Autor "Der Herr der Ringe" Wie Tolkien mit "Briefen vom Weihnachtsmann" seine Kinder begeisterte

Eine liebevolle Familientradition hat Hobbit-Erfinder J. R. R. Tolkien geschaffen. Er schrieb seinen Kindern vermeintliche "Briefe vom Weihnachtsmann", an sie adressiert und voller wunderbarer Geschichten.

J. R. R. Tolkiens Romane wie "Der Herr der Ringe" oder "Der Hobbit" sind in der ganzen Welt bekannt. Es gibt aber Geschichten auch von ihm, die zunächst nur seinen Kindern ganz allein gehörten. Es sind die an sie adressierten "Briefe vom Weihnachtsmann". Diese gehören nicht sofort, aber bald zum Festritual.

Authentisch bis zur Handschrift

Der erste Weihnachtsbrief von John Ronald Reuel Tolkien wird 1920 zugestellt. Er kommt direkt aus dem Weihnachtshaus am Nordpol und Empfänger ist der dreijährige Tolkien-Sohn John Francis.

Lieber John, Du hast Deinen Vater gefragt, was ich für einer bin und wo ich wohne. Also habe ich mich und mein Haus gemalt, extra für Dich.

Aus dem ersten Weihnachtsmannbrief Tolkiens

Auf einer Zeichnung kann John Francis nun den durch den Schnee stapfenden "Father Christmas" mit obligatorischem Sack auf dem Rücken bewundern, auf einer anderen das geschmackvolle Rundhaus am schneebedeckten Pol. Dazu gibt es ein paar Zeilen in rot, geschrieben mit vermeintlich zittriger Hand, denn der Weihnachtsmann ist fast 2000 Jahre alt.

Kinder sind Inspirationsquelle

Die wachsende Kinderschar in der Familie spitzt Tolkiens Fabulierlust, Witz und Einfallsreichtum merklich an. Die Briefe werden länger, Geschichten entstehen. So muss der Weihnachtsmann 1925 ins Klippenhaus am Ende der Welt beim Nordpol umziehen – wegen seiner Zipfelmütze: "Sie flog davon und blieb an der Spitze des Nordpols hängen. Obwohl ich ihm sagte, er solle es bleibenlassen, kletterte der Nordpolarbär bis zur dünnen Spitze hinauf, um die Mütze zu holen – und das hat er auch geschafft. Aber die Nordpolspitze ist mitten entzweigebrochen und auf das Dach meines Hauses gefallen, und durch das Loch plumpste der Nordpolarbär und der ganze Schnee rutschte vom Dach ins Haus hinein und ist geschmolzen."

Der Nordpolarbär wird zur helfenden Tatze des Weihnachtsmannes, wenn er auch in den Augen des "Father Christmas" zu gefräßig und gelegentlich zu faul ist. Ab und an kommentiert er die Briefe des Geschenkeverteilers.

Höhlenbär, Wichtel, Rentiere

Neben dem Nordpolarbär tauchen Kobolde auf und ein Höhlenbär, Elbchen und Wichtel, ein Schneemann gibt den Gärtner und der Mann-im-Mond landet betrunken unterm Weihnachtsmann-Sofa. Die Rentiere spielen eher eine Nebenrolle.

Weihnachtsmann schreibt einen Brief
Tolkiens Kinder konnten glauben, dass ihnen der Weihnachtsmann persönlich schrieb. Bildrechte: imago images / McPHOTO

Irgendwelchen Bildern, auf denen Ihr mich am Steuer eines Flugzeuges oder Automobils seht, dürft ihr nicht glauben. Ich kann diese Dinger nicht lenken, und mir liegt auch gar nichts daran, sie sind ohnehin viel zu langsam (vom Gestank ganz zu schweigen) ­– kein Vergleich mit meinen Rentieren, die ich selbst ausbilde.

Aus einem Weihnachtsmannbrief Tolkiens

Auch Aktuelles einbezogen

Manches an diesen Briefen kommt dem Mittelerde-Kenner seltsam vertraut vor. Wenn der Weihnachtsmann von prachtvollen Höhlen zu schwärmen beginnt, gewaltige Schlachten geschlagen werden oder der Nordpolarbär zwar nicht elbisch, dafür aber arktisch spricht.

Und trotz des mitunter festlich-absurden Charakters der Briefe – die Wirklichkeit spart Weihnachtsmann Tolkien nicht aus. 1940 heißt es:

Wir haben eine schwierige Zeit zu überstehen in diesem Jahr. Wegen dem entsetzlichen Krieg gehen uns bald die Geschenke aus, und in vielen Ländern leben die Kinder weit weg von ihrer Heimat. (Polarbär hatte alle Hände voll zu tun, unsere Adresslisten auf dem neusten Stand zu halten.)

Aus einem Weihnachtsmannbrief Tolkiens

Der letzte Brief ereilt die Tolkiens 1943. Da ist das Nesthäkchen der Familie, die einzige Tochter Priscilla, bereits 14 Jahre alt. Irgendwann kommt eben der Zeitpunkt, da verlieren selbst die bezauberndsten Briefe des Weihnachtsmanns an Reiz für den Empfänger.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Dezember 2019 | 08:45 Uhr

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