Entzündete Grabkerzen auf einem Friedhof
Grabkerzen auf einem Friedhof Bildrechte: imago/Thomas Lebie

Umgang mit dem Tod Was Hinterbliebenen in ihrer Trauer hilft

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, geht für die Hinterbliebenen plötzlich ein Riss durch die Welt. Über die wichtige Zeit vor der Bestattung, Trauern in der Leistungsgesellschaft und wie man den Angehörigen helfen kann, darüber sprachen wir mit Marcus Sternberg, Leiter der Thüringer Hospiz- und Palliativakademie.

Entzündete Grabkerzen auf einem Friedhof
Grabkerzen auf einem Friedhof Bildrechte: imago/Thomas Lebie

MDR KULTUR: Wenn ein Mensch verstorben ist, müssen sich die Angehörigen mit vielen Formalitäten auseinandersetzen: Der Arzt muss verständigt werden, das Beerdigungsinstitut kontaktiert. Oft bleibt gefühlt gar nicht genug Zeit, um Abschied zu nehmen. Wie kann man aus diesem Zwiespalt entkommen?

Marcus Sternberg: Trauer ist ein Gefühl und unsere menschliche Reaktion auf einen Verlust. Wenn ein Mensch stirbt bedeutet das für die Angehörigen und Freunde die Erfahrung von großem seelischem Schmerz.

Trauer tut weh, aber sie ist keine Krankheit. Sie kann fraglos krank machen, wenn sie dauerhaft verdrängt oder übergangen wird.

Marcus Sternberg

Gefühle wie Ohnmacht, Verzweiflung, Hilflosigkeit und auch ein großes Vermissen und eine große Sehnsucht nach dem Verstorbenen sind vorherrschende und einnehmende Gefühle, die schwer auszuhalten sind und zu einer Leistungsgesellschaft wie unserer schwer passen und dort kaum Raum finden. Ich erinnere mich an einen Anruf einer Stationsschwester, die mit drei Mitarbeiterinnen geschockt auf den Unfalltod des Sohnes einer Arbeitskollegin reagiert haben. In wenigen Tagen sollte die Trauerfeier stattfinden. Die Hilflosigkeit und Unsicherheit im Team war spürbar groß, sich jetzt angemessen zu verhalten. Es war schmerzhaft, aber nicht wirklich schwer die freundschaftlich verbundenen Kolleginnen zu ermutigen, auf die Trauerfeier zu gehen und sich ganz authentisch zu zeigen. Dazu gehört auch, eigene Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit zu benennen. Als großer Tost erweist sich, wenn Freunde, Bekannte oder Kollegen den Mut für diese Bewegung aufbringen. Den Mut in diesem Team wünsche ich in ähnlichen Situationen jedem einzelnen von uns.

Der Verlust eines engen Freundes oder Familienmitgliedes ist für viele erstmal ein Schock. Unfassbar, unerwartet – solche Worte stehen in den Trauerenzeigen, weil der Tod die bisherige Realität sprengt. Lässt sich der Tod überhaupt begreifen?

Aus meiner Erfahrung: Nein. Es zeigt etwas, das fremd ist und nicht zum Leben gehört. Das mag paradox klingen: Das Sterben gehört zum Leben, aber der Tod ist nicht Leben. Darüber könnte man natürlich philosophisch trefflich streiten. Insofern bleibt es etwas, das wir uns nicht vorstellen können. Wir sind gut beraten, in gewisser Demut dem Tod und vielleicht auch Menschen, die auf den Tod zugehen, zu begegnen. Wenn Trauernde Begleitung suchen für ihren Weg, wollen sie meistens von dem verstorbenen Menschen erzählen und dem Unfassbaren Raum geben. Das ist in der Trauerbegleitung durch Erzählen und Erinnern ihrer Geschichte mit dem Verstorbenen möglich. In ihrem Schicksal brauchen diese Menschen das, was wir alle brauchen: Anerkennung.

Es ist Balsam für die Seele, wenn wir in unserem Schmerz gewürdigt werden.

Marcus Sternberg

Viele Trauernde haben das Gefühl, in zwei Welten zu leben: Auf der einen Seite läuft der Alltag weiter, in dem man funktionieren muss, andererseits bestimmt die Erinnerung an den Verstorbenen und den Verlust das Denken der Trauernden. Was raten Sie?

Ja, das ist ein großes Spannungsfeld, in dem sich Trauernde wiederfinden. In ihrem alltäglichen Umfeld sind Trauernde oft auch mit der Erwartungshaltung konfrontiert, möglichst schnell wieder zu funktionieren. Wenn Hinterbliebene nach sechs oder acht Wochen gefragt werden, ob es denn wieder gut sei, offenbart sich dabei vielfach die eigene Hilflosigkeit und sicherlich auch das Unvermögen in der Gesellschaft, der Trauer dem Raum zu geben, den sie natürlicherweise braucht. Aber da muss ich auch sagen, da reicht ein kritischer Blick nach innen auf mich selbst. Schmerzlose Verluste und alle damit verbundenen Gefühle sind einfach schwer auszuhalten.

Viele Menschen scheuen sich, Trauernde anzusprechen, weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen und alles so profan klingt. Was raten Sie diesen Menschen? Auf die Trauernden zugehen?

Das ist – wie in dem Beispiel oben – oft der Königsweg und braucht vor allem Mut und die Bereitschaft, einem Trauernden zu begegnen und Ohnmacht und Hilflosigkeit auszuhalten. Etwas anderes geht meistens gar nicht.

Wenn ich Trauernden begegne, ist mir oft bewusst, dass ich nichts sagen kann, was wirklich tröstlich ist.

Marcus Sternberg

Aber ich weiß auch von vielen Trauernden, dass genau das den Trost ausmacht, wenn andere Menschen nicht ausweichen, sondern diese Begegnung suchen und sich drauf einlassen. Wenn sie fragen "Wie gehst es dir" und das nicht floskelhaft meinen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial "Wie wir sterben - wie wir trauern" | 21. November 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. November 2018, 04:00 Uhr