Probenbesuch Die neue "Traviata" an der Oper Halle: Frauenbilder und Sterbekultur

Giuseppe Verdis "La Traviata" erzählt vom Leben und Sterben der Kurtisane Violetta Valery, sozusagen dem It-Girl des Paris des 19. Jahrhunderts. Sie führt ein öffentliches Leben mit vielen Partys, bis sie auf einer von ihnen Alfredo Germont kennenlernt. Doch das zurückgezogene Leben wird von einer Tuberkulose-Erkrankung und öffentlichen Druck unmöglich. In Zeiten von Corona machen Feierszenen "Traviata"-Inszenierungen fast unmöglich, aber die Sterbeszene ist umso relevanter.

La traviata, Oper Halle, September 2020
Schon im ersten Akt lässt sich Violetta in der Oper Halle Bildrechte: Falk Wenzel/Oper Halle

Es ist eine Feier von Leben und Tod, ein Pestfest und der Empfang der Kurtisane Violetta, mit der Verdis "La Traviata" an der Oper Halle beginnt. Ganz links auf der Bühne steht ein Mann in mittelalterlichen Handschellen, der laut ruft: "Endlich wieder Theater – in Ketten!" Hinter ihm, abgetrennt durch eine ungefähr zwei Meter hohe Plexiglasscheibe lümmelt ein Mann auf einem Stuhl, der mit seinen roten Locken und seiner goldbestickten Jacke an Königin Elisabeth erinnert. In der Mitte der Bühne ist ein Scheiterhaufen aufgebaut, auf dem eine Frau steht und um den herum eine grotesk wirkende Prozession zieht. Diese Szene erinnert an den Tod von Jeanne d'Arc, der gefeierten französischen Freiheitskämpferin, deren Erfolge Angst machten und die dann als Hexe hingerichtet wurde. Das Motiv von Hexe und Heiliger bestimmt auch die Figur der Violetta in Giuseppe Verdis berühmter Oper "La Traviata", die Gefallene, die in der Inszenierung von Julia Lwowski gleich zu Beginn stirbt. "Wir beginnen erst nach dem Tod an zu erzählen", erzählt die junge Regisseurin. Sie wundert sich, das Zuschreibungen aus dem Mittelalter immer noch lebendig sind und will die Stärke der Traviata zu zeigen, die selbstbestimmt lebt und auch stirbt.

Party mit Sicherheitsabstand

Darsteller auf der Bühne im Stück ''La traviata''.
"La Traviata" an der Oper Halle beginnt mit einem mittelalterlichen Pestfest. Bildrechte: Falk Wenzel/Oper Halle

Eigentlich hätte die Party viel größer sein sollen, erzählt Lwowski, die einen großen, mittelalterlichen Exzess auf der Bühne inszenieren wollte. Doch Corona hat diese Pläne durchkreuzt. "In dieser Zeit Oper zu machen, ist fast unmöglich", meint die Regisseurin. Die Anzahl von Personen auf der Bühne ist begrenzt, der Chor muss hinter der Bühne bleiben und steht zwischen Plexiglasscheiben. Auch das Orchester spielt statt in voller Stärke in kammermusikalischer Besetzung: Nur 17 Musiker sind es, die Instrumentengruppen sind meist nur einfach besetzt. "Man vermisst diesen großen, romantischen Klang", erklärt der musikalische Leiter Jose Miguel Esandi. Die Sopranistin Solen Mainguené, die in Halle die Hauptrolle singt, stimmt dem Dirigenten zu. "Das Spannende an dieser Oper ist dieser ständige Wechsel zwischen dem sozialen Party-Girl und der zerbrechlichen Privatperson", erklärt die Französin. Ohne Chor fällt dieser Wechsel jedoch schwer.

Auch die Inszenierung muss immer wieder Rücksicht auf Hygiene-Bestimmungen nehmen, was sie mit viel Gelassenheit und Humor macht. Aber es fällt natürlich schwer, die ursprüngliche Vision umzusetzen. Julia Lwowski erzählt, dass sie immer wieder auf neue Sicherheitslösungen reagieren musste, aber sie berichtet auch von einem guten Zusammenhalt in der Produktion. "Da es für alle neu ist, hat jeder mitgedacht", erinnert sie sich. Glücklicherweise gab es schon vor der Corona-Pandemie die Idee, sich auf die Unmöglichkeit der Beziehung zu konzentrieren. Genau diese Unfähigkeit zueinanderzukommen, beschäftigt aktuell viele Menschen. "Da gibt es eine Plexiglasscheibe, durch die man sich küssen muss. Aber vielleicht ist so eine komische Beziehung, die nie sein darf, wie eine Plexiglasscheibe", überlegt Lwowski.

Feministische Versuchsanordnung

La traviata, Oper Halle, September 2020
Solen Mainguené als Violetta Valery Bildrechte: Falk Wenzel/Oper Halle

Auf der Party im ersten Akt lernt Alfredo Germont, der aus gutbürgerlichem Hause stammt, die stadtbekannte Lebedame Violetta kennen. Die beiden entdecken ihre Liebe füreinander und flüchten in ein Leben auf dem Land. An dieser Stelle wird mit einer Drehung der Kulisse der zweite Akt in die Gegenwart versetzt. Doch wer die Handlung nicht gut kennt, ist schnell verloren. Es passiert so viel auf der Bühne: Schauspieler interagieren mit den Sängern, die an anderer Stelle von einer Live-Kamera begleitet werden. Auf einem langen Transparent werden die Videobilder und Texte projiziert. Giorgio Germont verwandelt sich in ein Chameleon, das mit seinen Entscheidungen hadert. Eine als Dienstmagd gekleidete Schauspielerin mimt sexuelle Handlungen. Julia Lwowski will eine Überforderung.

Diese Frau, die wir beschreiben, ist eine Überforderung. Die Schönheit, der Glanz und Abgrund – sie ist die Überforderung des Lebens und des Todes."

Regisseurin Julia Lwowski

Das ist auch der Konflikt des Musikdramas: Alfredo und Violetta streiten sich, weil sie ihre Besitztümer verkauft, um ihr gemeinsames Leben finanzieren zu können. Alfredos Vater Giorgio seinerseits ist gegen die Beziehung, weil sie doch ein schlechtes Licht auf die Familie werfe. Violetta wird kaum als Individuum wahrgenommen, sondern zur Projektionsfläche für Rollenbilder. All das ist schon in der Figur angelegt – Sängerin Solen Mainguené schätzt genau diese Vielschichtigkeit der Figur: "Sie ist eine leidenschaftliche und offene Person. Man merkt in ihrer Art zu lieben und zu sterben, dass sie das der Welt schenkt."

La traviata, Oper Halle, September 2020
Andrii Chakov als Giorgio Germont und Solen Mainguené als Violetta Bildrechte: Falk Wenzel/Oper Halle

Lwowski bezeichnet ihre Inszenierung als feministische Versuchsanordnung, in der es um Selbstbestimmung geht. Sie versucht all die Zuschreibungen und Bedeutungen der Figur zu erzählen. Wie in vielen ihrer Inszenierungen geht sie auch mit Verdis Opernklassiker sehr frei um: "Man unterschätzt die Oper, weil du viel Inhalt in sehr kurzer Zeit aufnehmen musst. Da ist soviel Tiefe, soviel Stoff drin, dass man gar nicht die Zeit hat, alles zu behandeln. Du nimmst dir eine kleine inhaltliche Ecke, versuchst die mal aufzuziehen und zu fragen, was ist denn so etwas wie Widerstand." Dirigent Jose Miguel Esandi ist der Meinung, dass dieser mutige Zugang gut zu Verdi passt: "Damals war "La Traviata" eine revolutionäre Sache, weil Opern meistens von Geschichte, Mythologie oder Fantasie handelten. Verdi nimmt sich plötzlich eine Erzählung über die Leute seiner Zeit. Es ist die größte Leistung von Julia Lwowski, dass sie uns jetzt eine Inszenierung über unsere Zeit zeigt, in der Leute – vor allem junge Leute – sich selbst erkennen können."

Eros und Thanatos

Ein weiteres Thema, das sich von Anfang an durch die Inszenierung zieht, ist das Sterben. Da Violetta an Tuberkulose (der Seuche des 19. Jahrhunderts) erkrankt ist, stimmt sie zu, sich von Alfredo zu trennen. Bei Verdi treffen sie sich erst an ihrem Sterbebett wieder. "Da gibt es so etwas wie einen Todesmarsch, also die Musik bringt sie in ihren Tod", erklärt Mainguené fasziniert.

Darsteller auf der Bühne im Stück ''La traviata''.
Robert Sellier, Matthias Koziorowski, Gina-Lisa Maiwald, Solen Mainguené, Reinhard Lehmann Bildrechte: Falk Wenzel/Oper Halle

Eine Schauspielerin mit der Maske eines Pestdoktors geht über die Bühne. Es ist die personifizierte Pest, die davon spricht, wie man ihrer Meinung nach falsch und wie man richtig stirbt. Genau diese Frage stellt auch Lwowski in diesem dritten Akt: "Stirbt man alleine, stirbt man zusammen, stirbt man am Lagerfeuer? Holt man die ganze Mannschaft zusammen?"

Auf der Bühne stehen vereinzelte Baumstämme, die von den Darstellern und Darstellerinnen mit Messern bearbeitet werden. Sie sollen Kautschukbäume darstellen, erklärt die Regisseurin, die ihren wichtigen Harz nur abgeben, wenn man sie verletzt. Lwowski nimmt das als Allegorie für die Figur der Violetta, die auch immer wieder aufs Neue auf der Bühne bluten muss. Doch auf der Hallenser Opernbühne leidet sie nicht. Während sie von ihrem Tod und dem Delirium singt, wiegt Solen Mainguené, gekleidet in einem dünnen, weinroten Body, ihre Hüften. Mit tänzerischen schritten betreten vier Sargträger die Bühne. Dann findet sich Violetta mit ihren Freunden tatsächlich an einem Lagerfeuer wieder. "Ich glaube nicht an den einsamen Tod, ich glaube an den kollektiven Tod. Wenn wir uns hier versammeln, unter den schwersten Bedingungen, dann kommen wir entweder alle voran oder wir werden alle elendigst krepieren. Aber wir tun es wenigstens gemeinsam", erklärt Julia Lwowski mit Blick auf das Coronavirus. Am Ende tanzt das gesamte Ensemble unter hellen Scheinwerfern. So endet diese überbordende Inszenierung mit poetischen Bildern und einem Hoffnungsschimmer.

Weitere Informationen "La Traviata" von Giuseppe Verdi in einer Fassung für kleines Orchester an der Oper Halle
Regie: Julia Lwowski, Musikalische Leitung: José Miguel Esandi, Kostüme: Lea Søvsø, Bühne: Yassu Yabara, Dramaturgie: Michael von zur Mühlen
Mit Solen Mainguené, Gina-Lisa Maiwald, Matthias Koziorowski, Andrii Chakov, Chor der Oper Halle, Staatskapelle Halle

Premiere am 18. September 2020, 19.30 Uhr
Weitere Termine in der Spielzeit 2020/21:
20. September, 15 Uhr
26. September, 19.30 Uhr
4. Oktober, 15 Uhr
25. Oktober, 15 Uhr
14. November, 19.30 Uhr
27. Dezember, 15 Uhr
29. Januar, 19.30 Uhr
22. April, 19.30 Uhr

Theater in Halle und Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. September 2020 | 10:15 Uhr