Autor Tom Kummer "Von schlechten Eltern": Ein Versuch, den Tod literarisch zu verarbeiten

Tom Kummer ist vielleicht so etwas wie der böse Bube des deutschen Pop-Journalismus. In den 90er-Jahren wurde er mit seinen offensiv und zugleich sehr persönlich geführten Interviews berühmt. Gespräche mit Sharon Stone, Charles Bronson oder Brad Pitt wurden in Zeit, Spiegel oder Tempo veröffentlicht. Diese Interviews aber, so wurde dann ab dem Jahr 2000 bekannt, waren an vielen Stellen gefälscht oder wiederum aus anderen Interviews abgeschrieben. Ein Riesenskandal, der Tom Kummer bis heute anhängt – den man aber vielleicht ausblenden sollte, wenn man nun den Schriftsteller Tom Kummer und seinen neuen Roman "Von schlechten Eltern" liest.

Tom Kummer
Tom Kummer, geboren 1961 in Bern, ist ein Schweizer Autor. Bildrechte: imago/Gerhard Leber

In "Von schlechten Eltern" nimmt Autor Tom Kummer wieder auf, worüber er schon in seinem 2017 erschienenen Roman "Nina & Tom" geschrieben hat: Er versucht, den Tod seiner Frau Nina im September 2014 zu bewältigen. Offensichtlich war sie für ihn in jeder Hinsicht genau das passende Gegenstück zu seiner eigenen Existenz. Die nach ihrem Tod empfundene übergroße, lähmende Trauer macht das Buch zu einem berührenden Leseerlebnis.

Im Luxus-Taxi durch die nächtliche Schweiz

Auf dem Cover von Tom Kummers Buch ist ein Bergsee abgebildet, an dem ein Mann mit einem Kind an der Hand steht.
Wie in "Nina & Tom" schreibt Tom Kummer in "Von schlechten Eltern" über den Verlust seiner Frau. Bildrechte: Klett-Cotta Verlag Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

Das Erzählgerüst ist leicht zu beschreiben: Der Ich-Erzähler heißt auch im Roman Tom Kummer und ist mit einem der beiden Söhne, dem zwölfjährigen Vincent, aus Los Angeles zurück in die Schweiz gekommen. Hier hat er einen ausgefallenen Job: Er fährt für ein Luxus-Taxi-Unternehmen nachts afrikanische Geschäftsleute durch die Schweiz. Morgens kommt er dann nach Hause, macht seinen Sohn fertig für die Schule und legt sich danach schlafen.

Trugbilder auf der Frontscheibe

Der eigentliche Erzählraum entsteht aber über die Details: Während der nächtlichen Fahrten erscheint dem Erzähler seine Frau. Er sieht Wunsch- bzw. Trugbilder auf der Frontscheibe, findet in langen Erinnerungsschüben die Bilder der Liebesgeschichte und des gemeinsamen Lebens mit Nina und den beiden Jungs, von denen der ältere in Amerika geblieben ist.

Leseprobe aus "Von schlechten Eltern"

Im Halbschlaf umarmt er mich wie aus einem Reflex heraus. Als ob er den Spannungszustand seines Vaters erahnen könnte. Ich stecke meine Nase in seine Achselhöhle. Ich mag die Gerüche, die sein Körper ausströmt. Meine rechte Hand liegt jetzt auf seinem Hals. Ich taste den kleinen Adamsapfel ab, spüre dabei den Körper seiner Mutter, kann sie auf seiner Haut riechen. Ich lege mein Ohr an seinen Mund, um ihren Atem zu hören. Vincents Körper macht mich glücklich. Es ist ein rauschhaftes Gefühl der Erleichterung. Hier liegen wir jetzt zusammen, in einem wunderschönen Stück Welt. Ein Kinderzimmer über Bern. Vincent schmiegt seine Schulter an meine Schulter. Ich spüre seine Wärme. Ich küsse seine Hand, küsse sein schönes Gesicht. 

Ein bisschen Kino und Film noir

Dazu kommen Gesprächsfetzen mit den Fahrgästen, die oft in nicht ganz saubere Geschäfte verstrickt zu sein scheinen. Sie steigen etwa mit Geldkoffern in das Taxi, die sie via Handschelle am eigenen Körper befestigt haben. Manche dieser Mitfahrer kennen magische Methoden, die sie Tom empfehlen, damit er mit seiner Trauer umzugehen lernt. Beim Lesen ist dabei immer die Angst präsent, dass der Erzähler seiner Trauer, seinen Erinnerungen und auch der Verantwortung für seinen Sohn nicht mehr standhalten könnte.

Leseprobe aus "Von schlechten Eltern"

Wissen Sie, Monsieur Tom. Sie können über einen nigerianischen Arzt denken, was Sie wollen. Ich hatte viele prominente Schweizer Patienten, die meine Methoden zuerst anzweifelten. Danach habe ich ihr Leben gerettet. Afrika mag in großes Leid getaucht sein. Aber Afrika schafft es, den Tod und die Trauer als Teil des Lebens zu feiern. Wieso ist das so? Wieso erfahren wir Afrikaner das Sterben als das, was es ist: ein großartiger Übergang? Und die Trauer als große Party? Eine Generation stirbt, die andere übernimmt. Die Toten existieren trotzdem weiter. Wieso schaffen es die Leute im Westen nicht, daran zu glauben? Realistisch betrachtet? Als mir kürzlich eine Klimaaktivistin vorgestellt wurde, da war sofort klar, dass hier, realistisch betrachtet, ein fehlgeleitetes Wesen vor mir steht. Von Optimierungswahn und Weltuntergangs-Paranoia zerstört. Das ist der wahre Hokuspokus.

Söhne halten Erzähler in der Welt

Tom Kummer
Als Journalist löste Tom Kummer im Jahr 2000 wegen fiktiver Interviews einen Medienskandal aus. Bildrechte: Susanne Schleyer/autorenarchiv.de

Es ist der Sohn, der seinen Vater immer wieder ermutigt und geradezu ermahnt, sich wieder dem Leben und den Lebenden zuzuwenden. Das ist vielleicht das untergründige Zentrum dieses Romans: Der Vater hat dem Kind zu folgen und zu vertrauen. Immer ist es Vincent, der seinen Vater dazu verpflichtet, mal wieder rauszugehen, mit ihm Basketball zu spielen – also die passive, lähmende Trauer sozusagen in eine aktive umzuwandeln. Dabei fällt die Authentizität auf, mit der Sohn beschrieben wird, etwa wenn er ein neues Gefährt seines Vaters begutachtet.

Dad, dieser Wagen ist total krank!

Vincent in "Von schlechten Eltern"

Fazit

Bei Tom Kummers Vorgänger-Roman haben Kritiker festgestellt, dass er zum Beispiel in einzelnen Passagen wortgetreu Sätze des berühmten amerikanischen Erzählers Richard Ford abgeschrieben hat. Es ist unklar, ob es auch im neuen Roman solche Stellen gibt – aber selbst wenn: Zum einen fällt das für Kummer womöglich unter das Gestaltungsprinzip postmodernen Erzählens. Zum anderen wirkt dieses Buch in seiner Trauer und in seinen grundsätzlichen erzählerischen Strömen absolut echt.

Mehr zum Autor Tom Kummer ist am Samstag, 14. März 2020, zu Gast bei der virtuellen Radio-Buchmesse von MDR KULTUR.

Mehr zum Buch Tom Kummer: "Von schlechten Eltern"
Tropen / Klett-Cotta-Verlag
Gebundene Ausgabe, 245 Seiten
ISBN: 978-3608504286
Preis: 22 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. März 2020 | 07:10 Uhr

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