wie IAF über einen so langen Zeitraum existieren. Dabei scheint die Hochzeit des Genres mit amerikanischen Vorbildern wie "Emergency Room" oder "Chicago Hope" vorbei zu sein. Die "Sachsenklinik" schalten aber noch immer jeden Dienstag Millionen Zuschauer ein. Von Anfang an dabei ist Thomas Rühmann. Er spielt Dr. Roland Heilmann. Im Interview erklärt er, ob er schon ans Aufhören gedacht hat.

Thomas Rühmann
Thomas Rühmann wurde 1955 in Osterburg bei Stendal geboren. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Wie kann man 20 Jahre lang die gleiche Figur spielen?

Thomas Rühmann: Ich fand das schon nach zehn Jahren irgendwie absurd, dass es jetzt zehn Jahre sind. Und jetzt sind es zwanzig. Und ich finde, man kann das fast nicht denken.

Also ich kann es deshalb, weil ich noch gerne dabei bin. Also wenn ich jetzt in einer richtigen Krise wäre, dann ist es vielleicht eine Last. Aber so. Es gehört irgendwie zu meinem erfüllten Leben in jeder Hinsicht, wie viele andere Facetten gehört "In aller Freundschaft" so dazu, wie das Theatermachen am Rand oder meine Musik. Ich kann mir eigentlich nichts Besseres vorstellen.

Der Polizist Ralf Keller (Patrick von Blume, re.) wurde bei einem ܜberfall mit einem Messer niedergestochen. Ein kleiner Teil hat sich in seiner Wirbelsäule verhakt und Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann, li.) will diese Spitze bei einer zweiten OP entfernen. Für Keller ist dies jedoch zu riskant und er verweigert die OP.
Dr. Heilmann (Thomas Rühmann) ist der IAF-Arzt, dem die Patienten vertrauen. Bildrechte: MDR/Saxonia Media/Sebastian Kiss

Wir haben jetzt 20 Jahre "In aller Freundschaft", 20 Jahre Theater am Rand, und jetzt im Herbst bringe ich mit meiner Band eine neue CD raus: "Richtige Lieder". Manchmal gibt's so Jahre, wo alles zusammenkommt im Positiven. Es gibt ja auch die anderen Jahre, wo das andere zusammenkommt. Aber in dem Falle ist es einfach ein glückliches Jahr, muss ich sagen.

Gäbe es das Theater am Rand im Oderbruch eigentlich auch ohne Dr. Heilmann?

Also das Theater am Rand war eher da. Das ist gegründet worden am 30. Januar 1998 und die Dreharbeiten für "In aller Freundschaft" begannen irgendwie Mitte Juni. Also, es hätte das auch weiter gegeben, glaube ich.

Thomas Rühmann
Die Auftritte im "Theater am Rand" sind ein Ausgleich für Thomas Rühmann Bildrechte: dpa

Aber es gibt nichts Besseres, als zwei Sachen zu tun, die fast nichts miteinander zu tun haben. Das ist eine hohe Energiequelle für beides. Wenn ich nach so einem Theaterwochenende dann wieder Montags drehe, dann dreht man einfach mit viel mehr Spaß. Und wenn man ausgepowert ist, ist das eigentlich ein Energiezuwachs: Wenn ich dann nach so einer anstrengenden Drehwoche weiß, ok jetzt geht's wieder ins Oderbruch.

Und ich kann dem Theater helfen. Einfach, wenn es manchmal dünn wird. Und das ist beim Theater naturgemäß so, weil wir ja jetzt ein richtiger kleiner Betrieb sind. Also, es hilft kolossal. Das ist eine tolle Lebenskonstellation.

Warum ist die Serie "In aller Freundschaft" Ihrer Meinung nach so ein erfolgreicher Dauerbrenner im deutschen TV?

Pia Heilmann (Hendrikje Fitz, re.) hat die Nachuntersuchung bezüglich ihrer Brustkrebserkrankung. Ihr Mann Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann, li.) hat jedoch keine guten Nachrichten: Pia hat eine Metastase an der Wirbelsäule. Der Kampf gegen den Krebs beginnt von Neuem.
Hendrikje Fitz spielte die Serienpartnerin von Thomas Rühmann. Die Schauspielerin starb 2016 an Krebs. Bildrechte: MDR/Rudolf K. Wernicke

Der Charme besteht wahrscheinlich darin, dass man versucht, so eine Krankenhausserie mit Elementen zu verbinden, die eigentlich auch eine Familienserie sind, so dass verschiedene Sachen irgendwie zusammenkommen. Man kann es wahrscheinlich nicht festmachen, aber auch diese Götter in Weiß gibt's ja nicht wirklich. Es ist ja irgendwie doch eine Spur realistischer, als so eine ganz heile Welt.

Aber es ist ziemlich geschickt gestrickt, dass die Leute einfach am Ende offenbar zufrieden ins Bett gehen können. Anders als bei "True Detectives", wo man danach praktisch mit so einem wunden Leib durch die Wohnung rennt und sagt: Wie soll ich denn jetzt einschlafen? Aber ich liebe das natürlich.

Bei " In aller Freundschaft" ist es oft so, dass es gut ausgeht, und trotzdem sagen die Leute, es ist so viel Wirklichkeit drin.

Liegt der Erfolg also in der Balance zwischen Realität und der von Ihnen erwähnten "heilen Welt"?

Als wir mal eine Staffel lang versucht haben, mal wirklich Wirklichkeit zu erzählen, da wurde die Sachsenklinik privatisiert. Und auf einmal wurde alles anders, auf einmal wussten die Freunde nicht mehr, ob Sie Freunde sind und sie sich noch trauen können. Für uns Schauspieler war das super zu spielen, also ich habe das total gerne gemacht.

Die Leute haben es nicht angenommen, da gingen dann die Zuschauerzahlen runter. Und dann wurde einfach von verantwortlicher Stelle eine Entscheidung gefällt: wir sind nicht mehr privat. Und auf einmal war alles wieder so wie früher und die Leute waren zufrieden. Zu viel Realismus. Der Teil des deutschen Fernsehpublikums, der sich das andere wünscht, findet das bei "In aller Freundschaft". Es gibt aber mit Sicherheit den anderen großen Teil, der dann wahrscheinlich gerne "True Detective" oder "Ray Donovan" oder sowas guckt.

Sind Sie selbst ein Fan dieser modernen horizontal erzählten Serien?

Also ich bin ein Konsumierer von nicht sehr vielen Serien. Aber ein paar Highlights gibt's für mich einfach. Man lernt da einfach eine Menge, wenn man sich das anguckt. Man spürt aber auch, was wir nicht hinkriegen. Also, was auch nicht hinzukriegen ist mit unserer Serie.

"Babylon Berlin" von Tom Tykwer fand ich sehr beeindruckend. Aber um sowas zu machen, da würde das Budget nicht reichen. Wir könnten auch sowas wie "Charité" machen. Aber das kriegt man in diesem Format, so wie wir es machen, nicht hin. Und das ist aber auch nicht schlimm. Man möchte nicht jeden Tag "Charité" sehen, das geht nicht.

Wie wirkt sich die Langzeitrolle des Dr. Roland Heilmann auf Thomas Rühmann aus?

Beim Film ist es ja so, man darf ja nicht mehr machen, als es die Natur verlangt. Also, man bringt praktisch sehr viel ein von dem, wie man ist. Und dieses Naturell überträgt sich auf die Leute. Und als Schauspieler hat man dann die Aufgabe, über das Naturell hinaus, noch irgendwie so Widerhaken einzusetzen.

hinten, v.li.: Dr. Philipp Brentano (Thomas Koch), Hans-Peter Brenner (Michael Trischan), Dr. Lea Peters (Anja Nejarri), Dr. Rolf Kaminski (Udo Schenk) vorn, v. li.: Dr. Kathrin Globisch (Andrea Kathrin Loewig), Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann), Dr. Martin Stein (Bernhard Bettermann)
Das Team der Serie "In aller Freundschaft" Bildrechte: MDR/Saxonia/Tom Schulze

Da habe ich relativ schnell gemerkt, dass der Roland Heilmann so stoffelig sein muss und dass der nicht so offen ist, oft auch so knapp. Oder für andere versucht, Lösungen zu finden, die der andere eigentlich selber finden muss - und dadurch natürlich voll in die Katastrophe rennt. Und diese Widerhaken, die machen die Figur wahrscheinlich liebenswert.

Wahrscheinlich gibt es Momente, wo ich auch stoffelig bin, also das würde meine Frau sofort unterschreiben. Wo man so verstummt, nichts mehr sagt. Wo der Blick etwas streng wird oder die Mundwinkel hängen runter.

Ich kann schon sehr wohl unterscheiden, was ich da spiele und was ich bin. Also ich hab ja einen Kollegen, mit dem hab ich zusammen studiert, der spielt bei "Rote Rosen" den Koch Konopka. Und einer hat ihn mal gefragt: Herr Konopka, wie sind denn sie zur Schauspielerei gekommen, so als Koch. Find ich super!

Das wäre dann bei Ihnen das, so möchte ich es mal nennen, sogenannte "Professor Brinkmann Syndrom". Es heißt, die Rolle in der "Schwarzwaldklink" hat der Schauspieler Klausjürgen Wussow auch ins echte Leben genommen.

Der ist in Hamburg an der Außenalster mit den Damen um die Alster gegangen und hat beraten. Und ich meine, das geht doch nicht! Das strahle ich aber nicht aus, das ist der Vorteil. Ich finde das nicht erstrebenswert. Wobei, die Mehrheit der Leute ist einfach nicht bekloppt. Die können das schon auseinanderhalten.

20 Jahre " In aller Freundschaft". Wäre das ein guter Moment zum Aufhören?

Ich werde natürlich daran denken, es irgendwann an den Nagel zu hängen. Nur jetzt ist gerade die Staffel um zwei Jahre verlängert, dazu gibt's Verträge. Also denke ich jetzt nicht darüber nach, das an den Nagel zu hängen.

Das Interview führte Claudia Bleibaum für MDR KULTUR.

Thema: Langzeitserien im TV

Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann,.),Dr. Kathrin Globisch (Andrea Kathrin Loewig,.), und Dr. Martin Stein (Bernhard Bettermann, r.), 4 min
Bildrechte: ARD/Saxonia Media/Markus Nass

Wie schafft man es, 20 Jahre lang erfolgreich zu bleiben, sich weiterzuentwickeln und sogar Ableger zu positionieren? Ein Erklärungsversuch von Claudia Bleibaum.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Oktober 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2018, 04:00 Uhr

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