125. Todestag Christian Bernhard Tauchnitz: Erfinder und Verleger der Tauchnitz-Edition

Bei großen Leipziger Verlegern fallen meist die Namen Brockhaus, Reclam oder Meyer ein. Christian Bernhard Tauchnitz ist hierzulande weit weniger bekannt; in den USA und England ist er deutlich berühmter. Kein Wunder, war seine verlegerische Haupttat die "Collection of British and American Authors", die sogenannte "Tauchnitz-Edition". Die bedeutendsten Werke englischsprachiger Autoren im Original machten den Verleger zum siebtreichsten Mann Sachsens. Vor 125 Jahren starb Tauchnitz.

Zeitgenössische Porträt des deutschen Verleger Christian Bernhard Freiherr von Tauchnitz (1816-1895)
Christian Bernhard Tauchnitz, Verleger aus Leipzig, ist am 13. August 1895 gestorben. Bildrechte: dpa

"Ein seltsamen Gebaren zeigen die Reisenden auf dem Ärmelkanal", schrieb einst Herbert George Wells. "Sie werfen Bücher ins Wasser. Nicht irgendwelche, sondern allein Werke aus der 'Collection of British Authors'". Praktisch die gesamte Tauchnitz-Edition sei versammelt gewesen. "Im letzten Moment über Bord geworfen von gewissenhaften oder eingeschüchterten Reisenden, die vom Kontinent zurückkehren."

Die Ursache für dieses seltsame touristische Verhalten findet sich in einem Brief, den Christian Bernhard Tauchnitz 1843 an Englands Dichter und Verleger richtet. Darin schrieb Tauchnitz: "Der Wunsch, neue englische Werke in der Originalsprache in Deutschland zu veröffentlichen, die von den Autoren sanktioniert sind, ist der Grund, warum ich mich an Sie wende. Dafür wollen sie mir die Genehmigung erteilen, meine Ausgabe in Europa zu veröffentlichen. Ich erheische in keiner Weise das Recht, meine Ausgabe in England zu vertreiben." Weshalb gesetzestreue Reisende die Bücher vorsichtshalber über Bord werfen.

Preiswerter und schneller

Christian Bernhard Tauchnitz absolviert die klassische Karriere eines Leipziger Mittelstandsbuben: Höhere Schule, Buchhändlerlehre im Geschäft eines Onkels, dann Schriftsetzerlehre und mit 21 Jahren Gründung eines eigenen Verlages. Das Programm: juristische und theologische Bücher, Shakespeare-Dramen und Werke über die Behandlung von Scheintoten.

1840 kam Tauchnitz die zündende Idee: englischsprachige Literatur, gedruckt in der hauseigenen Druckerei. Da die Löhne in Leipzig deutlich niedriger als in London sind, kann Tauchnitz die Bücher preiswerter anbieten und ist schneller, da der Transport entfällt. Im September 1841 erscheint der erste Band der "Collection of British Authors". Ein zweiter soll nicht lange auf sich warten lassen: "Diese Taschenausgabe ist sehr wohlfeil und elegant. Besonders aber empfiehlt sie sich durch Korrektheit. Die Fortsetzung soll schnell erscheinen."

Autoren zunächst ohne Honorar

Es sind Raubdrucke, die englischen Autoren sehen keinen Penny. Ein europäisches Urheberrecht, das sie schützt, gibt es nicht. Er handelt mit dem Nachdrucken gesetzeskonform, betont Bernhard Tauchnitz in seinem Schreiben an die englischen Verleger, schlägt aber vor "einen ersten Schritt zu einer literarischen Verbindung von England und Deutschland zu tun, um eine Ausdehnung des Copyrights zu erreichen.“

Die Autoren sind begeistert, vor allem über die Höhe der Tauchnitzschen Honorare. Lord Macaulay erhält für seine "History of England" 50.000 Mark und George Eliot, Robert Louis Stevenson oder Charles Dickens bitten Tauchnitz, die Summen doch selbst festzulegen. "Was für einen Preis sie auch nennen werden, ich werde zufrieden sein", schreibt Dickens, der seinen Sohn Charley bei Tauchnitz wohnen lässt, wie umgekehrt Carl Bernhard Tauchnitz eine Zeit lang bei den Dickens lebt.

Adelung zum Dank

Mit seiner "Collection" macht Bernhard Tauchnitz die angelsächsische Literatur in Deutschland populär. Queen Victoria schätzt den Leipziger Kulturvermittler so, dass sie ihn zum britischen Generalkonsul ernennt. Und ihr Schwiegervater, der Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha, adelt ihn.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. August 2020 | 06:40 Uhr