Doku über die Punkband Die Toten Hosen im Kino: "Weil du nur einmal lebst" ist ein intimes Band-Portät

Wie sieht das Tourleben der Düsseldorfer Punkband aus, die zu den erfolgreichsten Bands in Deutschland gehört? Wie geht Frontmann Campino mit dem Älterwerden um? Die neue Doku ist nah dran an der Band, die auf Freundschaft schwört und sich selbst für nicht besonders musikalisch hält. Nach der Premiere bei der Berlinale 2019 kommt "Weil du nur einmal lebst" nun ins Kino.

von Michael Lücke, MDR KULTUR

Die Zeit ist das zentrale Thema des Konzertfilms von Cordula Kablitz-Post, denn die Zeit ist mittlerweile auch die zentrale Frage der inzwischen seit 37 Jahren rockenden Punk-Band Die Toten Hosen. Wie lange können wir den Rock-Zirkus noch für uns aufrechterhalten, fragen sich Campino & Co. selbst.

Nachdem sie zunächst das Angebot der Regisseurin Kablitz-Post ablehnten, sie auf einer fast zweijährigen Tour zum aktuellen Album "Laune der Natur" mit der Kamera zu begleiten, besannen sich Die Toten Hosen eines besseren, wie Sänger Campino erzählt. Denn es galt einen Moment festzuhalten, bevor es morgen vielleicht schon zu spät ist: "Die Touren liefen gut, die Konzerte waren schön. Und wir haben dann gesagt: Wollen wir das nicht wenigstens mitnehmen? Wer weiß, wie es in fünf Jahren aussieht."

Man ist ja doch in der Phase, wo es nur noch bergab geht, was das angeht. Und wir haben gesagt: Cordula, mach doch!

Campino

Intimer Blick ins Innenleben der Band

Andreas Andi Meurer, Vom Ritchie, Andreas Kuddel von Holst, Michael Breiti Breitkopf, Campino, und Cordula Kablitz-Post bei der Premiere von Weil du nur einmal lebst - Die Toten Hosen
Regisseurin Cordula Kablitz-Post und die Band auf der Berlinale Bildrechte: imago/Future Image

Und Cordula Kablitz-Post machte. Mit großer Freude, und auf der Basis einer echten Partnerschaft mit der Band. Fast zwei Jahre lang war sie mit dabei, im Backstage, im Bus, bei unzähligen Konzerten, in Chemnitz beim #wirsindmehr-Konzert gegen Rechts, ebenso wie in Argentinien, der zweiten musikalischen Heimat der Band aus Düsseldorf. Rund 190 Stunden Material wurden zum einem intimen Blick in das Innenleben der erfolgreichsten deutschen Rockband auf 107 packende, intensive Minuten zusammengeschnitten.

Die Toten Hosen lassen viel zu, zeigen Humor, Mut zur Ehrlichkeit, wenn sich zum Beispiel Campino eher schlecht als recht einsingt. Nur einmal wird der Regisseurin die Tür vor der Nase zugeknallt, ein weiteres Mal wird sie von Campino angeschnauzt, während er ein Handtuch nach der Kamera wirft. Kablitz-Post hat noch mehr von diesen Situationen mit der Band erlebt, doch diese werden nicht gezeigt: "Es sind auch ein paar Sachen passiert, die wir nicht so zeigen konnten, weil wir einfach ein bisschen im Weg standen. Gab's aber selten" sagt die Regisseurin.

Ich muss schon sagen: Es war toll und der Zugang wurde uns extrem gut ermöglicht. Es war eine tolle Verabredung, und ich war extrem froh, dass alles so gut geklappt hat. Weiß man ja vorher nie, was da passiert.

Regisseurin Cordula Kablitz-Post

Privates zeigt der Film nicht

In der Tat weiß man nie, was im Leben – gerade im Leben eines Musikers – so alles passieren kann. Vor einem Konzert in der Berliner Waldbühne erleidet Campino einen Hörsturz, das Konzert muss abgesagt werden. Die Kamera ist beim Krisengipfel der Band im Hotel dabei, aber nicht auf dem Weg ins Krankenhaus. Privates zeigt uns der Film nicht, irgendwo ist auch bei einer intimen Tour-Dokumentation, wie es sie so von den Toten Hosen noch nie gab, eine Grenze erreicht, findet Campino: "Da hab ich auch einen der wenigen Momente gehabt, wo ich gesagt habe: Ab jetzt ist Schluss mit dem Film. Cordula fragte natürlich direkt: Kann ich mit ins Krankenhaus?", erinnert sich Campino.

Da hab ich gesagt: Das lass ich jetzt nicht filmen, wie mein Gesicht aussieht, wenn ich den Hör-Test absolviere. Da war das Projekt für mich in dem Moment abgehakt.

Campino

Glücklicherweise erholte sich Campino nach einigen Wochen, genauer gesagt seine rechte Ohr-Seite, die Tour wurde fortgesetzt, ebenso wie Dreharbeiten. Doch Campinos Ohr stand fortan für die Fragilität einer solchen Mammut-Tour und als Sinnbild für die Risiken seines Berufs. Im Film fragt sich der Sänger selbst was ihm wohl wichtiger sei: weiterhin irgendwie auf der Bühne zu stehen, oder seine Mitmenschen auch in Zukunft verstehen zu können. "Man sagt das immer so: Den Moment leben und genießen. Aber genau das kann man mit so einer Band ganz gut üben", sagt auch Gitarrist Breiti über die Wichtigkeit, den Moment zu leben und das Glück live spielen zu dürfen, so lange es noch geht.

Die Toten Hosen Konzert vor dem Scheißladen in der Großbeerenstr. Kreuzberg 9. 1987
Die Toten Hosen kennen sich schon lange: Die Aufnahme zeigt die Band bei einem Konzert 1987. Bildrechte: IMAGO

Freundschaften statt Streitigkeiten

Wie gesagt: Die Zeit ist das zentrale Thema im Konzertfilm "Weil Du Nur Einmal Lebst" – allein die Titelwahl sagt alles aus. Wir sehen eine Erfolgsband, die sich zumindest im Herbst ihrer Schaffenskraft befindet, die noch einmal alles gibt, die verbissen probt und Abläufe zigmal durchspielt, weil es ihr, wie Die Toten Hosen von sich selbst sagen, an musikalischem Talent fehlt.

Ehrliche Bekenntnisse gibt es reichlich, therapeutische Erkenntnisse über das Innenleben einer Band jedoch, wie man sie bei "Some Kind Of Monster", dem Musikfilm der Metal-Band Metallica, vor 15 Jahren miterleben durfte, fehlen gänzlich. Der Grund dafür ist relativ simpel: Die Toten Hosen sind auch nach 37 Jahren eine Einheit, es gibt kaum Reibung, Sänger Campino ist eindeutig Chef im Ring. "Wir sind tatsächlich als Freunde gestartet und haben diese Ebene immer noch", sagt der Sänger.

Den typischen Oasis-Twist oder Richards gegen Jagger kann man nicht erwarten. Aber es lebt sich auch ohne diese Streitigkeiten ganz gut.

Campino

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 28. März 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. März 2019, 04:00 Uhr

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