Roman "Monster wie wir" Ulrike Almut Sandig und das Schweigen der Missbrauchten

Ulrike Almut Sandig ist vor allem als Lyrikerin bekannt. Sie wurde in Großenhain geboren und studierte am Leipziger Literaturinstitut. Sandig ist Mitgründerin der Literaturgruppe "augenpost", mit der sie Gedichte an die Ampelpfosten und Stromkästen in Leipzig und anderen Städten klebte. Zeitweise war sie Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift EDIT. Vielfach ausgezeichnet (unter anderem mit dem Leonce-und-Lena-Preis) legte sie auch zwei Bände mit Kurzgeschichten vor. Nun ist ihr erster Roman erschienen: "Monster wie wir".

Ulrike Almut Sandig
Ulrike Almut Sandig Bildrechte: Michael Aust/Villa Concordia

Buch gegen das Verschwinden – so hieß der letzte Prosaband von Ulrike Almut Sandig, der in sieben Geschichten verschwundenen Gefühlen, Menschen oder ganzen Landschaften nachspürte. Ging es in diesen Geschichten noch darum, etwas festzuhalten, erscheinen Verlust und Verschweigen im ersten Roman von Ulrike Almut Sandig beinahe wie eine Erlösung. Denn ihre Protagonisten Viktor und Ruth erleben Traumatisches: Sie werden als Kinder missbraucht. Ist es bei Viktor der Schwager, der sich an ihm vergeht, ist es bei Ruth der eigene Großvater.

Zitat aus "Monster wie wir": "Während er sich nach vorne beugte, um an meinen Hals zu gelangen, hielt ich fest meine Knie im Blick, die über seinen Anzugbeinen in der Luft baumelten. Ich war meine eigene Puppe, die nichts wollte und nicht heulte, während mein Großvater seine Lippen an meinen Hals legte und mit rhythmischen Bewegungen das Blut aus mir heraussaugte, die große Nase in meinen Haaren versteckt. Wenn er aufgehört hatte zu schnaufen, blieb ich so lange sitzen, bis er mich von seinem Schoß schob und mit einer Hand nach dem Stofftaschentuch in seiner Hosentasche angelte, um sich die roten Lippen abzuwischen."

Wie soll man die Gewalt verarbeiten?

Beide versuchen auf ihre Weise, mit dem Erlebten zurechtzukommen. Während Viktor seinen Körper stählt und schon im Kinderzimmer Sport treibt, versucht Ruth beim Geige-Spielen zu vergessen, was der Großvater ihr angetan hat. Wie man erlebte Gewalt verarbeitet und überwindet, das ist das große Thema in Ulrike Almut Sandigs Roman. Und dessen historische Grundierung zeigt, dass dieses Thema keineswegs nur aufs Private beschränkt ist. Viktor und Ruth wachsen in der DDR auf. In einem Dorf, das bald von Baggern niedergerissen wird, um Platz für einen Tagebau zu schaffen. Als die Proteste gegen den Staat lauter werden und die Friedliche Revolution ihren Lauf nimmt, heißt es im Roman nicht von ungefähr, dass die Balance zwischen Gewalt und Staatsgewalt wackelt. Im Privaten ist die Auseinandersetzung mit Gewalt schwieriger. Gespräche enden mit Ohrfeigen. Und über das Erlebte wird geschwiegen, selbst unter den Kindern.

Zitat aus "Monster wie wir": "Wenn man nicht darüber spricht, dann ist es nicht geschehen. Oder doch […]? So und nicht anders hatten wir es gelernt. Viktor erzählte nie wieder davon, und ich fragte nie wieder danach. Auch später nicht, als wir längst alle Vampirfilme gesehen hatten, die wir kriegen konnten. Es gab so einige Dinge, die nie geschehen sind."

Sprachgewaltiger Roman über Innenleben der Protagonisten

Ulrike Almut Sandig spielt geschickt mit verschiedenen Tonlagen und lotet so das Innenleben ihrer Protagonisten aus: Während sich die junge Ruth ihren Großvater als Vampir vorstellt, der sie aussagen will, nimmt Viktor die Welt bald nüchterner und ungeschönter wahr. "Monster wie wir" ist ein sprachgewaltiger Roman, der auf sensible wie eindrucksvolle Weise von Gewalt erzählt – und davon, wie sie nachwirkt.

Zitat aus "Monster wie wir": "In meiner unendlichen Kindheit geschahen alle Dinge gleichzeitig. Fly köpfte Fliegen und malträtierte das Cello, ich tobte mit Viktor und ließ mich von Großvater aussaugen. Wir lachten, weinten, verstanden nichts und aßen Eis, wir verstanden alles und vergaßen es wieder. Unbemerkt von uns selbst verknüpften sich die Nervenzellen in unseren wachsenden Hirnen, und wir lernten dazu. Unsere Eltern waren mit sich beschäftigt. Vor allen Fenstern flackerten endlos die Tage, Sommer und Winter in einem."

Immer wieder findet Ulrike Almut Sandig starke Bilder. Am Ende des Romans steht Ruth vor dem weggebaggerten Dorf ihrer Kindheit. Am Rande eines Kraters erscheint diese Zeit mit all ihren Erfahrungen wie eine riesige Wunde. Und doch verzagt Ruth nicht. Ihr Bruder Fly hat ihr einmal gesagt, es gibt zwei Arten, der Schwerkraft zu begegnen: Man kann sie hinnehmen oder sich gegen sie stemmen. Mit der eigenen Vergangenheit, das erkennt Ruth am Ende dieses einfühlsamen und sprachlich virtuosen Romans, verhält es sich ähnlich.

Buchcover - Ulrike Almut Sandig: "Monster wie wir"
Buchcover - Ulrike Almut Sandig: "Monster wie wir" Bildrechte: Verlag Schöffling und Co.

Informationen zum Buch: Ulrike Almut Sandig:
"Monster wie wir"

Erschienen bei Schöffling & Co.
240 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3-89561-183-4

Roman-Empfehlungen

Literaturbranche und Corona

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. August 2020 | 18:05 Uhr