Persönliche Bilanz Ulrike Lorenz: "Die Klassik-Stiftung steht heute viel lebendiger da, als vor einem Jahr"

Die Klassik Stiftung Weimar ist zuständig für einige der wichtigsten Kulturschätze Deutschlands. Zu ihren Einrichtungen zählen u. a. Goethes Wohnhaus, Schillers Wohnhaus, das Bauhaus-Museum in Weimar, das Liszt-Haus, das Nietzsche-Archiv. Präsidentin dieser Stiftung ist seit einem Jahr Ulrike Lorenz. Im Interview blicken wir mit der Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar auf ihr erstes Jahr im Amt.

MDR KULTUR: Frau Lorenz, zu Ihrem Antritt vergangenen August war die Rede davon, dass Sie die Klassik Stiftung flotter und agiler machen wollen, dass Sie Lustvolles nach Außen kommunizieren, praktizieren wollen. Ist Ihnen das in diesem Jahr bisher schon gelungen?

Ulrike Lorenz: Jetzt muss man sagen, dass die Corona-Krise uns unser sehr schönes Nietzsche- Jahr ziemlich verhagelt hat. Das ist nun wieder sehr nah am Philosophen dran, der ja immer auch vom Scheitern gesprochen hat. Also, worum es ging und geht, ist die Klassik Stiftung einfach gegenwartsnäher aufzustellen, und das heißt automatisch agiler, also die Binnenorientierung mit einer Außenorientierung zu ersetzen und sich aktiv auch um die brennenden Fragen der Menschen und der Gesellschaft heute zu kümmern und dafür die historischen Ressourcen und Erbschaften einzubringen. Also, die Fragestellung geht ja immer von uns aus. Wir können ja gar nicht anders. Wir leben in unserer eigenen Zeit, und die prägt uns und mit diesen Augen und mit diesen Fragen treten wir an die großen Vorbilder und Erbschaften heran. Das wollen wir und werden wir künftig klarer machen. Und es geht auch schon los, also das Nietzsche-Archiv ist in diesem Jahr zwar verhagelt von Corona, aber es ist geöffnet mit einer neuen Ausstellung zu Nietzsche und zu diesem Haus zur Nachwirkung von Nietzsche. Wir haben das Bauhaus-Museum noch einmal ziemlich überarbeitet. Es war ja schlichtweg 2019 durch die Sturzgeburt-ähnliche Eröffnung nicht ganz fertig. Und ich kann sagen, es präsentiert sich heute noch mal in neuerer innerer Gestalt. Es ist mehr Licht drin, Tageslicht. Wir haben nachgerüstet und es gibt sehr viel Lebendiges dort zu entdecken. Und wir sind mittendrin in unserer digitalen Transformation, die tatsächlich durch die Corona-Krise noch einen Riesenschub bekommen hat. Die Klassik Stiftung steht heute schon sehr viel lebendiger da als im August letzten Jahres.

Genau das wollten Sie eigentlich auch schaffen, ein bisschen aus dem Elfenbeinturm raus. Die Institutionen für neue Zielgruppen zu öffnen, ist da was sichtbar?

Das dauert ein bisschen länger. Das streben wir an, also gerade auch durch unsere neuen digitalen Kanäle an eine jüngere Generation heranzukommen. Wir bedauern es im Moment zutiefst, dass unsere großen Bildungsprogramme, die sehr erfolgreich seit vielen Jahren laufen auf höchstem Niveau – mehrtägige Exkursionen für Schülergruppen, auch international –, dass das im Moment noch nicht wieder angelaufen ist, das wollen wir weiter vertiefen. Aber ich möchte auch gerne eine Internationalisierung der Klassik Stiftung hinbekommen, Universitäts-Netzwerke, unser Stipendienprogramm schärfen und strategische Partner dafür ran holen.

Da hat Corona natürlich auch mit reingespielt. Und die Pandemie hat ja auch die Häuser und Veranstaltungen der Klassik Stiftung betroffen. Was hat es mit den Plänen gemacht? Hat es gebremst oder hat es vielleicht auch ein Stück irgendwo beschleunigt?

Ja, sowohl als auch. Im digitalen Gang in die Gegenwart, glaube ich, haben wir mehrere Stolperschritte getan, also wirklich massiv und rasch vergegenwärtigt und Neues einfach ausprobiert und veröffentlicht. Im analogen Bereich, muss ich einfach sagen, haben wir die magischen Orte in Weimar und um uns herum schließen müssen, wie alle. Wir sind aber sehr früh wieder an die Leitung gegangen, das war in Thüringen ja möglich, und das haben wir wirklich auch voll genutzt. Im Moment kann ich sagen: Der regionale Tourismus in Weimar ist voll wieder angelaufen, und wir müssen unsere Besucherzahlen limitieren, aber die Häuser sind unter diesen Bedingungen wieder voll.

Also der Klassik Stiftung geht es jetzt in Corona-Zeiten wieder dementsprechend?

Ja, wir nehmen Fahrt auf, freuen uns auf das nächste Jahr, wo ein erstes großes Themenjahr tatsächlich auch damit beginnt, dass wir aus dem Elfenbeinturm, wie sie sagen, rausgehen in den Park. Das Themenjahr wird "Neue Natur" heißen. Wir beschäftigen uns nicht nur anlässlich der BuGa in Erfurt und unseren sechs historischen Außenstellen mit der schönen Natur, sondern auch mit dem Klimawandel, mit den brennenden Fragen, die wir haben und wir werden eine fliegende Architektur im Park als Begegnungsstätte und Lehrstätte, als ein Labor aufschlagen.

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. August 2020 | 07:10 Uhr