Roman von Ulrike Draesner Kurt Schwitters und der Verlust der Muttersprache im Exil

Der Dada-Künstler und -Dichter Kurt Schwitters musste vor den Nazis nach England fliehen. Ulrike Draesner hat einen Roman über diese Zeit geschrieben, die für Schwitters auch den Verlust der Heimatsprache bedeutete. Bewusst setzt Draesener dabei die Sprachen beider Länder ein, schrieb den Roman zuerst in Schwitters Exil-Sprache Englisch und übersetzte ihn dann ins Deutsche. Sie hat mit MDR KULTUR über diese spannende künstlerische Auseinandersetzung gesprochen.

Ein undatiertes Handout-Foto zeigt Kurt Schwitters um 1926.
Kurt Schwitters um 1926. Bildrechte: dpa

Die Schriftstellerin Ulrike Draesner hat einen Roman über den Dada-Künstler und -Dichter Kurt Schwitters geschrieben. Schwitters musste 1937 vor den Nationalsozialisten fliehen, die seine Kunst als "entartet" gebrandmarkt hatten. Er fand in Asyl in England, wo er 1948 starb. Seine Heimat Deutschland sah er nicht wieder. Diese Zeit in England ist es, die Draesner in ihrem Roman betrachtet.

Sprachverlust durch Flucht

Das Buch ist jedoch keine Schwitters-Biografie, sondern eine Annäherung. Diese funktioniert auch über die Sprache, denn Draesner hat ihr Buch erst auf Englisch geschrieben und dann selbst ins Deutsche übersetzt. Dieser Sprachtransformation musste auch Schwitters, der Verfasser von Gedichten wie "An Anna Blume" oder der lautmalerischen "Ursonate" bei seiner Flucht folgen, schon um sich künstlerisch und persönlich verständigen zu können.

Eine Frau schaut sich ein Werk von Kurt Schwitters an.
Ausschnitt aus Schwitters "Ursonate" Bildrechte: imago/ZUMA Press

Während Schwitters seinen Sprachraum aufgrund der Flucht verlassen musste, wollte die Autorin während ihres Studiums in Oxford 2004 den Sprachraum bewusst wechseln, um so "ins Englische eintauchen". Diese persönliche Erfahrung half Draesner beim doppelsprachigen Verfassen ihres Romans. Sie erläutert im Gespräch mit MDR KULTUR: "Und dann begegnete mir Schwitters als eine Figur, die dazu gezwungen ist, das Deutsche aufzugeben. Er gibt es auch auf, weil er diese Sprache nicht mehr benutzen möchte und um sich auf Englisch neu zu erfinden. Und ich merkte, dass es eine Weise ist, ihm nahe zu kommen, als diesen Menschen mit dieser zerbrechenden Identität."

Auch sie selbst musste ihre Identität als Autorin noch einmal neu erfinden. Wenn sie auf Englisch über die Figur Schwitters schreibt, der in der neuen Umgebung auch sprachlich "schwimmen und kämpfen" musste,  so vollzieht Draesner dieses "Schwimmen und Kämpfen" in einer anderen Sprache auch persönlich nach.

Eine Frau schaut sich in einer Galerie Werke von Kurt Schwitters an.
Ausstellung "Schwitters in Britain" 2013 im der Tate Britain London Bildrechte: imago/ZUMA Press

Übersetzung als Prozess der Auseinandersetzung

Auch das Übertragen des englischen Romans ins Deutsch gehört für Draesner zum Prozess der Auseinandersetzung mit Schwitters. Denn Übersetzen, vor allem, wenn es um künstlerisches Übersetzen geht, besteht für sie "nicht nur darin, irgendetwas nachzuschreiben, sondern es besteht darin, tiefer einzudringen." Draesner erinnert zum Beispiel daran, dass manchmal ein "Sprachspiel auf Deutsch gar nicht aufgeht, weil es diese Redewendung nicht gibt." So entstanden mit der englischen und der deutschen Fassung laut Draesner zwei Romane.

De facto haben sich die beiden Romane, der englische und der deutsche, dann wirklich auch auseinanderentwickelt. So wie Kurt Schwitters auch zwei Identitäten hatte: eine für die Engländer und die englische Seite und die andere für die deutsche Seite.

Ulrike Draesner

Ulrike Draesner

Ulrike Draesner: Schwitters
Cover des Romans "Schwitters" von Ulrike Draesner Bildrechte: Penguin

Das Buch Ulrike Draesner: "Schwitters"
480 Seiten, gebunden, 25 Euro
ISBN 978-3-328-60126-5
Penguin Verlag

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. August 2020 | 19:05 Uhr