70. Geburtstag Tom Waits - Der Soundtrack zum unangepassten Leben

Tom Waits sagte einmal: "Mir sind größere Ansammlungen von Menschen, die gemeinsam irgendwo hingehen, einfach suspekt". Nicht die beste Voraussetzung, um Sänger, Schauspieler und Komponist zu werden. Aber Tom Waits ist ohnehin der Regelverstoß im handelsüblichen Musikgeschäft, ein Gegenentwurf - und das mit riesiger Fangemeinde. Am 7. Dezember wird er 70 Jahre alt.

Tom Waits
Tom Waits auf der Bühne Bildrechte: dpa

"Swordfishtrombones" und "Rain Dogs", "Franks Wild Years" und "Bone Machine", "Mule Variations" und "Real Gone" - es ist einiges an Tom Waits-Alben zusammengekommen über die Jahre. Dabei ist ein Kosmos entstanden, gebaut aus unterschiedlichsten musikalischen Einflüssen, aus Schwermut und Einsamkeit, aus Wut, aus Liebe - und aus Integrität. Zusammengehalten wird das von einer Stimme, die scheinbar schon drei Leben mitgemacht hat. Mindestens.

Vielleicht wächst man ja in seine Stimme hinein. Oder die Stimme ist da und sie wartet, bis du erwachsen bist. Dann trefft ihr euch. Ich versuche, meine Stimme zu variieren. Manchmal singe ich Falsett, manchmal klinge ich wie ein Penner, ein Clown oder einer dieser alten Schlagersänger. Meine Stimme ist mein Instrument. Nach einer Weile weiß man, was man alles damit machen kann.

Tom Waits über seine Stimme

Der Soundtrack zum weniger angepassten Lebensentwurf

Tom Waits
Tom Waits am Klavier Bildrechte: imago images / United Archives

Tom Waits erreicht vielleicht nicht das breite Publikum, aber viele. Seine Musik liefert oft den Soundtrack zum weniger angepassten Lebensentwurf - oder die Hoffnung darauf. Und sie ist besonders geeignet für die Momente, wenn Gleichgesinnte fehlen, die Party vorbei ist und man allein auf leere Stühle, Flaschen und Räume starrt. Oder wenn man nach dem Streit ins Auto steigt und Kilometer schrubbt. Wenn man in den Arm genommen werden möchte, aber kein Arm da ist. Da ist dann wenigstens der da, dem es gefällt, dass ihm wunderschöne Melodien fürchterliche Dinge erzählen.

Das Lehrerkind jobbte erst als Pizzabäcker und Türsteher

Waits kommt als Sohn zweier Lehrer zur Welt, in Kalifornien. Schon als Kind, erzählt Biographin Cath Carroll, spielt er Gitarre und Klavier, später bläst er für eine Highschoolband in die Trompete. Waits begeistert sich für Schriftsteller wie Jack Kerouac, Allen Ginsberg und Charles Bukowski, jobbt als Pizzabäcker und Türsteher, um schließlich von der Tür hinter das Mikrophon zu wechseln.

Als Teenager habe ich James Brown gehört, Bobbie "Blue" Bland, Jimmy Witherspoon. Bob Dylan, Ray Charles. Die meisten Sänger fangen wohl so an: Sie versuchen, ihre Helden nachzuahmen. Meist ziemlich schlecht.

Tom Waits über seine Anfänge

Waits verkörpert Außenseiter, Einsiedler und Obdachlose

Aber die Musik allein bringt es nicht. Waits findet als Schauspieler zu Film und Theater. Äußerlich alles andere als der klassische Held, verkörpert er Außenseiter, Einsiedler, Obdachlose. Er arbeitet mit illustren Regisseuren zusammen, die in ihren Filmen die andere, dem PR-Image der USA abgewandte Seite des Landes zeigen: Jim Jarmusch, Terry Gilliam, Francis Ford Coppola, den Coen- Brüdern. Als Musiker wiederum unterstützt er Filme von Jarmusch und Coppola, bringt gemeinsam mit dem Theaterregisseur Robert Wilson drei Werke auf die Bühne.

Ein Song als Sanitäter für die Seele

Ein Song könne ein kleiner Sanitäter für die Seele sein, sagt Tom Waits und weiter: "Andere entwickeln sich zu regelrechten Mördern. Manche zerklatschen an der Windschutzscheibe. Dann wieder gibt es welche, die nie den Sprung aus dem Elternhaus schaffen werden."

Doch was Waits betrifft, bleibt festzustellen: Er könnte ruhig ein paar Songs mehr in die Freiheit entlassen. Sein letztes offizielles Album stammt immerhin schon aus dem Jahre 2011. Da wäre es wieder mal Zeit für Nachschub. Und gern können die Songs in wunderschönen Melodien fürchterliche Dinge erzählen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Dezember 2019 | 18:05 Uhr

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