Peter Handke posiert für ein Foto.
Schriftsteller Peter Handke wurde mit dem Literaturnobelpreis 2019 ausgezeichnet. Die Entscheidung des Nobelpreiskomitees wurde von vielen kritisiert. Bildrechte: imago/Agencia EFE

Debatte Warum Schriftsteller Peter Handke in der Kritik steht

Schriftsteller Peter Handke gilt wegen seiner Parteinahme für die serbischen Nationalisten als umstritten. Als er nun mit dem Literaturnobelpreis 2019 ausgezeichnet wurde, kritisieren viele die Entscheidung des Nobelkomitees. So schrieb z. B. der US-amerikanische Autorenverband P.E.N.: "Wir sind sprachlos über die Auswahl eines Schriftstellers, der seine öffentliche Stimme dazu genutzt hat, historische Wahrheiten zu beschneiden und den Ausführenden eines Genozids Beistand zu leisten." Auch Buchpreisträger Saša Stanišić griff Handke jüngst an: Er habe das Glück "dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt". Auf Twitter schrieb er: "Für mich persönlich schmerzvollster Text ist 'Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise', weil er [Handke] dort das Massaker an Bosniaken in meiner Heimatstadt Višegrad thematisiert." Wie gemein sind Autor und Werk? Ein Interview mit Thorsten Ahrend, früherer Lektor von Handke.

Peter Handke posiert für ein Foto.
Schriftsteller Peter Handke wurde mit dem Literaturnobelpreis 2019 ausgezeichnet. Die Entscheidung des Nobelpreiskomitees wurde von vielen kritisiert. Bildrechte: imago/Agencia EFE

MDR KULTUR: Lassen Sie uns anfangen mit dem Moment, als er sich selbst mit den Etablierten angelegt hat. Was ist an Handkes Texten Ende der 60er-Jahre so grundlegend anders gewesen?

Thorsten Ahrend: Er hat bei einer Tagung 1967 in Princeton der gesamten deutschen Literatur vorgeworfen: Beschreibungsimpotenz, schlechte Literatur, langweilige Bücher. Was er damit meinte, war, er fand, dass da schnelle politische Stellungnahmen abgegeben werden und vieles, das in der Sprache stattzufinden hat, zu wenig stattfindet. Es war natürlich eine Superprovokation, er war 25, kein Mensch kannte ihn, danach kannte ihn jeder. Die gesamte Weltpresse war da versammelt. Das hat ihn bekannt gemacht, auch die Lust an der Provokation, was Freches. Was er später auch abgelegt hat, vielleicht. Er ist sanfter geworden, spätestens seit den Büchern "Wiederholung", "Mein Jahr in der Niemandsbucht", da ist er ein ruhiger beschreibender Autor.

Früher kam der Moment, wo er Schreiben und Politisches Statement gemixt hat, mit seinem Engagement für Serbien und Milošević. Das war ja eine Zumutung für viele, die seine Texte gemocht haben.

Thorsten Ahrend
Thorsten Ahrend, Leiter des Literaturhauses Leipzig und früherer Handke-Lektor Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Da möchte ich widersprechen. Das ist in einem Satz nicht einfach unterzubringen: Dass er für Serbien Stellung genommen hat und für Milošević. Er hat für Serbien Stellung genommen: für die Menschen, die er dort kannte. Er ist ein Autor, der vor diesen 90er-Jahren sehr oft in Serbien war. Er hat in den Büchern auch geschrieben, dass er ganz fremd dort war. Aber er hat nicht Milošević gelobt und nicht gesagt: das seien tolle Zeiten, dass da Kriege geführt werden. Sondern das Statement war: eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morava und Drina und der Untertitel lautet: "Gerechtigkeit für Serbien".

Das meinte die Leute, das meinte kein Lob für Milošević. Aber schon das wurde als eine Provokation empfunden, die gar nicht erlaubt zu sein schien, und dagegen hat er sich gewehrt. Und schließlich hat er Milošević, den er vorher nicht kannte, im Gefängnis besucht, weil er neugierig war auf diesen Typen. Das mag man nicht gut finden, ist mir selber auch ein bisschen fremd, aber es muss erlaubt sein, den zu befragen, um eine Idee davon zu haben, was ist das für ein Mensch, der große Schuld auf sich geladen hat.

Saša Stanišić geht Peter Handke sehr persönlich betroffen an. Nehmen Sie ihm das übel?

Ich finde es ein bisschen schade, ich glaube, dass Saša Stanišić Peter Handke nicht wirklich gelesen hat, er hat ihn auch mehr medial wahr genommen. Ich verstehe vollkommen aus der Familiengeschichte von Saša Stanišić, dass er da hochsensibel ist, dass er es nicht ertragen kann, wenn jemand für Serbien Partei nimmt. Er wirft allerdings auch Handke nicht vor, ein Kriegstreiber zu sein oder da irgendetwas beschönigt zu haben auf Seiten der serbischen Kriegsführung, sondern er sagt nur, dass es da blinde Flecke gibt, dass Handke über etwas geschrieben hat, dass angesichts der Verbrechen der serbischen Paramilitärs nicht hätte beschrieben gehört. Es gab damals ein vielzitiertes Wort von den "andersgelben Nudelnestern", das wurde Handke sehr verübelt. Aber sein Platz ist bei den Leuten, denen die Bomben auf den Kopf fallen. Und er ist in der Karwoche 1999 – als Nato-Bomber über Belgrad sind, darunter die deutsche Luftwaffe, ohne UNO-Mandat, Bomben schmeißen auf Belgrad – da sitzt er nicht im Führungsbunker von Milošević, oder wie immer das da heißt, sondern bei Leuten, die ebenso arm sind, mit gar nichts an Schuld.

Was halten Sie von dem Argument, dass Saša Stanišić für eine Generation steht, die eher eine Einheit von Kunst und Leben denkt?

Das finde ich selbstverständlich, das wird man Handke ja auch nicht absprechen. Die Einheit von Kunst und Leben wird von ganz vielen propagiert. In den Zeiten, in denen wir jetzt leben, wo es wahnsinnig viele authentische biografische Schreibweisen gibt, da ist das nicht so überraschend. Ich komm nochmal zurück auf diese Serbien-Geschichte. Kriegsanlass damals oder eine große Begründung für den Eintritt Deutschlands war der Hufeisenplan, den gab es nicht, der ist erfunden worden im deutschen Verteidigungsministerium. Das hat Handke schon wahnsinnig gemacht. Er hat natürlich überreagiert, das weiß er auch, er hat auch in den letzten 20 Jahren Einiges von dem, was er damals in patziger Art rausgehauen hat, zurückgenommen. Aber auch damals sind in seinen Büchern Millionen Fragezeichen und nicht Ausrufezeichen und Statements, die irgendwelche Gewaltakte legitimieren. Und Handke ist kein Srebrenica-Leugner, das Wort Srebrenica kommt in seinen Werken häufig vor.

Hintergrund: Peter Handke und Serbien Peter Handke wird 1942 in Kärnten geboren, sein Vater ist Deutscher, seine Mutter gehört zur slowenischen Minderheit. Handkes Interesse am Balkan wurde ihm sozusagen in die Wiege gelegt. Er bereist die Region, macht sie zum Thema seiner Bücher – und löst Kontroversen aus, vor allem mit seinem Blick auf Serbien. Handke sieht in Serbien nicht den Hauptaggressor der Balkankriege, sondern einen Bewahrer der jugoslawischen Idee, die für Handke eine Art "Europa, abgezogen der totalitären Elemente" und ein "Modell von Multikulturalität" verkörpert. Er setzt sich für Präsident Slobodan Milošević ein, besucht ihn im Gefängnis in Den Haag und hält schließlich bei dessen Begräbnis eine Rede. Dafür musste der Schriftsteller viel Kritik einstecken.

(Zusammenfassung von Srdjan Govedarica, ARD)

Das Gespräch führte Moderator Carsten Tesch für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Oktober 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2019, 12:23 Uhr

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