Marie Juchacz
Marie Juchacz (1879–1956) erkämpfte nicht nur Rechte für Frauen, sie gründete auch die Arbeiterwohlfahrt. Bildrechte: Friedrich-Ebert-Stiftung

Sachbuch Warum 1919 das "Jahr der Frauen" war

1919 war Europa im Aufbruch. Nachdem der Erste Weltkrieg vor allem unzähligen Männern das Leben gekostet hatte, erkannten die Frauen ihre Chance, sich stärker als zuvor ins gesellschaftliche Leben einzubringen, sei es in der Politik, in der Kunst oder in der Wissenschaft. Wie das beispielsweise Käthe Kollwitz, Marie Curie oder Coco Chanel getan haben, davon erzählt Unda Hörner in ihrem Buch "1919. Das Jahr der Frauen".

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Marie Juchacz
Marie Juchacz (1879–1956) erkämpfte nicht nur Rechte für Frauen, sie gründete auch die Arbeiterwohlfahrt. Bildrechte: Friedrich-Ebert-Stiftung

Man kann es sich heute wirklich kaum noch vorstellen, aber als Marie Juchacz am 19. Februar 1919 vor der deutschen Nationalversammlung in Weimar spricht und den Saal mit "Meine Herren und Damen" begrüßt, sorgt das für Heiterkeit im Plenum. So als könnten die Herren Abgeordneten nicht ganz ernst nehmen, was da gerade gesagt wurde und von wem. Und es ist ja auch ein ungewohnter Anblick, denn nie zuvor hat eine Frau hier gesprochen. Doch für die SPD-Politikerin Marie Juchacz ist es ein Triumph, den sie sich nicht nehmen lässt. Anwesend in der Weimarer Nationalversammlung sind auch die Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer und die Schwester von Marie Juchacz. Sie spüren erlöst, dass hier etwas für alle Frauen erreicht wurde.

Neue Frauen

In ihrem Buch "1919. Das Jahr der Frauen" beschreibt Unda Hörner eine Epoche im Umbruch, in der nach einem verheerendem Krieg vieles möglich scheint, auch und vor allem für Frauen. Es sind Frauen wie Käthe Kollwitz, Marie Curie, Sylvia Beach oder Else Lasker-Schüler, deren Geschichten hier erzählt werden.

Coco Chanel
Modeikone Coco Chanel Bildrechte: imago

Und während in Weimar eine Frau vor der Nationalversammlung spricht, macht sich in Paris eine andere Frau, Coco Chanel, auf, zur Modeikone zu werden. Wie Marie Juchacz aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, hat sie sich nicht in die traditionelle Rolle der Hausfrau und Mutter gefügt, sondern ist selbstbewusst eigene Wege gegangen. Hörner beschreibt das in ihrem Buch: "Coco Chanel ist beruflich inzwischen unabhängig und frei in ihren Entscheidungen. Sie beschäftigt mittlerweile über dreihundert Näherinnen. Ihr Ruf als Modedesignerin dringt über Frankreichs Grenzen hinaus; die amerikanische 'Vogue' hat ihren schlichten, aber lässigen Stil zum Inbegriff von Eleganz gekürt, ein Prädikat, das so viel wert ist wie ein Diplom mit Auszeichnung."

Kein einfacher Weg

Allerdings kann der Erfolg einzelner Frauen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Weg zu echter Gleichberechtigung noch weit ist. Das gerade eben gegründete Bauhaus im Weimar zum Beispiel steht zwar offiziell Männern wie Frauen offen, doch die Wirklichkeit sieht etwas anders aus. Hörner merkt an: "Schon nach wenigen Wochen müssen die Schülerinnen erfahren, dass Frauenemanzipation vor allem unter den Lehrmeistern oft nur ein müdes Lippenbekenntnis ist. Allen voran Walter Gropius, der es, ganz entgegen seiner eigenen Satzung, nicht gern sieht, wenn die jungen Frauen an seinem Institut den Männern Konkurrenz zu machen drohen. Die Geister, die Gropius rief und die nun in großer Zahl erscheinen, sind ihm schon nach kurzer Zeit unheimlich geworden."

Politisch auch im Privaten

Unda Hörner: 1919. Das Jahr der Frauen
Unda Hörner: "1919. Das Jahr der Frauen" Bildrechte: Verlag ebersbach & simon

Hörner schöpft in ihrem Buch aus Tagebüchern und Briefen, aus Biografien und Zeitungsartikel und verknüpft sie geschickt zu einem lebendigen Zeitbild. In dem bleiben auch die zähen Kämpfe, die die Frauen sich mit ihren Geliebten und Ehemännern liefern, nicht außen vor. Denn wenn es um Frauenrechte geht, wird auch das Privatleben politisch. Doch während die Witwe von Gustav Mahler, Alma Mahler, sich um keine Konvention schert, sich jeden Mann nimmt, der ihr gefällt, hadert die Künstlerin Hannah Höch damit, dass der Mann, der ihr gefällt, seine Frau nicht verlassen will.

Von der Nationalversammlung bis ins Schlafzimmer, vom Modeatelier bis ins Labor, überall ist etwas in Bewegung, werden 1919 festgelegte Rollenmuster hinterfragt oder gleich ganz über Bord geworfen. Und obwohl Hörner in ihrer unterhaltsamen und mit leichter Hand verfassten Jahreschronik von vielen kleinen Erfolgen erzählt, so erzählt sie doch auch von den ganz und gar nicht kleinen Hindernissen und vom Gegenwind, den die mutigen Frauen erfahren. "1919. Das Jahr der Frauen": es ist nur der Anfang eines Prozesses, der auch 100 Jahre später noch nicht beendet ist.

Angaben zum Buch Unda Hörner: "1919. Das Jahr der Frauen"
256 Seiten, gebunden, 22 Euro
ISBN: 978-3869151694
Verlag ebersbach & simon

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 02. Januar 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Januar 2019, 04:00 Uhr