Mit Kultur gegen Abwanderung Kultur in Köthen stärkt auch die Demokratie

Ländlicher Raum ist in Deutschland ein zentrales Thema, weil immer mehr Menschen dort wegziehen. Weithin bekannt ist dieses Phänomen als demographischer Wandel. Aber wie schafft man es eigentlich, vor dieser Lage nicht zu kapitulieren, sondern aktiv zu werden und sich als Stadt oder Dorf im ländlichen Raum neu zu erfinden? Ein Besuch in Köthen zeigt, wie es gehen kann. Die Stadt erhält bis 2023 im Rahmen des Programms "Trafo – Modelle für Kultur im Wandel" 1,25 Millionen Euro. Damit soll z. B. aus dem dortigen Schloss ein "Schlüssel zur Region" werden.

Spiegelsaal Schloss Ludwigsbau Köthen
Die Musik spielt - im Spiegelsaal im Schloss in Köthen Bildrechte: MDR/Hanna Hammerich

Geschichten erzählen kann in Köthen keiner besser als der Stadtführer Christian Ratzel. Und es sind genau diese Geschichten, die der Stadt ihr Gesicht geben: Geschichten von gestern und von heute, berühmte und ganz persönliche.

Köthen hat den Vorteil, wir sind nicht das typische Baedeker-Reiseziel. Wir hören immer wieder den Satz: Das hätten wir jetzt aber nicht gedacht!

Christian Ratzel, Stadtführer
Trafo Blickwechsel Köthen 2019
Trafo-Blickwechsel 2019 - eine neue Kultur des Miteinander Bildrechte: MDR/Hanna Hammerich

So viele Superlative erwartet keiner: ein weltweit einzigartiges Vogelkundemuseum, die erste Sprachgesellschaft, die Welthauptstadt der Homöopathie - und: Der Meister aller Meister, Johann Sebastian Bach, verlebte hier die vielleicht glücklichsten Jahre. Die Sache hat nur einen Haken, sagt Uta Seewald-Heeg, Vorsitzende der Neuen Fruchtbringenden Gesellschaft zu Köthen/Anhalt e.V.: "Wenn wir mit Ihnen heute Abend um 18:15 Uhr durch die Stadt gehen, ist die Stadt noch genauso schön, aber es ist halt so, dass wir unter Umständen ganz wenige Menschen auf der Straße treffen."

Bildergalerie Schloss und Prinzenhaus in Köthen

Schloss Ludwigsbau Köthen
Das Schloss in Köthen Bildrechte: MDR/Hanna Hammerich
Schloss Ludwigsbau Köthen
Das Schloss in Köthen Bildrechte: MDR/Hanna Hammerich
Schloss Ludwigsbau Köthen, Bachausstellung Rotes Zimmer
Die Bachausstellung im roten Zimmer im Schloss Köthen Bildrechte: MDR/Hanna Hammerich
Prinzenhaus
Im Prinzenhaus in Köthen Bildrechte: Folkert Uhde
Prinzenhaus
Im Prinzenhaus in Köthen Bildrechte: Folkert Uhde
Prinzenhaus
Im Prinzenhaus in Köthen Bildrechte: Folkert Uhde
Im Prinzenhaus in Köthen Bildrechte: Folkert Uhde
Im Prinzenhaus in Köthen Bildrechte: Folkert Uhde
Spiegelsaal Schloss Ludwigsbau Köthen
Veranstaltung im Spiuegelsaal des Schlosses Bildrechte: MDR/Hanna Hammerich
Trafo Blickwechsel Köthen 2019
Trafo-Blickwechsel 2019 - eine Kultur des Miteinanders Bildrechte: MDR/Hanna Hammerich
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Ein Schloss als Schlüssel zur Region

Das muss geändert werden, findet auch Folkert Uhde, der in Köthen seit 2016 die Bachfesttage leitet und umkrempelt. Gemeinsam mit Uta Seewald-Heeg, Christine Friedrich und vielen motivierten Köthenern hat er aber noch ein anderes Herzensprojekt: Das Köthener Schloss soll wieder zum lebendigen Kulturzentrum werden. Nach dem Motto: "Ein Schloss als Schlüssel zur Region".

Was wir machen ist im Grunde eine Wiederbelebung. Und das Fernziel ist natürlich, dass die Stadt strahlt, dass sie ausstrahlt, dass sie Anziehungskraft hat, dass es vielleicht sogar wieder Zuwanderung gibt. Und das für mich Spannende daran ist wirklich der Versuch, das tatsächlich mit den Mitteln der Kultur zu erreichen.

Folkert Uhde, Leiter Bachfesttage

„Wenn man sich mit der Geschichte des Schlosses beschäftigt“, führt Uhde weiter aus, "stellt man schnell fest: Das war über Jahrhunderte immer so ein Ort, wo Leute was erfunden haben, die haben Freiräume gekriegt, da gab es viel Inspiration. Und wir versuchen sozusagen die Bedingungen zu schaffen, dass das wieder möglich sein wird."

Kultur ist für die Demokratie unersetzlich

Die Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, Hortensia Völckers, betont: "Das ist eine zivilgesellschaftliche – Bewegung - kann man fast sagen, dass sich eben Menschen, und das ist das Tolle an dem Köthener Projekt, aus so unterschiedlichen Milieus zusammengetan haben. Es waren Gastronomen, es waren Professoren, Leute aus dem Westen, aus dem Osten, ehemaliger Bürgermeister, jemand, der ein Musikfestival macht, aus der Universität." Also:

Eine ganz heterogene Mischung von Menschen, die haben gesagt: Wir wollen, dass unsere Stadt demokratisch, lebendig, vielfältig zusammenhält. Und dazu brauchen wir Kultur.

Hortensia Völckers, Direktorin der Kulturstiftung des Bundes

Mit Engagement und Energie hat Köthen überzeugt: 1,25 Millionen Euro bekommt das Projekt bis 2023 im Rahmen des Programms "Trafo – Modelle für Kultur im Wandel". Hortensia Völckers: "Kultur ist tatsächlich ein wichtiger Faktor fürs Zusammenleben. Man sagt das ja immer so. Manchmal denkt man sich, naja, ein Theaterbesuch, ein Konzertbesuch ist ja schön, aber so wichtig ist das auch nicht – der Arzt, die Bank, der Supermarkt, die Schule, tausendmal wichtiger – mag sein. Dennoch merkt man an der Stimmung in einer Stadt, ist sie depressiv oder ist sie mit dem Elan, was draus zu machen. Das kennt man ja aus dem eigenen Leben."

Ich glaube fest daran, dass das Entscheidenste gegen Lethargie, Frustration, Depression oder Landflucht eine Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist. Also eine ganz positive Erfahrung in Gemeinschaft mit anderen was zu tun, und auch die Resonanz dafür zu erfahren.

Folkert Uhde, Leiter Bachfesttage
Prinzenhaus
Im Prinzenhaus Köthen Bildrechte: Folkert Uhde

Mit Folkert Uhde geht es weiter durch Köthen. Die letzte Station ist das Prinzenhaus – früher Ausbildungsort für die jungen Prinzen, heute ein freier Raum für Kunst und Musik. Uhde: "Das ist inzwischen ein legendärer Ort bei ganz vielen Musikerinnen und Musikern, die mal bei uns zu Gast waren und nicht mehr von den Konzerten erzählen in Köthen, sondern von der tollen Party im Prinzenhaus. - Richtig cool in Köthen!"

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. März 2020 | 12:40 Uhr

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