Ulrich Tukur stellt sein Buch "Der Ursprung der Welt" auf einer Bühne auf der Frankfurter Buchmesse vor.
Als Schauspieler ist Ulrich Tukur bekannt. Auf der Frankfurter Buchmesse stellt er 2019 seinen Roman "Der Ursprung der Welt" vor. Bildrechte: dpa

Hörbuch-Tipp Ulrich Tukur nimmt seine Hörer mit auf eine finstere Spurensuche

Er ist nicht nur Schauspieler und Musiker, sondern jetzt auch noch Autor: Ulrich Tukur hat seinen ersten Roman veröffentlicht. "Der Ursprung der Welt" heißt sein Buch, benannt nach dem berüchtigten Kunstwerk von Gustave Courbet von 1866, auf dem der nackte Unterleib einer Frau zu sehen ist. Das Hörbuch zu seinem Roman, ebenfalls von Ulrich Tukur gelesen, stellt MDR KULTUR-Literaturexpertin Vivien Vieth vor.

 Ulrich Tukur stellt sein Buch "Der Ursprung der Welt" auf einer Bühne auf der Frankfurter Buchmesse vor.
Als Schauspieler ist Ulrich Tukur bekannt. Auf der Frankfurter Buchmesse stellt er 2019 seinen Roman "Der Ursprung der Welt" vor. Bildrechte: dpa

Es ist das Jahr 2033, exakt 100 Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Deutschen Reich. Europa ist zerfallen. Migration und Kriege in den Nachbarländern lassen in Deutschland den Nationalismus erneut aufbrodeln. In dieser nahen Zukunft lebt Paul Goullet, eher ein Freund der Bücher und Ruhe. Er will dem Chaos in seiner Heimat Deutschland entkommen und reist nach Paris. Bei einem Spaziergang durch die Innenstadt stößt er bei einem Bouquinisten auf ein Fotoalbum. Es ist rostrot, gebunden in Leder und sehr alt. Doch vor allem fällt es Paul auf, weil er seine Initialen auf dem Album entdeckt.

Aus "Der Ursprung der Welt": Vorsichtig nahm er das Album in die Hand und schlug es auf. Gleich auf der ersten Seite steckte die Photographie eines Mannes. Er trug eine Kreissäge als Kopfbedeckung, ein Herrenstrohhut, wie er Anfang des 20. Jahrhunderts Mode war, einen tadellosen, eleganten Anzug und lehnte sich lässig an ein Holzgeländer. (…) Goullet starrte das vergilbte Portrait an, ungläubig, fasziniert. (…). Dieser Mensch, der da vor über einem Jahrhundert für einen unbekannten Photographen posiert hatte, daran bestand kein Zweifel, war er selbst: Paul Goullet. PG.

Die Spur führt nach Südfrankreich

Ulrich Tukur "Der Ursprung der Welt"
Das Hörbuch zu "Der Ursprung der Welt" hat Ulrich Tukur selbst eingesprochen Bildrechte: Argon Verlag

Angetrieben von diesem seltsamen Fund begibt sich Paul auf die Suche nach seinem mysteriösen Doppelgänger. Er will nach Banyuls in den Süden Frankreichs. Doch allein schon der Weg dorthin ist durch merkwürdige Begegnungen gezeichnet: Eine fremde Frau steckt ihm im Zug heimlich eine Nachricht zu. Ein Mann in einem Anzug, der aussieht wie aus dem letzten Jahrhundert, spricht Paul mit falschem Namen an. Wird er verwechselt? Und selbst in Banyuls angekommen, begegnen ihm die Menschen mit Argwohn.

Aus "Der Ursprung der Welt": Er kannte diesen Ort, wie auch Perpignan, ohne jemals hier gewesen zu sein und er wurde ganz offensichtlich für jemanden gehalten, den seine Mitmenschen in keiner guten Erinnerung hatten. Sein Vorläufer, jener PG, musste also eine Person von mindestens zweifelhaftem Charakter gewesen sein. Goullet hatte ein ungutes Gefühl, war aber nach wie vor fest entschlossen (...).

Arzt, Fluchthelfer und Mörder?

Ulrich Tukur bei MDR FIGARO
Sprechen kann er: "Tatort"-Darsteller Ulrich Tukur zu Gast im Studio. Bildrechte: Olaf Parusel/MDR

Paul Goullet verfolgt alle Hinweise über sein Ebenbild, die er nur finden kann. Ausgerechnet in der Pension, in der Paul schläft, arbeitet eine alte Frau, die ihn wiederzuerkennen scheint. Sie scheint mehr über Pauls Doppelgänger zu wissen, als sie zugeben möchte. Heimlich durchsucht er ihre Wohnung und entdeckt ein weiteres Foto des sogenannten PG.

Aus "Der Ursprung der Welt": Der Artikel unter dem Foto, den er nun atemlos überflog, berichtete von einem Dr. Prosper Genout. Kinderarzt aus Perpignan und Mitglied einer bolschewistischen Terrorzelle und Fluchthelfergruppe, die Juden und anderen Volksfeinden zum illegalen Übertritt nach Spanien verhalf. (...) Außerdem verdächtigte man ihn des Mordes verschiedener Personen unbekannter Herkunft.

Noch mehr dunkle Geheimnisse

Je mehr Hinweise Paul Goullet über seinen Doppelgänger Genout findet, desto enger scheinen sich ihre Geschichten miteinander zu verweben. Flashbackartig verfällt Goullet in Visionen, die ihn in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurückversetzen. So befindet sich Paul plötzlich in einer Besprechung mit zwei deutschen Flüchtlingen, die Genout mit seinen Komplizen nach Spanien schleusen soll. Langsam stößt Paul aber auf ein ganz anderes Geheimnis seines Doppelgängers.

Aus "Der Ursprung der Welt": Genouts Gedanken waren abgeschweift. Er hörte nicht mehr auf das, was sein Freund Lacroix, der reiche Fabrikerbe und Kämpfer der Freiheit sagte. (…) Er beobachtete Herbsheimers Sekretärin. (…) Ihr Gesicht mit der geraden, wohlgeformten Nase, war schmal und edel und von gelockten blonden Haaren perfekt umrahmt. (…) Sie erregte ihn und er überlegte, wie er es wohl schaffen könnte, Lacroix zu überzeugen, dass es das Beste sei, sie und ihren unappetitlichen Begleiter in seinem Haus in Perpignan unterzubringen. (…) Es wäre dann auch nicht weiter schwer, die beiden voneinander zu trennen (…). In seiner Fantasie reihte er Detail an Detail, bis er unruhig wurde, und sein Herz heftiger zu schlagen begann. Das passierte immer, wenn einer seiner Pläne Gestalt annahm und die Aussicht auf Erfolg so groß war, dass er sich schon fast am Ziel wähnte.

Nationalsozialismus, Überwachung und Gewalt

Auf der Frankfurter Buchmesse signiert Ulrich Turkur sein Buch.
Auf der Frankfurter Buchmesse signiert Ulrich Turkur sein Buch. Bildrechte: IMAGO

"Der Ursprung der Welt" ist vollgepackt mit düsteren Themen: Nationalsozialismus, Überwachung durch den Staat und Gewaltverbrechen – vor allem gegen Frauen – wobei die Themen allerdings nur oberflächlich beleuchtet werden. Ulrich Tukur versucht so jedoch nicht nur die Abgründe der Familiengeschichte von Paul Goullets aufzuzeigen, sondern auch die der Geschichte der Menschheit. Nicht ohne Grund wählt er das Jahr 2033. Er spielt mit den fließenden Übergängen zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Gegenwart des Romans und erschafft so eine Dystopie, die von unserer Gegenwart nicht mehr allzu weit entfernt zu sein scheint.

Die Übergänge von Paul Goullets Gegenwart zu den Visionen des Prosper Genout sind fließend. Beim Hören der Geschichte erzeugt das nicht selten starke Verwirrung, weshalb der Roman viel Aufmerksamkeit verlangt.

Infos zum Hörbuch Ulrich Tukur: "Der Ursprung der Welt"
gelesen von ihm selbst
Argon Verlag
Laufzeit: 6 Stunden 50 Minuten
Preis: 24,95 Euro

Auch interessant

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. November 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. November 2019, 04:00 Uhr

Abonnieren