Zwei Hände auf den Tasten eines Pianos
Warum nicht im Ruhestand das Klavierspielen lernen? Bildrechte: IMAGO

Tipps für den Ruhestand Gibt es ein Leben nach dem Job?

Zwei Hände auf den Tasten eines Pianos
Warum nicht im Ruhestand das Klavierspielen lernen? Bildrechte: IMAGO

In Deutschland leben mittlerweile 15.000 Menschen, die 100 Jahre alt oder älter sind. Wir leben länger und wir sind zugleich länger fit. Und so gibt es immer mehr Leute, die sich zu jung fühlen fürs Altenteil, auch wenn sie sich natürlich auf den Ruhestand freuen. Für sie und für alle andern hat die Persönlichkeitstrainerin Iris Seidenstricker ein Buch vorgelegt: "Zeit für Neues. Wie Sie herausfinden, was Sie im Ruhestand machen möchten". Die Autorin war mit MDR KULTUR im Gespräch zu den besonderen Herausforderungen des Ruhestandes und gibt Tipps, wie man das Beste aus seinem Leben macht.

MDR KULTUR: Der wohlverdiente Ruhestand - viele freuen sich darauf, um dann festzustellen, dass es kein Urlaub ist, sondern etwas ganz Neues. Was bedeutet der Abschied aus dem Job?

Iris Seidenstricker: Der Abschied aus dem Erwerbsleben ist der Übergang und Beginn einer neuen Lebensphase. Und damit eben auch der Bruch mit einer alten. Also, das ist eine richtige Zäsur. Denn das vertraute Leben mit dem Beruf bricht plötzlich weg, die Rolle, die man in seinem Beruf hatte und alles, was damit verbunden war, die Tagesstruktur, die Visitenkarte, die Kollegen, die Anerkennung und für viele eben oft auch das Gefühl, gebraucht zu werden. Das ist plötzlich nicht mehr da.

Die Deutschlehrerin Regina Claving hält bei einer Unterrichtsstunde in Deutsch für Flüchtlinge ein geöffnetes Buch, so dass ihre Zuhörer hineinsehen können; im Hintergrund sind ein Mann mit dunkler Hautfarbe und eine Tafel zu erkennen
Ein Ehrenamt kann dem Leben Sinn verleihen. Bildrechte: MDR/Johanna Hemkentokrax

Und das kann total durchschüttelnd, richtiger Stress sein, weil wir damit bisher überhaupt keine Erfahrung hatten. Wir waren noch nie in einer solchen Situation. Wir müssen unseren Alltag jetzt komplett neu organisieren und auch einen neuen Lebensrhythmus finden. Auch mit unserm Partner und unserer Partnerin zusammen, was eben oft auch vergessen wird.

Und genau das ist die große Herausforderung - aber eben auch eine riesige Chance. Wir haben jetzt die Freiheit und die Möglichkeiten, unsere Lebenszeit so zu gestalten, wie wir es möchten und vielleicht eben noch mal was ganz Neues anzufangen.

Der Ruhestand verspricht einen Gewinn an persönlicher Freiheit. Aber auch Verlust an Struktur, Verlust an Bedeutung. Man kann sich nicht mehr über die Arbeit definieren. Reicht es, sich darüber bewusst zu sein oder sollte man sich drauf vorbereiten?

Vorbereiten auf seinen Ruhestand kann man sich ideal, indem man sich ruhig auch einige Jahre vor seinem Beginn mit ihm auseinandersetzt und sich Gedanken darüber macht. Eigentlich genau wie bei der Berufswahl auch. Da fragte man sich ja auch schon: was will ich mal machen, was will ich werden, wie und wo sehe ich mich in einigen Jahren?

Gibt es noch ein paar andere Tipps?

Ein Großvater und sein Enkel lesen gemeinsam eine Weihnachtsgeschichte
Wer in Rente ist, kann eines der kostbarsten Güter verschenken: Zeit. Die berufstätigen Kinder freuen sich über die Entlastung. Bildrechte: IMAGO

Man sollte  sich auch die Zeit für sich nehmen und sich dabei wieder ganz neu kennenlernen. Im Berufsleben vieler Menschen bleibt ja oftmals gar nicht der Raum, die eigenen Interessen oder Hobbys zu verfolgen oder neue finden und für sich zu entwickeln.

In meinem Buch biete ich daher viele Impulse an, um sich über die eigenen Vorstellungen wieder klar zu werden. Und es gibt auch einen umfangreichen Fragebogen, der nach den Interessen, Wünschen und Vorlieben fragt und der auch die Sehnsüchte berücksichtigt, die man im Leben, vielleicht auch schon als Kind hatte oder eben noch hat. Dieser Fragebogen reicht dann bis hin zu den ganz großen Sinnfragen, zum Beispiel: was möchte ich auf dieser Welt einmal hinterlassen?

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Mit diesem schrecklichen Satz sind wir aufgewachsen - gilt er noch?

Ältere Menschen beim Wandern
Ältere Menschen sind heute viel länger agil Bildrechte: Colourbox

Überhaupt nicht. Die Hirnforschung hat uns diese wunderbare Erkenntnis gebracht, dass sich unser Gehirn lebenslang entwickelt und wir bis ins hohe Alter, bis zu unserem Tod ständig dazu lernen können. Ich kann eine Sprache oder ein Musikinstrument lernen oder auf meinen Musikinstrument, dass ich vielleicht schon kann, besser werden. Ich kann mir handwerkliche Fähigkeiten aneignen.

Und, was natürlich auch ganz wichtig ist in Zeiten wie diesen, ich kann mein neues Smartphone mit seinen vielen Funktionen entdecken und irgendwann ganz souverän handeln. Davor haben ja auch immer viele Angst, dass sie mit der Technik nicht mehr Schritt halten können.

Sogar studieren kann ich noch. Die älteste Studentin der Welt ist eine Amerikanerin, die hat mit 95 Jahren ihr Geschichtsstudium erfolgreich abgeschlossen und dann noch drei Jahre ein Aufbaustudium gemacht, das sie ebenfalls erfolgreich absolvierte. Also, dem Lernen sind keine Grenzen, vor allem keine Altersgrenzen gesetzt.

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Mai 2018 | 13:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Mai 2018, 12:45 Uhr