Ulrich Khuon im Interview Bühnenvereinspräsident über den Lockdown: "Wir müssen die Zahlen ernst nehmen"

Seit 1980 war Ulrich Khuon als Dramaturg an mehreren Häusern tätig. Seit 2009 ist er Intendant des Deutschen Theaters in Berlin. 2017 wurde er zum Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins gewählt. In dieser Funktion hat er sich vor allem für die gesellschaftliche Stellung kleiner Häuser stark gemacht: Er hat sich gegen Schließungen eingesetzt, ist für gesellschaftliches Engagement an Theatern eingetreten und versuchte einen Wechsel in der Führungskultur zu initiieren. Nun legt er sein Amt nieder.

Der scheidende Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins, Ulrich Khuon, warnt davor, zu sehr auf die Öffnung der Theater in der aktuellen Phase der Corona-Pandemie zu beharren. Man müsse die hohen Infektionszahlen ernst nehmen, sagte Khuon im Gespräch mit MDR Kultur. "Wir haben es in der ganzen Corona-Diskussion schon geschafft - aber nicht nur, weil wir gekämpft haben, sondern weil es auch eine Einsicht gibt, dass die Theater wieder an den Start müssen, sobald die Infektionszahlen das zulassen. Ich finde, das ist keine Misserfolgsgeschichte. Im Moment ist es sehr schwer, da offen dagegen zu demonstrieren, da kommt man ganz schnell in die Nachbarschaft der AfD."

Die Demokratie sieht Ulrich Khuon durch die Vorschriften und Einschränkungen nicht gefährdet. Obwohl er einräumt, dass es schwierig sei, das alles zu handhaben und dass Fehler gemacht würden. An dieser Stelle könne man sich mit Briefen und Äußerungen bemerkbar machen. Außerdem erinnert der noch amtierende Präsident des Deutschen Bühnenvereins an die Sommer- und Herbstmonate. "Wir haben ja im August, September, Oktober alle gespielt wie die Wilden. Und jetzt im November, bei diesen Zahlen, gibt es schon Gründe, die man ernst nehmen muss."

Drei Schauspieler mit Perücken und Mundschutzmaske blicken stumm in die Kamera. Sie protestierten am 5.6.2020 bei einer stillen Demo für staatliche Unterstützung der Kunstschaffenden. Unter dem Hastag firstoutlastin verweisen sie darauf, dass sie die ersten Betroffenen waren, als Veranstaltungen abgesagt wurden, aber keine Besserungen in Sicht seien.
Schauspieler demonstrierten in Sommer in Dresden für mehr Unterstützung für die Kultur. Bildrechte: Tino Plunert

Demokratische Aufgaben von Theatern

Die Theater würden bei der Aufarbeitung von gesellschaftlichen Konflikten nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Für Khuon sei wichtig, "dass Theater hineinhören, dass sie genau wahrnehmen, was in dieser zerrissenen Gesellschaft vor sich geht, dass sie das abbilden, dass sie Offenheit haben im Diskurs, in der Begegnung, dass sie aber gleichzeitig schon auch Haltung zeigen, wenn es zum Beispiel um gruppenbezogene Unmenschlichkeit oder Ausgrenzung geht."

Ulrich Khuon war vier Jahre lang Präsident des Deutschen Bühnenvereins. In einer außerordentlichen Hauptversammlung war er 2017, nach dem Tode der damaligen Amtsinhaberin Barbara Kisseler, gewählt worden. Er gilt als Kenner der Theaterlandschaft, der es versteht, zu kommunizieren und Theatern und Orchestern eine Stimme zu geben. In seiner Amtszeit habe es eine selbstkritische Betrachtung zu Führung und Miteinander im Theaterbetrieb gegeben, sagt er. "Je mehr Macht und Verantwortung jemand hat, desto mehr muss er auch sein eigenes Handeln in Frage stellen und bereit sein dazu." Im Rahmen der Verleihung des Theaterpreises "Der Faust" am kommenden Wochenende soll ein neuer Präsident des Bühnenvereins gewählt werden.

Theater im Lockdown

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. November 2020 | 08:40 Uhr