Ulrich Noethen
In der ARD-Serie "Charité" spielt Ulrich Noethen den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch. Bildrechte: imago/APress

Interview "Charité": Ulrich Noethen über seine Rolle als Chirurg im Dritten Reich

Die neuen Folgen der Serie "Charité" beleuchten die Klinik in den Jahren 1943 bis 1945. Viele assoziieren dieses Kapitel der Medizingeschichte vor allem mit Euthanasie, Menschenversuchen und einer menschenverachtenden Ideologie. In dieser Zeit war Ferdinand Sauerbruch ein Arzt, der Bahnbrechendes geleistet hat: Er ermöglichte die Brustkorbchirurgie und schuf bereits während des Ersten Weltkrieges Prothesen für die Kriegsversehrten. Aber er war auch ein Aushängeschild des nationalsozialistischen Systems. Über diese Ambivalenz hat Sauerbruch-Darsteller Ulrich Noethen mit MDR KULTUR-Redakteurin Claudia Bleibaum gesprochen.

Ulrich Noethen
In der ARD-Serie "Charité" spielt Ulrich Noethen den Chirurgen Ferdinand Sauerbruch. Bildrechte: imago/APress

MDR KULTUR: Was für ein Mensch war Ferdinand Sauerbruch?

Ulrich Noethen: Wir wissen Vieles immer noch nicht. Aber wir wissen ziemlich genau, dass er kein Nazi war aufgrund seiner Gesinnung, seiner Ideologie, seiner persönlichen Art. Er war keiner, der die Menschen ausgegrenzt hat. Er war einer, der helfen wollte. Es war sein Berufsethos einerseits. Andererseits wissen wir aber auch, dass er Staatsrat war, ein Aushängeschild dieses Regimes, ein Promi und er hat das genutzt, um seine Aufgabe an der Charité weiter durchführen zu können.

Jetzt ist die Frage, inwieweit hat er sich schuldig gemacht hat – über den Opportunismus, über das Mitläufertum hinaus. Er hat eine Funktion gehabt, wo auch über seinen Schreibtisch Dokumente gegangen sind, die sich mit der Euthanasie im Krankenhaus, mit diesem Programm beschäftigen. Es gibt kein Dokument mit seiner Unterschrift darauf. Aber wir haben den Eindruck, dass er viele Sachen ignoriert hat.

Die Serie zeigt ihre Protagonisten in ihrer Zeit, ohne sie zu verurteilen. Es gibt keinen erhobenen Zeigefinger. Was bewirkt diese Lesart?

Prof. Sauerbruch (Ulrich Noethen, l.) und Martin Gruber (Jacob Matschenz, r.) kümmern sich um den schwerverletzten Otto Marquardt (Jannik Schümann, M.).
Prof. Sauerbruch (Ulrich Noethen, l.) und Martin Gruber (Jacob Matschenz, re.) kümmern sich um den schwerverletzten Otto Marquardt (Jannik Schümann, M.). Bildrechte: ARD/Julie Vrabelova

Sie ermöglicht die Frage: 'Was hat es denn mit mir zu tun? In vergleichbarer Situation, wie würden wir reagieren, wie würden wir handeln?' Wenn ich meine Empathie zusammennehme und mir darüber Gedanken mache, dann merkt man, so einfach ist diese Frage nicht zu beantworten. Es ist bestimmt nicht das Ziel dieser Fernsehserie, irgendwas schön zu reden oder die Figur Sauerbruch zu entlasten. Es werden diese Dinge angesprochen. Wir kommen aber nie zu dem Punkt, wo er in die Ecke getrieben wird und darauf antworten müsste oder Stellung bezieht, weil wir es einfach wirklich nicht wissen.

Es ist verbrieft, dieser Mann muss eine sehr charismatische Figur gewesen sein. Er war auch ein herrischer Mensch, er war Choleriker, ein unangenehmer Chef. Da durfte man sich keine Schnitzer erlauben, der hat die Leute dann auch aus dem OP rausgeworfen. Er hatte aber auch die Größe, sich zu entschuldigen und Leute, die er rausgeschmissen hat, hat er wieder in seinem Team aufgenommen.

Wir wissen, dass er ein lebensbejahender, sehr lebenslustiger Mensch war mit einem großen Ego. Aus diesen Facetten und mit den Vorgaben der großartigen Autorinnen und dem Drehbuch versucht man da, zusammen mit der Regie, einen Weg zu finden.

Wie haben Sie ihre eigene Haltung zur Figur, zur Person Sauerbruch, mit in die Rolle eingebracht?

Das muss ich ja. Im Gespräch mit den Autorinnen und dem Regisseur muss ich herausfinden, wie das geht. Wie verstehe ich das, was bleibt davon? Ich kann eine Figur ja nicht spielen, wenn ich die ganze Zeit meine Zweifel vortrage. Natürlich habe ich Zweifel bei diesem Charakter Sauerbruch. Ich weiß nicht, ob das die richtige Antwort ist. Aber ich glaube, es ist keine schlechte Antwort. Ich glaube, dass wir dem relativ nahe gekommen sind, so gut, wie wir es eben wissen können. Für diese Fülle an Dingen, die da passieren, an Handlungssträngen, an Personal, das wir da auf engem Raum zusammengeführt haben, ist das [Anm. d. Redaktion: das Ergebnis] erstaunlich differenziert.

Die Schauspieler Artjom Gilz (l-r), Jannik Schuemann, Mala Emde, Ulrich Noethen und Luise Wolfram kommen zur Filmpremiere der Serie Charite in den Zoo Palast.
Die Darsteller der Serie "Charité" (v.l.n.r.): Artjom Gilz, Jannik Schuemann, Mala Emde, Ulrich Noethen und Luise Wolfram. Bildrechte: dpa

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Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Februar 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2019, 04:00 Uhr

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