Buchcover - Keller/Sharandak: Iwan Turgenjew und Pauline Viardot. Eine außergewöhnliche Liebe
Buchcover Bildrechte: Suhrkamp / Insel Verlag

200. Geburtstag von Iwan Turgenjew Sachbuch über die offene Dreierbeziehung von Iwan Turgenjew & Pauline Viardot

Iwan Turgenjew schrieb Klassiker der Weltliteratur – gefeierte Romane wie "Ein Adelsnest" oder "Väter und Söhne". Turgenjews Leben ist kaum weniger spannend als seine Werke, vor allem seine fast ein Leben lang währende Liaison mit Pauline Viardot, einer der berühmtesten Sopranistinnen des 19. Jahrhunderts. Mit dieser Beziehung beschäftigen sich Ursula Keller und Natalja Sharandak in ihrem Buch "Iwan Turgenjew und Pauline Viardot. Eine außergewöhnliche Liebe". Sky Nonhoff hat es gelesen.

von Sky Nonhoff, MDR KULTUR-Kritiker

Buchcover - Keller/Sharandak: Iwan Turgenjew und Pauline Viardot. Eine außergewöhnliche Liebe
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Am 1. November 1843 wird der noch unbekannte russische Schriftsteller Iwan Turgenjew in der St. Petersburger Oper einer zierlichen, dunkelhaarigen Sopranistin vorgestellt. Pauline Viardot, die "schiefäugige mongolische Nachtigall", wie Alexander von Humboldt sie wenig schmeichelhaft genannt hat, mag auf den ersten Blick nicht sonderlich hübsch sein, doch ihr Charme und ihre Stimme verzaubern ganz Europa. Und auch wenn dem jungen Dichter ausnahmsweise einmal die Worte fehlen, weiß er eins ganz genau: diese Frau oder keine. Sieben Jahre nach ihrer ersten Begegnung wird er an sie schreiben:

Ich habe auf der Welt nichts Schöneres als Sie gesehen. Ihnen auf meinem Weg zu begegnen war das größte Glück meines Lebens. Meine Ergebenheit und Verbundenheit Ihnen gegenüber sind grenzenlos und werden erst gemeinsam mit mir sterben.

Iwan Turgenjew an Pauline Viardot

Eine glückliche Ménage à trois

Pauline Viardot
Pauline Viardot Bildrechte: imago/Le Pictorium

Es gibt nur ein kleines Problem: Denn Turgenjews Traumfrau ist bereits vergeben. Mit achtzehn hat sie den 20 Jahre älteren Impresario Louis Viardot geheiratet und führt eine Ehe, der, nun ja, das rechte Feuer fehlt. Doch das weiß Louis Viardot selbst, und so freunden sich die beiden Alpha-Softies an, gehen gemeinsam auf die Jagd und übersetzen russische Autoren ins Französische. Ein perfektes Arrangement: So hat Viardot den Galan seiner Gattin unter Kontrolle, und von Pauline selbst weiß er: Sie ist ihm treu – wenn sie nicht gerade mit einem anderen schläft.

In ihrer lesenswerten Doppelbiografie "Iwan Turgenjew und Pauline Viardot. Eine außergewöhnliche Liebe" erzählen die Autorinnen Ursula Keller und Natalja Sharandak von der Liebe zu dritt im 19. Jahrhundert, von Emanzipation und Sex-Appeal, von einer Frau, die bereits vor über 150 Jahren ganz offen mit zwei Männern lebte. Und einem Schwärmer namens Iwan Turgenjew, in dessen Gefühlsüberschwang sich immer wieder purer masochistischer Katzenjammer mischte. In seiner Erzählung "Ein Briefwechsel" heißt es:

Liebe ist eine Krankheit. Für gewöhnlich bemächtigt sie sich eines Menschen, ohne um Erlaubnis zu fragen, unvermittelt, gegen seinen Willen, genau wie Cholera und Fieber. Sie ergreift ihn wie der Geier das Küken und trägt ihn fort, mag er noch so um sich schlagen. Ich habe diese Überzeugung mit dem Preis meines Lebens erkauft, da ich als Sklave ende.

Alle wussten es: Chopin, Brahms, Liszt, Flaubert, Zola und Henry James

Iwan Turgenjew
Iwan Turgenjew Bildrechte: imago/United Archives International

Fast 40 Jahre lang währte die Ménage à trois zwischen Pauline Viardot und ihren zwei Männern: ein erotisches Dreieck, von dem alle wussten, die im Salon der Madame Viardot ein und aus gingen, von Chopin, Brahms und Franz Liszt bis hin zu Flaubert, Zola und Henry James. Und alle kamen sie in derselben rhetorischen Frage überein: Was eine Bohème ohne Libertinage schon wert gewesen wäre?

Pauline Viardot überlebte Louis und Iwan, die beide 1883 gestorben waren, um mehr als zwanzig Jahre. Sie vernichtete fast alle Briefe Turgenjews, in denen Zeilen standen, die auf eine außereheliche Liebe hätten hindeuten können. Das nannte man auch damals schon den "diskreten Charme der Bourgeoisie". Ihr vielleicht schönstes Stück als Komponistin heißt "Romance" – ein zarter, zutiefst intimer Taumel, in dem sich Sittsamkeit und Lebenslust aufs Innigste umschlingen. Pauline Viardot wollte nicht, dass es öffentlich gespielt wurde. Im Wissen darum, dass alles Private vertraulich ist – und immer eine geheime Geschichte.

Informationen zum Buch: Ursula Keller, Natalja Sharandak: "Iwan Turgenjew und Pauline Viardot - Eine außergewöhnliche Liebe"

Erschienen bei Suhrkamp/Insel
278 Seiten, 25 Euro
ISBN: 978-3-458-17769-2

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. November 2018 | 13:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. November 2018, 04:00 Uhr