Der Architekt Walter Gropius betrachtet mit seiner Frau Ise während der Eröffnung des von ihm angeregten Bauhaus-Archivs im Ernst-Ludwig-Haus auf der Darmstädter Mathildenhöhe am 8. April 1961 eine Metallkanne aus den Bauhaus-Werkstätten.
Der Architekt Walter Gropius und seine Frau Ise Gropius während der Eröffnung des Bauhaus-Archivs im April 1961. Bildrechte: dpa

Sachbuch "Mutter, Muse, Frau Bauhaus" Walter Gropius' zwiegespaltenes Verhältnis zu Frauen

2019 ist das Jahr des Bauhauses, denn die Einrichtung feiert ihr 100-jähriges Jubiläum. Die Architektin und Architekturhistorikerin Ursula Muscheler hat sich in ihrem Buch "Mutter, Muse und Frau Bauhaus" einem speziellen Aspekt der Bauhausgeschichte gewidmet: den Frauen rund um den Gründer Walter Gropius. Denn auch sie haben, wenn auch indirekt, am Erfolg des Bauhauses mitgewirkt.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Der Architekt Walter Gropius betrachtet mit seiner Frau Ise während der Eröffnung des von ihm angeregten Bauhaus-Archivs im Ernst-Ludwig-Haus auf der Darmstädter Mathildenhöhe am 8. April 1961 eine Metallkanne aus den Bauhaus-Werkstätten.
Der Architekt Walter Gropius und seine Frau Ise Gropius während der Eröffnung des Bauhaus-Archivs im April 1961. Bildrechte: dpa

Es ist ein leicht angestaubtes Klischee: Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Doch dieses Bonmot kommt einem unwillkürlich in den Sinn, wenn man das Buch "Mutter, Muse und Frau Bauhaus. Die Frauen um Walter Gropius" von Ursula Muscheler zur Hand nimmt. Bei näherer Betrachtung wird jedoch schnell klar: Walter Gropius, der Architekt und Bauhaus-Gründer, versammelte hinter sich nicht nur eine, sondern gleich fünf Frauen. Dass sie mehr oder weniger im Schatten von Gropius blieben, findet Ursula Muscheler nicht gerecht.

Sie wolle keinen voyeuristischen Blick durchs Schlüsselloch auf allzu private Szenen werfen, schreibt sie. "Nur hinter die Kulissen des großen Architekten auf die attraktiven, intelligenten, gebildeten, energischen, zärtlich geliebten Gehilfinnen, auf die Frauen, die Einfluss auf sein Denken und Handeln genommen, ihn gefördert und gefordert haben: Manon Gropius, Alma Mahler, Lily Hildebrandt, Maria Benemann und Ise Gropius."

Die wichtigste Frau in Gropius' Leben

Walter Gropius
Walter Gropius erhoffte sich eine liebende Ehefrau –fürchtete sie aber gleichermaßen in seiner Lehranstalt. Bildrechte: imago/United Archives International

Die Frau, die vermutlich den größten Einfluss auf Walter Gropius hatte, ist seine Mutter Manon. Sie ist es, die zeitlebens über sein Wohlergehen wacht, ihn anhält zu studieren, die ihn finanziell immer wieder unterstützt und der er sich in allen Nöten des Lebens und der Liebe in langen Briefen anvertraut. Denn sein Talent, sich vor allem in der Liebe hoffnungslos zu verstricken, ist erstaunlich.

Da ist zunächst Alma Mahler, die einzige in der Frauen-Runde, der man kaum vorwerfen kann, sie hätte hinter den Männern zurückgesteckt. Als sie Walter Gropius 1910 begegnet, ist sie zwar mit dem Komponisten Gustav Mahler verheiratet. Für sie ist das jedoch kein Grund, einer leidenschaftlichen Affäre mit dem jungen Berliner Architekten aus dem Weg zu gehen. Nach dem Tod Mahlers folgt eine weniger leidenschaftliche Ehe, der Alma Mahler bald in weitere prominente Liebschaften entflieht. Der Anfang des 20. Jahrhunderts gängigen Frauenrolle ergibt sie sich nicht.

Muscheler beschreibt in ihrem Buch, wie sich Gropius eine liebende Ehefrau erhoffte, die ihn lieben, bestätigen und fördern sollte. "Alma dagegen fand Gropius zwar gut und edel, aber leider zu wenig leidenschaftlich, zu fad, wie seine ganze, in ihren Augen philiströse Familie. Sie war auf die Rolle der Muse, nicht auf die der Gehilfin fixiert, wollte angebetet werden, von allen, und Macht über ihre Verehrer gewinnen."

Beliebt bei den Frauen

Die Ehe scheitert und Walter Gropius verliebt sich in Malerin Lily Hildebrandt. Auch sie ist verheiratet, aber weniger exaltiert und sie teilt Gropius' berufliche Interessen. Doch während Gropius als Direktor am Bauhaus Weimar der Architektur neue Wege eröffnet, bleibt seine Haltung gegenüber dem weiblichen Geschlecht äußerst traditionell und nicht ohne Eitelkeit, wie er Lily Hildebrandt in einem Brief wissen lässt.

Er schreibt, dass es scheine, als sei er in einem Alter und Geistesverfassung, welche die Frauen anziehe, da viele ihm Avancen machen würden. Gropius meint jedoch, dass sie das nicht anfechten dürfe, im Gegenteil.

Nach der süßen Frankfurter Sättigung bin ich in meiner erotikfreien Epoche und gehe ganz in meiner geisten Arbeit auf.

Walter Gropius in einem Brief an Lily Hildebrandt

Im Schatten des Architekten

Seine geistige Arbeit ist Thema vieler Briefe an die Frauen, die Walter Gropius umkreisen. Er klagt und zweifelt, sie trösten und bewundern und sind aufgefordert, Mütterlichkeit und Erotik in sich zu vereinen. Irgendwann wird Lily Hildebrandt von der Dichterin Maria Benemann abgelöst, bevor Walter Gropius schließlich Ilse Frank heiratet, die er, weil es aparter klingt, Ise nennt: Ise Gropius. Sie wird den Architekten ins Exil nach Amerika begleiten, wird seine Sekretärin und Lektorin und später seine Nachlassverwalterin. Die Idee, aus dem Schatten ihres Mannes zu treten, kommt ihr nicht.

Eine Eigenschaft, die die Frauen um Walter Gropius teilen, so Ursula Muschelers These. Alle hätten eigene berufliche und künstlerische Ambitionen gehabt, die sie jedoch vernachlässigt hätten, sobald Gropius in ihr Leben getreten sei. Denn der habe sich zwar Inspiration von charismatischen und talentierten Frauen gewünscht, aber eben nur soviel, dass er selbst nicht überflügelt werde. Eine Einstellung, die übrigens auch vor dem als Tempel der Moderne gefeierten Bauhaus nicht Halt machte.

Seine Angst vor Frauen im Lehrbetrieb

Muscheler beschreibt, wie im Sommersemester 1919 den 79 männlichen Bewerbern 84 weibliche gegenüber stehen und Gropius fürchtet, dass zu viele Schülerinnen dem Ansehen seiner Lehranstalt schaden könnten. Und weiter notiert Muscheler, dass er deshalb den Meisterrat aufgefordert habe, Frauen bei künftigen Bewerbungen schärfer "auszusondern", womit er indirekt zugegeben habe, dass sich mehr begabte Frauen als Männer bewarben. "Nur die Weberei sollte als eine Art natürlicher Frauenklasse von der strengeren Auslese ausgenommen werden – frei nach dem Motto: 'Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib.'"

Es ist ganz sicher nicht die Absicht Ursula Muschelers, mit diesem eleganten Essay das Lebenswerk von Walter Gropius in Frage zu stellen. Doch mit Blick auf das Bauhaus-Jubiläumsjahr, in dem sich die Gründung des Bauhauses zum 100. Male jährt, ist das Buch "Mutter, Muse und Frau Bauhaus" eine erhellende biografische Ergänzung, die einmal mehr beweist: auch der größte Meister vollbringt sein Werk selten allein und im luftleeren Raum.

Cover des Buches Mutter, Muse und Frau Bauhaus von Ursula Muscheler.
Bildrechte: Berenberg Verlag

Informationen zum Buch Ursula Muscheler:
Mutter, Muse und Frau Bauhaus. Die Frauen um Walter Gropius.
160 Seiten
Berenberg Verlag
24 Euro
ISBN 978-3-946334-41-5

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Dezember 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2018, 16:51 Uhr

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