Vor 45 Jahren an der Spitze der Charts "Griechischer Wein" von Udo Jürgens – Mehr als ein Schlager

Udo Jürgens war kein x-beliebiger Schlagersänger. Das lag nicht an seinen Zugaben im Bademantel, sondern vielmehr an seinen Schlagern, die mehr und mehr zu Chansons wurden und dennoch breite Massen erreichten. Einen besonderen Platz nimmt sein Lied "Griechischer Wein" ein. Der Form nach bestens zum Sommerhit geeignet, geht es im Text doch vergleichsweise doppelbödig zu. Das Lied wurde ein Riesen-Hit. Vor 45 Jahren lag Udo Jürgens mit "Griechischer Wein" auf Platz 1 der bundesdeutschen Charts.

Der österreichische Kompinist und Sänger Udo Jürgens bei seinem Auftritt in der Fernsehsendung "Ein Kessel Buntes"
"Griechischer Wein" war der wohl größte Hit des österreichischen Komponisten und Sängers Udo Jürgens. Bildrechte: dpa

Alles beginnt nach einem Urlaub auf Rhodos, Anfang der 1970er Jahre. Sänger Udo Jürgens, offenbar beseelt, schreibt die Melodie in gerade mal 20 Minuten. "Ein Knaller!" – da ist er sich sicher. Aber noch fehlt der passende Text. Diverse Schlagerklischees werden verworfen. Zwei Jahre vergehen, dann endlich hat der Textdichter Michael Kunze die entscheidende Idee: Im Ruhrgebiet soll das Lied spielen, nicht auf einer griechischen Ferien-Insel.

Udo Jürgens erinnerte sich einst: "Ich hab's dann produziert, ohne Text und habe 'lalala' drauf gesungen. Dann kam er ins Studio, hat das gehört und hat gesagt: Mensch, lass mich eine halbe Stunde rausgehen vor die Tür. Dann kam er zurück, mit dieser Idee mit den Gastarbeitern, all diesen Geschichten, die in dem Lied drin vorkommen.

Über das Heimweh der Gastarbeiter

Gastarbeiter wurden in der Bundesrepublik seit Mitte der 1950er Jahre angeworben, um tatkräftig am deutschen Wirtschaftswunder mitzuwirken: Italiener und Spanier, Marokkaner und Türken oder eben Griechen. Ihr Heimweh, ihr Sich-Fremd-Fühlen thematisiert Jürgens in seinem Lied 1974. Sein wohl größter Hit, vielfach gecovert.

So auch vom griechische Reggae-Musiker Markos Koumaris. Dieser hat einige Jahre in Freiburg gelebt und das Lied mit seiner Band "Locomondo" aufgenommen. Koumaris bekennt sich ganz klar als Fan des Liedes:

Griechischer Wein ist, finde ich, eine Glanzleistung im Song-Schreiben. Ich mag dieses Lied sehr. In dieser Zeit, wo man einen Migranten erstmal misstrauisch anguckte, da kommt der Udo Jürgens her und singt ein Lied aus der Perspektive des Migranten.

Markos Koumaris, Reggae-Musiker

Der Sänger und Komponist Udo Jürgens (weißes Hemd) feiert im Mai 1975 in einer Taverne in Athen (Griechenland) den Erfolg seines Liedes "Griechischer Wein!
Udo Jürgens (weißes Hemd) feiert im Mai 1975 in einer Taverne im griechischen Athen den Erfolg seines Liedes "Griechischer Wein". Bildrechte: dpa

Künstler-Wunsch vs. Publikums-Wahrnehmung

Selbst Griechenlands Ministerpräsident Konstantinos Karamanlis empfängt die Song-Schreiber Udo Jürgens und Michael Kunze, um Danke zu sagen. Wobei es nicht nur um die Thematisierung der Gastarbeiter-Problematik geht. Das Lied habe sowohl den Weinverkauf als auch die Urlaubsreisen nach Griechenland sprunghaft ansteigen lassen, sagt Sänger Udo Jürgens. "Das ist auch ein Grund, warum Karamanlis mich eingeladen hat. Weil das Land plötzlich zu einem Urlaubsparadies der Deutschen wurde."

Das deutet auf eine Differenz zwischen Künstler-Wunsch und Publikums-Wahrnehmung hin, was auch der Entertainer und Udo-Jürgens-Verehrer Götz Alsmann anmerkt: "Ich glaube, dass trotz der teilweise zu Herzen gehenden Zeilen und dem doch erstaunlich guten Sich-Reinfühlen in das Gefühl, bei den meisten, die die Platte gekauft haben, ein schöner Griechenland-Schlager rauskam. Ich denke, dass das für den damaligen Hörer, der Unterschied zwischen 'Griechischer Wein' und 'Akropolis adieu' nicht so groß war, wie Udo Jürgens das in der Rückschau gerne gehabt hätte."

Ein Lied für die unterschiedlichsten Menschen

Udo Jürgens im weißen Bademantel mit Namensstickerei
Für seine Zugaben schlüpfte Udo Jürgens gerne in den weißen Badermantel – er wurde zu seinem Markenzeichen. Bildrechte: MDR/Werner G. Lengenfelder

Was nichts daran ändert, dass Udo Jürgens – trotz der naheliegenden Versuchung – eben keinen banalen Schlager aus dem Stück gemacht hat, sondern ein fast doppelbödiges Chanson, das offenbar die unterschiedlichsten Menschen berührt. Ein Geschenk wurde es auch für den Künstler selbst.

Als Jürgens 1994 nach dem emotionalsten Moment seiner Karriere gefragt wird, erzählt er eine Episode vom Konzert auf der Wiener Donau-Insel vor mehr als 200.000 Zuschauern, als ein dunkelhaariger Mann direkt vor der Bühne weinte: "Es war so ergreifend, dass ich das Lied abgebrochen habe und an die Rampe gegangen bin und ihm gesagt habe: Sie sind sicher Grieche?! Worauf er mir antwortete: 'Ich bin Türke.' Da habe ich ihm gesagt, ich würde das Lied jetzt für ihn und  für alle Türken und alle Griechen singen. Da sind dann zigtausende Lichter angegangen. Das war ein Augenblick, den kann man fast nicht beschreiben und das war vielleicht einer der größten Augenblicke in meinem Leben."

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Februar 2020 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2020, 12:01 Uhr

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