Digitale Thüringer Kulturklausur Kultur nach Corona: Zeit für die große Transformation?

Seit Monaten liegt die Kulturbranche corona-bedingt brach. Fest steht: Auch die Zeit nach Corona wird nicht einfach. Wie wird es nach der Pandemie weitergehen? Braucht es ein radikales Umsteuern in der Kulturpolitik? Darüber diskutierten unter anderem Susanne Keuchel, Jonas Zipf, Tina Beer und Tobias Knoblich auf der digitalen Thüringer Kulturklausur.

Jonas Zipf auf der Bühne
Jonas Zipf, Präsident des Kulturrats Thüringen, auf der 5. Thüringer Kulturklausur. Bildrechte: Norbert Sander

Die vergangenen Monate haben die Kulturbranche zum Erliegen gebracht, und klar ist, dass eine Rückkehr zu alten Zeiten auch nach der Pandemie nicht möglich sein wird. Schrumpfende Steuereinnahmen und steigende Sozialausgaben werden erwartet, so dass eine Ressourcendiskussion unumgänglich ist. Der Thüringer Kulturrat – Dachverband verschiedener Kulturverbände im Freistaat – will sich der Debatte stellen und hat am Vormittag einen Aufschlag gewagt. In der alljährlichen Thüringer Kulturklausur – die in diesem Jahr übrigens zum ersten Mal öffentlich veranstaltet wurde – suchte man unter dem Titel "Relevanz, Resilienz, Resonanz – Kultur und die Pandemie" nach Antworten.

Pandemie als Brennglas und Katalysator

Zu Gast war etwa Pius Knüsel, Mitautor der Streitschrift "Der Kulturinfarkt". Für ihn ist die Situation klar: Die Pandemie hat die Probleme verschärft, die bereits vorher existierten. Museen und Theater erreichten viele Menschen mit ihren Angeboten nicht, subventionierte Kultur sei eine Sache von Gebildeten für Gebildete. Er plädiert stattdessen für die Idee, Mikrostrukturen zu fördern: "Diese sollten den Leuten Mut machen, selbst aktiv zu werden. Man könnte ihnen auf Vertrauensbasis dabei helfen, etwa mit Mikrokrediten im Kulturellen, die sie nie zurück zahlen müssen."

Pius Knüsel
Pius Knüsel, Direktor der Volkshochschule Zürich. Bildrechte: Norbert Sander

Es ist der Angriff auf die Institutionen, der Knüsel vorschwebt. Ein radikaler Ansatz, der bei den anderen Teilnehmenden mit gemischten Gefühlen wahrgenommen wird. So plädiert Kulturratspräsident Jonas Zipf dafür, die Institutionen viel mehr als verlässlichen Partner in einer sich wandelnden Kulturpolitik wahrzunehmen. Ihre Agilität sei vielleicht nicht so groß wie gewünscht, dennoch bildeten sie die Grundlage für eine stabile und qualitätvolle Kulturlandschaft: "Wir stecken hier auch in einem Dilemma: Niemand wird eine Wahl gewinnen mit der Ansage: '20 Prozent der Museen brauchen wir nicht mehr, wir stecken Gelder lieber in innovative Projekte'. Das ist also eine ganz heikle Diskussion."

Kürzungen sind nicht der Weg zum Ziel

So richtig ans Eingemachte will sich deswegen auch niemand wagen, konkreter als bei Zipf wird es nicht. Für Tobias Knoblich, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft (KuPoGe), sind solche konkreten Kürzungsvorstöße auch nicht der Weg zum Ziel. Man müsse neue Narrative in die Debatte einführen, fordert Knoblich mit Verweis auf den jüngst gestarteten Blog "Neue Relevanz" der KuPoGe, und so den Wandel positiv besetzen. Nachhaltigkeit spiele auch hier eine Rolle, man sollte im Kulturbereich von der Wachstumsorgie der vergangenen Jahre wegkommen, "wir müssen Wandel als Normalität begreifen".

Wir müssen Wandel als Normalität begreifen.

Tobias Knoblich, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft
Tobias Knoblich
Tobias Knoblich, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft Bildrechte: Norbert Sander

Knoblich, der auch Erfurter Kulturbeigeordneter ist, spricht genauso wie Zipf von einer Art Implosion der städtischen Kulturpolitik, von einem Personal- und Geldmangel, mit dem der Vielzahl an Projekten eigentlich gar nicht mehr bei zu kommen ist. Er hat spürbar Sympathien für Knüsels Ideen, bricht aber ebenfalls nicht herunter, was er sich in der Konsequenz auf der von ihm verantworteten städtischen Ebene vorstellen könnte: Das kaputt gesparte Volkskundemuseum dicht machen? Die Finanzierung des kulturellen Supertankers Theater Erfurt grundlegend überdenken?

Wieso gerade bei der Kultur sparen?

Am Ende ist vor allem eines klar: Diese Debatte steht noch ganz am Anfang, und sie wird – trotz allen Aufbruchsgeistes – schmerzhaft werden. Staatssekretärin Tina Beer ist offen, die Diskussion weiter zu führen. Auch, wenn sie eine Frage in den Raum wirft, bei der fast alle Beteiligten dann doch leise in sich hinein nicken: Wieso sollten wir in den kommenden Jahren gerade bei der Kultur sparen, und nicht eher andere Bereiche angehen, denen es bislang immer besser ging?

Thüringer Kulturklausur digital
Die Thüringer Kulturklausur fand am 12. Mai 2021 digital und erstmals öffentlich zugänglich statt. Bildrechte: Norbert Sander

Die Kulturklausur im Radio Die 5. Thüringer Kulturklausur kann am 1. Juni 2021 um 22 Uhr in der MDR KULTUR-Werkstatt nachgehört werden.

Aktuelle kulturpolitische Debatten in Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur Kompakt | 12. Mai 2021 | 08:30 Uhr

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