Zum 65. Todestag Was Thomas Manns "Der Zauberberg" über unsere Gegenwart sagt

In Thomas Manns "Der Zauberberg" will Protagonist Hans Castorp drei Wochen im Sanatorium von Davos verbringen – am Ende bleibt er sieben Jahre. Man könnte den "Zauberberg" aus dem Jahr 1924 als Metapher für die Zeit lesen, in der wir uns gerade befinden. Vor 65 Jahren, am 12. August 1965, ist Thomas Mann gestorben. Doch was hat uns der Schriftsteller heute noch zu sagen? MDR KULTUR im Gespräch mit Literaturhistoriker Tilmann Lahme von der Universität Lüneburg.

Der Author Thomas Mann 9 min
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MDR KULTUR: Herr Lahme, sollten wir das Buch "Der Zauberberg" in Pandemie-Zeiten wieder zur Hand nehmen?

Tilmann Lahme: Zunächst einmal: Literatur hilft immer. "Der Zauberberg" ist ein so großartiges Werk. Also unbedingt. Aber: Dort werden aus drei Wochen sieben Jahre. Wenn wir das jetzt auf unsere Situation beziehen – also das aus unserer Pandemie-Situation jetzt sieben Jahre werden – dann bitte nicht. Die kann man zwar unangenehmer verbringen als die Welt auf dem Zauberberg, wo sie alle umeinander in so einem luxuriösen Bergsituation leben und alle wichtigen Themen verhandeln. Aber eine etwas kürzere Zeitperiode für uns, das wäre schon schön.

Von sieben Jahren müssen hoffentlich nicht ausgehen. Aber aktuell bleibt dieses Gefühl, ein Zeitgefühl zu verlieren. Nicht zu wissen, wie lange bestimmte Krankheiten, bestimmte Pandemien andauern und wie man damit umgeht?

Der Roman ist ein Zeitroman. Das ist eins der zentralen Themen dieses Romans. Die Hauptperson Hans Castorp gerät in diesen Sog hinein und – im Roman  wird gesagt – er wird eine Art Siebenschläfer. […| Alles wird leicht zeitlos. Man redet miteinander über die zentralen Themen, verliert aber irgendwie den Kontakt zur wirklichen Gegenwart.

Man verliert sich in der Zeit?

Tilmann Lahme, deutscher Autor und Literaturhistoriker.
Tilmann Lahme, deutscher Autor und Literaturhistoriker. Bildrechte: dpa

Man verliert sich vollkommen – in allen möglichen Themen. In Krankheit auch. Die gucken auf Röntgenbilder und man glaubt, man guckt seinem eigenen Tod ins Gesicht. Das ist eben das, was es noch nicht gab und es ist berührend, zu lesen, was das mit dem Menschen auslöst und wie sie um sich kreisen und den Kontakt zu dem verlieren, was eigentlich in der Welt sonst noch los ist.

Wenn wir über den Zeitfaktor sprechen, reden wir auch über die Länge der Romane von Thomas Mann. "Der Zauberberg" ist sehr umfangreich, "Die Buddenbrooks" auch. Viele Schülerinnen und Schüler mussten sich durch die Buddenbrooks "durchkämpfen". Das Lesen der Thomas-Mann-Sprache, mit langen Sätzen und vielen Nebensatzkonstruktionen braucht Zeit. Haben wir die heute noch?

In der Schule werden sie es nicht mehr erleben, dass sie den gesamten Zauberberg oder Buddenbrooks lesen. Sie würden jetzt vielleicht noch dass Schlaf-Kapitel lesen. Diese Dimension von Zeit, die haben wir gar nicht mehr in der Schule. Das hat nichts mit der Corona-Pandemie zu tun, sondern damit zu, dass man einfach nicht mehr ein halbes Jahr lang einen Roman liest, sondern man hat alle sechs Wochen ein neues Thema. Thomas Mann ist ein Problemfall für die Literatur, weil seine Texte so komplex, so anspruchsvoll und so lang sind. Das ist ein bisschen traurig, aber das ist so.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. August 2020 | 08:40 Uhr