Der Schauspieler Volker Bruch als Gereon Rath in einer Szene von Folge eins des Kriminalfilms «Babylon Berlin».
Schauspieler Volker Bruch als Gereon Rath in einer Szene der Serie "Babylon Berlin". Bildrechte: dpa

Sehenswert: "Babylon Berlin" Tom Tykwer: Warum es die Goldenen Zwanziger so nicht gab

Die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Kriminal-Serie "Babylon Berlin" ist ab dem 30. September im Ersten zu sehen. Sie spielt im Berlin der 20er-Jahre, in der Weimarer Republik. In den Hauptrollen: u.a. Volker Bruch als Kommissar Gereon Rath und Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter. Einer der drei Regisseure ist Tom Tykwer. Im Gespräch mit MDR KULTUR hat er u.a. erklärt, warum man nicht von den "Goldenen Zwanzigern" sprechen kann.

Der Schauspieler Volker Bruch als Gereon Rath in einer Szene von Folge eins des Kriminalfilms «Babylon Berlin».
Schauspieler Volker Bruch als Gereon Rath in einer Szene der Serie "Babylon Berlin". Bildrechte: dpa

Für Tom Tykwer bedeutete die Auseinandersetzung mit der Serie "Babylon Berlin" auch eine intensive Auseinandersetzung mit der damaligen Zeit. Der Regisseur sagte bei MDR KULTUR, dass man seiner Meinung nach nicht von den "Goldenen Zwanzigern" sprechen kann, da die Armut, gerade in Berlin, gewaltig war und die "Stadt immer am Rande des Elends vor sich hingelebt hat". Zwischen 1926 und 1929 war die Inflation jedoch erstmals gebannt und die Leute konnten "zum ersten Mal überhaupt Hoffnung hatten darauf, dass dieses komische Experiment, das man 'Demokratie' nannte, zu irgendwas führen kann", so der Filmemacher weiter.

Von einer Verklärung oder Romantisierung der Zwanziger Jahre kann, glaube ich, in 'Babylon Berlin' zu keinem Moment die Rede sein.

Tom Tykwer

Deutschland lernte in den Zwanzigern die Demokratie

Die Demokratie war in den Zwanziger Jahren noch jung, und Deutschland wurde vom Ausland kritisch betrachtet. Tykwer meint dazu: "Wir kamen aus der Monarchie, wir hatten den Krieg verloren, die Hälfte des Landes wollte das nicht wirklich einsehen, hat den gar nicht als verloren akzeptiert. Nachdem sie wirklich kaisergläubige Kriegsfanatiker gewesen waren, sollten sie jetzt plötzlich Demokratie spielen. Das war eine unglaublich angespannte und auch fordernde Situation für so ein Volk."

Drehbuchautor und Regisseur Tom Tykwer mit Liv Lisa Fries (Charlotte Ritter) und Irene Böhm (Toni Ritter).
Tom Tykwer bei den Dreharbeiten von "Babylon Berlin" mit Liv Lisa Fries (links) und Irene Böhm. Bildrechte: Frédéric Batier/X Filme

Die Bedrohung durch den Nationalsozialismus war damals, gerade in Berlin, noch nicht spürbar, meint Tykwer und weiter: "De facto hatte kein Mensch die überhaupt auf dem Radar! Die waren eine völlige Splitterpartei. Das waren irgendwelche Bekloppten, die in München im Hinterzimmer in der Kneipe rumsaßen, in München vielleicht schon Spuren hinterließen, aber in Berlin nicht ernstgenommen wurden als irgendeine politische Potenz. Und man hat nicht darüber geredet. Das wurde so mit einem Achselzucken weggemacht."

Dies stellte den Regisseur auch in der Arbeit mit den Schauspielern vor besondere Herausforderungen. Ihr heutiges Wissen um den weiteren Verlauf der Geschichte mussten sie für die Rollen ausblenden:

Das ist ein ganz wichtiger Aspekt für uns gewesen, auch in der Auseinandersetzung mit den Schauspielern, dass man nicht mitspielt, dass man weiß, dass man hier eigentlich schon am Rande eines Abgrunds steht. Die Leute hatten keine Ahnung.

Tom Tykwer

Auch für die nächsten Staffeln der Serie sieht Tykwer es als Aufgabe, die Geschwindigkeit und Dynamik, die die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen dann aufgenommen hatten, zu untersuchen. Er fragt sich, "wie das sein konnte, dass sich nur dreieinhalb Jahre später eine Gesellschaft so auf den Kopf stellen konnte, die eigentlich, zumindest im Jahr 1929, wirklich gebrieft war, das Experiment gelingen zu lassen und eine wirklich moderne, aufgeschlossenere, künstlerisch so irre explosive und inspirierte neue Gesellschaft zu werden."

Segen des Autors der Romanvorlage

Bei der filmischen Auseinandersetzung mit der Romanvorlage "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher haben sich die Macher viel Freiheit genommen, die aber, so Tykwer bei MDR KULTUR, auch vom Schriftsteller abgesegnet wurde: "Der war auch glücklich, dass wir nicht nur einfach so eine akribische Nachfilmung seines Werkes machen, sondern dass wir das nehmen, sozusagen als Skelett, wo wir das Fleisch draufwerfen dürfen".

Das legendäre Moka Efti.
So schillernd werden die "Goldenen Zwanziger" gern gesehen."Babylon Berlin"-Regisseur Tom Tykwer erklärt, warum diese Zeit so gar nicht golden war. Bildrechte: Frédéric Batier/X Filme

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. September 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. September 2018, 15:20 Uhr