Dirk von Lowtzow: Aus dem Dachsbau
Der Buchtitel "Aus dem Dachsbau" formt ein ABC Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Dirk von Lowtzow: "Aus dem Dachsbau" Lohnt sich das Literatur-Debüt des Tocotronic-Sängers?

Dirk von Lowtzow ist der Sänger der Band Tocotronic, die seit jeher als die Intellektuellen unter den deutschen Popgruppen gelten. Nun hat von Lowtzow eine Art Autobiografie veröffentlicht. Es ist natürlich nicht die Selbstbeweihräucherung eines alternden Musikstars geworden. Das Buch hilft, die Gedankenwelt von Tocotronic und ihres Sänger besser zu verstehen. Für ernsthafte Fans ist sie Pflichtlektüre.

von Kais Harrabi, MDR KULTUR

Dirk von Lowtzow: Aus dem Dachsbau
Der Buchtitel "Aus dem Dachsbau" formt ein ABC Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Gleich auf den ersten Seiten von "Aus dem Dachsbau" wird klar, wie viel Autobiographie eigentlich im letzten Tocotronic-Album "Die Unendlichkeit" stecken muss. Die Querverbindungen zwischen Buch und Platte sind an vielen Stellen kaum zu übersehen. Dirk von Lowtzow bekennt dazu: "Später als Teenager entdecken wir Punk. Ich ziehe in den Keller im Reihenhaus meiner Eltern, spiele jeden Tag Gitarre und komponiere Songs. Wir gründen eine Band, gemeinsam mit Hendrick Hallersleben, dem Sohn des Schuhmachermeisters Fritz Hallersleben. Auch er wohnt im Keller, hat dort jedoch viel mehr Platz, so dass wir bei ihm proben. Die Band heißt "Die Kranken".

Sänger Dirk von Lowtzow der Kultband Tocotronic
Dirk von Lowtzow bei einem Auftritt mit seiner Band Tocotronic Bildrechte: imago/Christoph Worsch

Spiel mit der Realität

Eine schnöde Musikerautobiographie eines alternden Rockstars, in der Songzeilen erklärt werden, ist "Aus dem Dachsbau" aber keineswegs. Von Lowtzow schreibt stattdessen über all die Themen, die auch die Musik der Band Tocotronic geprägt haben: Aufbegehren im Reihenhaus, Freundschaften, Außenseitertum. Was fiktiv ist und was Autobiographie bleibt oft unklar. Die Kapitel sind kurz aber sie gewähren tiefe Einblicke in das Innenleben. So schreibt er "Ich fühle mich oft einsam und in meiner eigenen Wohnung eingesperrt. Ich versuche diesem Zustand zu entfliehen, indem ich zwanghaft ausgehe. Oft überrede ich Barbekanntschaften, bei mir zu Hause weiterzutrinken, um der Stille zu entfliehen. Meine Tage beginnen meist verkatert und erscheinen mir endlos."

Ein Buch steht hochkant, leicht geöffnet, einige Seiten lesbar, auf einem Glastisch.
Einige seiner Kapitel hat Dirk von Lowtzow mit Zeichnungen illustriert. Bildrechte: MDR/Kiepenheuer&Witsch

Selbsterkundung

"Aus dem Dachsbau" ist hauptsächlich eine Art Selbsterkundung geworden. Mit großer Behutsamkeit schreibt von Lowtzow da über die Momente außerhalb des Tocotronic-Lebens. Ereignisse, die ihn geprägt haben, die in der Musik nachhallen. So wie der Tod des Jugendfreundes Alexander, der im Buch immer wieder auftaucht. Von Lowtzow schreibt mit genau der gleichen Melancholie darüber, die sich auch in den Songs wiederfindet. Das Buch hilft zu verstehen, woher diese Melancholie kommt. Von Lowtzows Stimme verkündete immer die Rebellion, aber immer war auch klar, dass diese Rebellion scheitern musste und nur Attitüde war. Manic Depression statt Teenage Riot.

Ich mimte den punkigen Exzentriker, der mit bunten Perlenketten behängt in Springerstiefeln über die Gänge schlurft. In Wahrheit war ich ein behütet aufgewachsener Gymnasiast, der noch nie gearbeitet hatte, außer in den Ferien in der Pfefferminzfabrik, um Geld für eine Lederjacke zu verdienen.

Dirk von Lowtzow in seinem Buch

Der unverkennbare Dirk-von-Lowtzow-Sound, diese eigenwillige, introvertierte Poesie funktioniert auch in Prosatexten fantastisch. Trotzdem bleiben Wehrmutstropfen: Wer mit der Musik von Tocotronic nichts anfangen kann, dem wird wohl auch das Buch relativ wenig geben. Dafür sind die Bezüge zwischen beiden dann doch zu ausgeprägt. Das geht soweit, dass in manchen Kapiteln sogar die Entstehungsgeschichten bestimmter Songs beschrieben werden.

Mir ist, als hämmerten Spechte wie irr auf die Baumstämme ein. Unterstützt durch ihren Rhythmus, den Schlag meines Herzens und den vorsichtigen Tritt meiner Stiefel entsteht in meinem Kopf eine beständig um sich selbst kreisende Melodie.

Dirk von Lowtzow über den Kreativprozess

Wer es gerne etwas abstrakter hat, der kann sich in "Aus dem Dachsbau" auch auf die Suche nach der Antwort auf die Frage machen, wie und wo Kunst entsteht und dass es immer ein sehr persönlicher Prozess ist. Für alle, die bei Tocotronic also mit einer gewissen Ernsthaftigkeit Text-Exegese betreiben wollen, ist "Aus dem Dachsbau" Pflichtlektüre. Wer mit der Band nichts anfangen kann, der wird sich zwischendrin aber manchmal etwas verloren fühlen.

Ein Buch liegt, leicht geöffnet, einige Seiten lesbar, auf einem Holztisch.
Blick ins Buch Bildrechte: MDR/Kiepenheuer&Witsch
Ein Buch steht hochkant, leicht geöffnet, einige Seiten lesbar, auf einem Glastisch.
Dirk von Lowtzow: "Aus dem Dachsbau" Bildrechte: MDR/Kiepenheuer&Witsch

Angaben zum Buch Dirk von Lowtzow: "Aus dem Dachsbau"
192 Seiten, gebunden, 20 Euro
ISBN: 978-3-462-05079-0
Kiepenheuer & Witsch

Weitere Informationen Hörbuch:
erschienen im Argon Verlag
ungekürzte Autorenlesung von Dirk von Lotzwow
Laufzeit 3 Stunden, 30 Minuten, 3 CDs
20 Euro
ISBN: 978-3-8398-1690-5

Lesung:
21. März 2019 | Leipzig | Conne Island
10. April 2019 | Berlin | Hebbel am Ufer

Album:
"Die Unendlichkeit"
von Tocotronic
erschienen bei Vertigo Berlin (Vertigo Music) 2018
als CD und Vinyl erhältlich

Dirk von Lowtzow

transparent

Mit ihrem aktuellen Album "Die Unendlichkeit" haben Tocotronic ein Album veröffentlicht, das als Konzept die eigene Biografie behandelt. Sänger Dirk von Lowtzow spricht in der Studiosession über den Entstehungsprozess.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 07.04.2018 16:05Uhr 23:36 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Februar 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2019, 17:10 Uhr

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