Gerangel um Zuständigkeiten Kopflos: Neubesetzung des Erfurter Kulturdirektoriums erneut gescheitert

Ein Kulturdirektor oder eine Kulturdirektorin könnte in Erfurt einiges leisten und die Szene in der thüringischen Landeshauptstadt neu gestalten. Doch die Stelle ist nun seit mehr als zwei Jahren unbesetzt und das Auswahlverfahren erneut gescheitert. MDR KULTUR hat sich in der Stadt umgehört und gefragt, warum eine Neubesetzung zu schwer fällt.

Luftbild-Aufnahme vom Erfurter Fischmarkt. Im Zentrum der Aufnahme steht das Rathaus, das von kleinen Gassen und Häuserreihen umsäumt ist.
Das Verfahren um das Kulturdirektorium wird im Erfurter Rathaus entschieden. Bildrechte: MDR/Andreas Metzmacher

"Ich wünsche mir einen kompetenten, innovativen Menschen - nicht unbedingt gebürtiger Erfurter –, der hier den Posten der Kulturdirektorin oder des Kulturdirektors antritt und die Stadt weiter nach vorne bringt. Das ist eine wichtige Stelle, die seit mehr als zwei Jahren unbesetzt ist", moniert Thomas Schmidt vom Kultur-Quartier. Mit diesem Wunsch ist er nicht alleine. Seit Februar 2019 ist die Erfurter Kulturdirektion ohne Leitung und es gibt auch keine Kulturlotsen mehr. Das alles stimmt vor allem die Freie Szene der Landeshauptstadt nicht besonders freudig. Andi Welskop vom Zughafen hofft, dass trotz allem endlich eine Lösung gefunden wird und "dass da nicht nur an die Altstadt gedacht wird, an Theater und Museum, sondern auch an die Kreativwirtschaft. Man sieht momentan, dass hier auch wegen der Corona-Pandemie eine ganze Branche wegbricht."

Der Zughafen in Erfurt
Im Zughafen hofft man auf Unterstützung für die Freie Szene Bildrechte: imago/Bild13

Sorge um Erfurter Kulturpolitik

Der oder die Neue hätte also alle Hände voll zu tun, um alle Akteure in Balance zu halten und Kultur mit frischem Wind zu gestalten. Doch das alles kann noch dauern. Derzeit sind sich erstmal alle einig, das hier etwas gehörig schief gegangen ist: "Dass beim dritten Mal die Ausschreibung geplatzt ist, ist für Erfurt wirklich negativ", meint Alexander Thumfart, der an der Erfurter Universität Politikwissenschaft lehrt und bis 2019 für Bündnis 90/Die Grünen im Stadtrat saß. Ausgerechnet seine Fraktion war ziemlich unzufrieden mit den Vorschlägen aus der Verwaltung und konnte sich weder mit den Ideen aus dem Kulturdezernat anfreunden, noch mit der Art und Weise, wie alles abgelaufen ist. Trotzdem ist der Jammer groß: "Wir sind alle ein bisschen überrascht gewesen, dass es so schief gegangen ist, weil die Erfahrungen in Erfurt und mit den letzten Ausschreibungen eigentlich positiv waren", so Thumfart.

Prof. Dr. Alexander Thumfart
Ehemaliger Stadtrat Alexander Thumfart Bildrechte: Hamish J. Appleby

Auch dieses Verfahren sei korrekt abgelaufen. Trotzdem scheiden sich bei der Frage um die Neubesetzung die Geister. Manch eine Fraktion möchte sich gar nicht dazu äußern, in anderen suchen die Abgeordneten nach Ausreden und würden lieber Parteikollegen reden lassen. Alles verzwickt, sagt auch jener Kulturdezernent, der das Verfahren leitete: Tobias Knoblich war selbst acht Jahre lang Kulturdirektor der Landeshauptstadt und ist inzwischen in der Verwaltung zuständig für Kultur und Stadtentwicklung. 

Streit zwischen Verwaltung und Stadtrat

Was in den vergangenen Wochen und Monaten passiert ist, erfreut auch ihn nicht. Er fasst das Problem diplomatisch zusammen: "Wir haben – das ist mir und uns schon an verschiedenen Stellen aufgefallen – ein Missverständnis, was die Rollen anbelangt: die Rolle des Stadtrates und die Rolle der Verwaltung. Das begegnet uns immer wieder, ob in Bauverfahren oder im Kulturbereich."

Man hatte drei Kandidaten im Blick und hätte sich sogar auf zwei fokussieren können, um in konkrete Gespräche zu gehen. Doch dafür brauchte man 'grünes Licht' vom Stadtrat. Der lehnte mit einer Mehrheit aus Grünen, SPD und AfD die Vorschläge ab und setzte eine deutliche Grenze. "Es lief deswegen schief, weil die Erwartungen der Verwaltung mit den Erwartungen der Politik nicht mehr zusammen gepasst haben", erklärt Thumfart von den Grünen die Verfahrensschwierigkeiten.

Tobias Knoblich, Kulturdezernent der Stadt Erfurt
Tobias Knoblich, Kulturdezernent der Stadt Erfurt Bildrechte: imago images/VIADATA

Laut eigener Aussage gewährte Tobias Knoblich aus der Verwaltung mehr Einblicke in den Auswahlprozess, als sonst üblich. So war auch die Freie Szene am Verfahren beteiligt. Aus Sicht mancher Stadträte war es trotzdem nicht genug. Sie wollten mehr Mitsprache und Entscheidungsbefugnis. Das aber lehnte der zuständige Dezernent ab und beruft sich auf das Kommunalrecht. Ausgerechnet die Partei des SPD-Oberbürgermeisters ließ Knoblich schließlich im Regen stehen.  

Befindlichkeiten in Erfurter Kommunalpolitik

Nun stellt sich die Frage, wie es weitergehen kann: Soll ein neues, viertes Verfahren gestartet werden oder das dritte weitergeführt werden? Derzeit will sich niemand auf eine Lösung festlegen, auch nicht Andreas Bausewein, Oberbürgermeister der Stadt Erfurt. Für Tobias Knoblich steht fest, "dass wir jetzt im Nachgang versuchen müssen, das mit viel Kommunikation aufzuarbeiten und zu schauen, ob da noch was zu retten ist."

Doch es ist nicht sicher, ob sich so alle Kritiker besänftigen lassen, die zu viele offene Fragen monierten, die sich und ihre Interessen zu wenig beachtet sahen oder die konkreten Einblick in alle Bewerbungsunterlagen forderten. Im Hintergrund gibt es dann auch noch persönliche Befindlichkeiten, kleine hässliche Ränkespiele und manch ein Komplott. All das dient sicherlich nicht dazu, gemeinsam und konstruktiv Kulturpolitik zu gestalten.

Kultur und Kulturpolitik in Erfurt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. August 2020 | 16:10 Uhr