Uschi Brüning
Uschi Brüning Bildrechte: imago/fotokombinat

Sachbuch Die berührende Autobiografie von Jazz-Sängerin Uschi Brüning

"So wie ich"- das war der Titelsong des gleichnamigen aktuellen Album der deutschen Jazzsängerin Uschi Brüning von 2015. Es machte die große stilistische Bandbreite der vielseitigen Musikerin hörbar. Jetzt gibt es quasi das Buch zum Album, denn Brüning hat jetzt auch ihre Autobiographie vorgelegt. Sie erzählt von ihrer Kindheit, von ihrem Werdegang, über das Musikbusiness und über Menschen, die ihr wichtig sind, wie ihr Partner Ernst-Ludwig Petrowsky, genannt Luten und Kollege Manfred Krug.

von Heidi Eichenberg, MDR KULTUR-Musikredakteurin

Uschi Brüning
Uschi Brüning Bildrechte: imago/fotokombinat

"Schreib" sagte Manfred Krug oft zu Uschi Brüning. "Schreib über dich, dein Leben, über die Musik, über Luten, den Gesang ... Nur du kannst das erzählen." Doch genau das war es, was Uschi Brüning eigentlich nicht wollte. Das Schreiben sei nicht ihre Sache, meinte sie, diese "Strenge des Satzes". Sie kommt von der Musik, vom Gesang, von der Improvisation. Deshalb hat Krista Maria Schädlich, die Lektorin aller Manfred Krug-Bücher, das Material für "So wie ich" aufbereitet und unzählige Interviews mit Uschi Brüning geführt.

Mein Ort ist die Bühne. Ich brauche das Zusammenspiel mit anderen Musikern, die Kommunikation, und ich brauche das Publikum. Nicht die Einsamkeit eines Studierzimmers.

Uschi Brüning

Ein Buch auch für Luten und Manfred Krug

Buchcover - Uschi Brüning: So wie ich
Buchcover Bildrechte: Ullstein

Gewidmet hat Uschi Brüning ihr Buch Ernst-Ludwig Petrowsky, genannt Luten. Der Free Jazz-Saxophonist ist eine der Vaterfiguren des deutschen Jazz und weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Bis zu seiner schweren Erkrankung 2017 war er der wichtigster Partner für alle musikalischen Abenteuerreisen - und: Er ist die große Liebe von Uschi Brüning, die durch jede Zeile im Buch durchscheint.

Der Tod ihres Freund und Kollegen Manfred Krug 2016 war ein schwerer Schlag für Brüning, die, wie sie oft im Buch erwähnt, schlecht mit Verlusten umgehen kann. Vielleicht fühlte sie sich ihm gegenüber ein klein wenig verpflichtet. Er war ja nicht nur als Schauspieler und Sänger legendär, sondern auch ihr großes Idol und Vorbild. Die gemeinsamen Auftritte mit Krug haben Brünings Karriere seit 1971 sehr befördert.

Kindheitserinnerungen, die das Herz berühren

Der deutsche Saxophonist Ernst-Ludwig Petrowsky spielt am 17.05.2007 im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie auf der Galaveranstaltung ''Happy Birthday Uschi Brüning''.
Ernst-Ludwig Petrowsky, genannt Luten Bildrechte: dpa

Es gibt diesen Satz, der leicht zur Phrase verkommt: Jemand singe, als ginge es ums Leben. Weil die Stimme beim Hören bis ins Mark berührt. Wenn man Uschi Brünings Kindheitserinnerungen liest, fühlt man sich genau daran erinnert.

Geboren wird sie 1947 in Leipzig, hat eine ältere Schwester, sie Mutter ist alleinerziehend im Schichtdienst und überfordert. In einem katholischen Kinderheim wähnt sie die Töchter sicher vor sexuellen Übergriffen. Die fünfjährige Uschi setzt der Angst, Unsicherheit und Verzweiflung erstmals kraftvoll ihre Stimme entgegen und schmettert das Lied "Der Mai ist gekommen" aus dem geöffneten Heim-Fenster. Die richtige Selbst-Rettung beginnt dann 1960 mit einem Auftritt beim VEB Galvanotechnik Leipzig, bevor dann die Karriere als Sängerin bei Klaus Lenz und dem Günther-Fischer Quintett richtig in Fahrt kommt. Nebenbei absolviert sie noch eine Ausbildung zur Gerichtssekretärin.

Wie man in der DDR Jazz-Sängerin wird

Die ergreifendsten Momente in diesem Buch sind, wenn Uschi Brüning sehr offen die schlechten Lebens-oder Arbeitsbedingungen mit dem Glück, das sie oft hatte, aufwiegt. Wenn sie ihren Wagemut beim Vorsingen, aber auch die Erkenntnis, sich selbst nach einer ersten Westreise als Mensch zweiter Klasse zu empfinden, beschreibt und über mehrere Kapitel kritisch ihre eigene Loyalität hinterfragt. Weil sie dem Druck der Staatsorgane nachgegeben hatte und die schon unterzeichnete Resolution gegen die Abschiebung Wolf Biermanns wieder zurückzog. Aus Angst, nicht mehr auftreten und singen zu können, denn das war für sie existentiell geworden.

Musik, war für mich der Grund, warum ich morgens aufstand.

Uschi Brüning
Manfred Krug und Uschi Brüning
Manfred Krug und Uschi Brüning im Januar 2016 Bildrechte: IMAGO

Uschi Brüning zieht einen Vorhang auf, der die DDR als ein zunächst geschlossenes Biotop zeigt, in dem sich die DDR Kulturgewächse zu entwickeln versuchen. Es zeigt das tägliche Ringen der Künstler mit geistiger und räumlicher Enge, Repressalien und Überwachungsterror, aber auch das Wissen um Sicherheit im geschützten Raum mit Familien und Freunden. Man ist kreativ, findet Kompromisse, trickst und hält durch. Der Protest bricht sich am deutlichsten Bahn in schrägen und lauten Tönen, aber es entstehen auch die zärtlichsten Liebeslieder. Mit Empathie und Respekt schreibt Brünung über Arbeit und den Alltag ihrer Freunde und Kollegen, die sie "das lose Völkchen" nennt: von Nina Hagen und Sibylle Havemann bis zu den Strittmatters.

Einblicke ins Musikbusiness und viele Begegnungen

Mit dieser Autobiografie folgt man Uschi Brüning auf ihrer langen Entdeckungsreise in den Jazz und bekommt Einblicke in viele Zwischenräume des Musikbusiness und dessen ungeschriebene Gesetze. An vielen Begegnungen mit ostdeutschen und internationalen Musikern und Künstlern lässt Uschi Brüning uns Teil haben, denn neue Begegnungen gab es vor allem auch nach der Wende.

In vielen Anekdoten schwingt etwas Wehmut mit, selbst nie den Weg zur Berühmtheit geschafft zu haben, die jeder auf der Straße erkennt. Aber das kann Uschi Brüning nicht wirklich ernst gemeint haben, denn damit wäre die Freiheit bekanntlich vorbei. Aus ihrem ursprünglichen Traum, eine berühmte Schlagersängerin zu werden, wie ihre Mutter es sich gewünscht hatte, ist nichts geworden. Aber Uschi Brüning hat etwas viel Besseres gewonnen, das Vertrauen in sich selbst und in die eigene Kraft. Und damit stehen ihr noch viele neue Wege offen. Und die Pläne dafür gibt es auch schon.

Informationen zum Buch und Veranstaltungstipp: Uschi Brüning/Krista Maria Schädlich: "So wie ich"
erschienen im Ullstein-Verlag
Hardcover mit Schutzumschlag
288 Seiten, 20 Euro
ISBN-13 9783550050206

Uschi Brüning ist mit ihrer Autobiografie auf der Leipziger Buchmesse und wird zum ersten Mal gemeinsam mit Wolf Biermann auf der Bühne singen
Am 21. März 2019, 19:00 Uhr in der Leipziger Kongresshalle am Zoo

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 27. Februar 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2019, 07:40 Uhr

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