Tschechische Literatur Zwischen Kafka, Havel und Hasslisten

Tschechien ist das Gastland der Leipziger Buchmesse 2019. MDR KULTUR spricht mit dem Schriftsteller und Journalisten Martin Becker über die Kneipe als Schauplatz, die Vermarktung von Kafka und weitere Besonderheiten tschechischer Literatur. Becker erhielt 2017 den "Deutsch-tschechischen Journalistenpreis". Im Frühjahr 2019 erschien von ihm "Warten auf Kafka: Eine literarische Seelenkunde Tschechiens".

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MDR KULTUR - Das Radio Fr 08.02.2019 18:05Uhr 07:49 min

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MDR KULTUR: Deutsche Leser kennen vor allem die großen Namen wie Jaroslav Hašek oder jüngere Autoren wie Jáchym Topol oder Jaroslav Rudiš. Ist die tschechische Literatur vor allem eine männliche?

Martin Becker: Die Männer sind und das ist wahrscheinlich auch nicht anders als in Deutschland, lauter und präsenter, würde ich sagen. In Tschechien ändert sich das natürlich gerade auch in diesem Frühjahr, wo auch in deutsche Übersetzung einige Bücher von Autorinnen erscheinen. Diese männlich dominierte Szene in Tschechien ist wahrscheinlich noch stärker in der Wahrnehmung, weil vor 89 dieser Underground männlich dominiert war. Meines Erachtens, nach ändert sich das aber gerade tatsächlich.

Tschechien präsentiert sich auf der Messe mit einigen Autorinnen und auch einigen Übersetzungen ins Deutsche. Wie ist denn die Situation tschechischer Schriftsteller?

Die ökonomischen Bedingungen sind tatsächlich wesentlich schwieriger als in Deutschland. Man muss einfach, ohne zu klagen, sehr viele Dinge nebenher machen – noch mehr als in Deutschland, um freier Schriftsteller zu sein.

Das war ganz lange so, dass man es nur so als Hobby betreiben konnte. Es gab nur wenige Autorinnen und Autoren, die davon leben konnten. Lesungen zum Beispiel waren in Tschechien komplett unbezahlt, es gab vielleicht mal ein Abendessen und ein Bier und das war's. Auf der anderen Seite ist es auch ein sehr lesefreudiges Volk, d. h. es gibt auch eine Wahrnehmung der Literatur. Man wird auch sehr geachtete als Autor. Ob man letztlich davon leben kann, ist eine ganz andere Frage.

Wie sieht das mit den politischen Konstellationen aus? Gibt es Repressalien?

Repressalien gibt es nicht. Man darf, wie hier auch, komplett frei seine Meinung äußern. In Prag hat sich etwas verändert in den letzten Jahren. Der Ton ist ein bisschen schärfer geworden. Das Klima ist rauer. Es gibt den Konservativen Premier Andrej Babiš, es gibt den Präsidenten Miloš Zeman – der sehr populistisch agiert.

Insgesamt habe ich das Gefühl, von außen betrachtet, es geht tatsächlich ein Riss durch die Gesellschaft. Da gibt es auf der einen Seite diejenigen, die an den Ideen von Václav Havel festhalten, die sagen Wahrheit und Liebe müssen über Lügen und Hass siegen, das ist ja dieser Havel-Spruch, der geblieben ist.

Dann gibt es aber auf der anderen Seite diejenigen, die sagen: Ja, aber diese Prager Kaffeehaus-Intellektuellen und diese Träumer, was sollen wir mit denen anfangen. Tatsächlich bemerkt man gesellschaftliche Verwerfungen, da geht es teilweise auch recht deutlich zur Sache. Es erscheinen Hasslisten im Netz, wo dann auch Autoren, wie mein guter Kumpel Jaroslav Rudi draufstehen.

Also insgesamt ein Klima, was sich tatsächlich merklich nach und nach aufheizt. Größtes Thema natürlich: die Angst vor Migration, die besonders in Tschechien unberechtigt ist, wie sie eigentlich immer unberechtigt ist, aber da noch unberechtigter als anderswo, weil es schlichtweg kaum Migrantinnen und Migranten gibt, die ins Land kommen. Wir bewegen uns da in einem kaum messbaren Bereich.

Ist Kafka für Sie eine Art Wegbegleiter durch die Seelengebiete der Tschechen?

Ja, das war er tatsächlich immer. Obwohl ich natürlich immer, auch ganz am Anfang, als ich ihn kennengelernt hatte gar nicht explizit als tschechischen Autor wahrgenommen habe, obwohl er natürlich auch auf Tschechisch Alltagskommunikation betrieben hat. Er sprach hervorragendes tschechisch. Kafka war auch in den Anfangsjahren, als ich nach Prag gefahren bin, immer mit dabei. Da war er für die Tschechen gar nicht so bedeutsam, weil er erst nach und nach entdeckt wurde. Mittlerweile ist das anders, da kann ich nochmal von Jaroslav Rudi sprechen. Der ist mit seiner Kafka-Band ja momentan viel unterwegs. Da werden Kafka-Texte in Rock-Musik übersetzt.

Kafka erlebt auch für die, die nicht als Touristen kommen, also für die Einheimischen ein Revival. Mich begleitet er, seit ich Prag besuche und schon vorher, und er begleitet mich tatsächlich auch bis heute. Man kann sehr gut in Prag auf ihn warten.

Wie ist das in ihrem Buch? Wo treffen Sie Kafka?

Cover Warten auf Kafka
In "Warten auf Kafka" verknüpft Martin Becker Geschichten und Biografien tschechischer Autoren und Autorinnen. Bildrechte: Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen

Kafka tritt man in Prag natürlich überall, an jeder Straßenecke. Man kommt ohne Kafka gar nicht zurecht. Es gibt Kafka-Tassen, - Statuen, -Postkarten. Wie schrieb auch Lenka Reinerová, die letzte auf Deutsch schreibende Autorin Prags, in einem ihrer letzten Bücher.

Da trifft sie Kafka im Traum-Café über Prag, sie imaginiert sich das zu recht, wie sie ihn da trifft und sie sagt: "Herr Kafka, es wird in Prag so viel verkauft, so viel Merchandising betrieben, aber der Schlager, das sind sie", d.h. man kann Kafka überall treffen.

In meinem Buch ganz konkret habe ich mir vorgenommen, mir das vorzunehmen, zu schauen, wie ist das eigentlich mit diesem Hype und wie würde es diesem armen Kafka eigentlich gehen, wenn er nur noch mit tief in die Stirn gezogene Kappe durch die Straßen laufen könnte.

Wie würde Kafka mit dem Hype um seine Person gehen?

Es gibt eine ganz konkrete Begegnung oder eine Art Begegnung mit Kafka. Es gibt in Prag und auch anderswo in Tschechien, diese wunderbaren Non-Stop-Kneipen, diese 24-Stunden-Bars, die zugleich auch Spielhöllen sind. Möglicherweise saß irgendwann mal der Protagonist einer meiner Geschichten in dieser Bar und hat auf Kafka gewartet oder auf jemanden, der ihm als Kafka verkauft wurde. Wie das ganze ausgeht, das verrate ich an dieser Stelle natürlich nicht.

Könnte man eigentlich so etwas wie einen Unterschied zwischen junger deutscher und tschechischer Literatur ausmachen oder gleicht sich das in Europa irgendwann an?

Es gleicht sich an, was die Themen angeht. Was den Stil angeht, ich werde jetzt sicher einige Klischees produzieren, aber ich kann es nicht ändern.

Als ich mit meiner Kollegin und Übersetzerin Martina Lisa "Die letzte Metro" gemacht habe, in dieser Anthologie haben wir es gemerkt: Es spielen einfach zwei Drittel aller Geschichten aus der jungen tschechischen Literatur in der Kneipe, sie fangen dort an oder enden dort. Die Kneipe ist sicher ein Thema was sehr präsent ist, das präsenter ist, als in der deutschen Literatur und das Andere ist, ich muss es leider sagen, der omnipräsente Humor. Ich will nicht sagen, dass deutsche Literatur komplett humorlos ist, sage ich jetzt mal ganz diplomatisch, aber es ist doch auffällig, dass er in der tschechischen Literatur doch stärker präsent ist.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Februar 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. März 2019, 17:16 Uhr

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