Zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin Wie Utta Danella zur Meisterin des Kitschs wurde

Utta Danella hat mit ihren Büchern Millionen von Lesern – größtenteils Leserinnen – angesprochen. Vor 100 Jahren wurde sie als Utta Denneler in Leipzig geboren, mit "Alle Sterne vom Himmel" veröffentlichte sie 1956 als Utta Danella ihren ersten Roman, es folgten Werke wie "Regina auf den Stufen", "Vergiß, wenn du leben willst", "Das Hotel im Park" oder auch "Der Kuss des Apollo". Wie bei Rosamunde Pilcher wurden viele ihrer Romane verfilmt, die ARD hatte eine eigene Uta Danella-Reihe. Rainer Moritz leitet das Literaturhaus in Hamburg und erkundet als Literaturkritiker und Autor nicht nur die Hochkultur, sondern eben auch Spielformen von Herzschmerz und Kitsch. Im Interview erklärt er, wieso Danellas Werke auch handwerklich gut sind und was man von ihnen lernen kann.

Utta Danella
Utta Danella 1986 mit Hund und Haus auf Sylt, 1986 Bildrechte: imago images/teutopress

MDR KULTUR: Utta Danella wird immer wieder als Unterhaltungsliteratin betitelt. Welche Autoren und Autorinnen gehören noch in diese Unterhaltungssparte?

Rainer Moritz: Utta Danella ist, wenn man so will, die Autorin der alten Bundesrepublik geblieben. Da war ihre Hochzeit mit Millionen-Auflagen. Das war die Zeit von Heinz G. Konsalik. Dann kam Johannes Mario Simmel, Michael Burke, Evelyn Petersen. Die meisten Namen hat man vergessen. Dann kam der Frauenroman. Man erinnert sich vielleicht noch an Hera Lind und Tina Grube. Gaby Hauptmann ist bis heute aktiv. Aber Utta Danella war eine erste, ganz große Nummer in diesem Bestsellergeschäft, das in den Siebziger-Jahren aufkam.

Manchmal schleicht sich beim Lesen dieser Bücher die Idee ein: So was kann ich auch schreiben. Was ist das Handwerk, das eine Autorin für solch einen Roman intus haben muss? Welche Mechanismen muss man da kennen?

Ja, man erhebt sich leicht drüber, rümpft die Nase, sagt: "Das kann ich doch auch und 70 Millionen möchte ich auch verkaufen." Aber wenn man sich diese Bücher genauer anschaut – zumindest die guten, die über viele Jahre hinweg große Erfolge waren –, sieht man: Einen einmaligen Number-One-Hit kann fast jeder schreiben, aber über 20,30 Jahre konstant Erfolg zu haben, das gelingt dann doch nur, wenn man sein Handwerk beherrscht. Wenn man die Gesetze des Genres erfüllt: also bestimmte Identifikationsmöglichkeiten schafft für den Leser, einen guten Plot hat, ein bisschen Geschichte, nicht zu kompliziert, nicht zu tragisch. Das heißt, man muss sein Geschäft schon verstehen, um solche großen Unterhaltungsromane hinzubekommen. Das ist viel leichter gesagt als getan. Ich habe jetzt extra noch mal drei, vier Romane von ihr gelesen, das ist manchmal schwer zu ertragen, weil auch viel Staub auf diesen Büchern draufsitzt. Aber es ist handwerklich gut gemacht. Die Dialoge sitzen, es ist nicht zu kompliziert, da steckt schon auch viel Kunstfertigkeit dahinter.

Sie haben es angesprochen: Es darf auch nicht zu viel Dramatik, nicht zu viel schweres Schicksal drinstecken. Wenn ich mir diese große Welle der Mittelalterromane oder diese Hebammen-Geschichten von Sabine Ebert angucke, wird es da aber ziemlich tragisch. Hat sich das gewandelt in den letzten Dekaden?

Utta Danella
Schriftstellerin Utta Danella Bildrechte: imago images/Rolf Hayo

Zumindest ertragen die Leserinnen – es sind ja vor allem Leserinnen – und Leser mehr als früher noch. Auch bei Utta Danella spielt beispielsweise das Dritte Reich eine Rolle. Aber es geht nicht konkret um Schuldige, sondern es wird immer ein bisschen weichgespült und geht natürlich eher um die dramatischen persönlichen Entscheidungen. Da wird auch gestorben, da wird auch gelitten. Aber eines konnte man mit Sicherheit voraussagen: Das Ganze wird zu einem Happy End führen. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil dieser Bücher. Unterhaltungsromane, die ganz böse, ganz traurig ausgehen gibt es auch, aber die Mehrzahl nicht. Danella war da eine Meisterin: Egal, was den Figuren über 600 Seiten passiert, am Ende wird doch ein Lichtlein brennen und die Liebenden werden sich in die Arme nehmen.

Die Begeisterung für diese Art von Kitsch, die gibt es  auch in anderen Sprachen. Die englische Literatur hat ja super Vorlagen gegeben. Wie sieht es im Ausland aus mit solchen Formaten?

Das ist kein deutsches Spezialgebiet. Rosamunde Pilcher hat ja den deutschen Markt beherrscht, ist aber nachweislich keine deutsche Autorin. Wenn sie die Taschenbuchreihen schauen, bei Heine, bei Blanvalet, bei Goldmann, finden Sie – gerade auch bei den historischen Roman – eine Fülle von ausländischen Autorinnen und Autoren. Natürlich verkaufen sich Bücher einfacher, die nicht ganz schwere Kost und nicht gleich die Speerspitze der Weltliteratur sind. Die Themen und Inhalte wandeln sich im Lauf der Jahre. Es ist vieles moderner, flotter geworden. Die Bücher müssen ja auch mit der Zeit gehen. Aber das ist mit Sicherheit kein deutsches Spezialgebiet.

Sie haben sich mit diesem Gebiet selbst eingängig beschäftigt. Was sagt Ihnen eine solche Literatur über die Bedürfnisse einer großen Masse?

Ich beschäftige mich damit gerne. Es hilft, Kriterien zu finden. Warum ist ein Roman von Utta Danella literarisch doch etwas weniger wertvoll als ein Buch von Siegfried Lenz oder von Heinrich Böll, die auch in der gleichen Zeit etwa geschrieben haben? Man kann da seine Kriterien schärfen. Und man kann klar sagen, welches Bedürfnis in einer Gesellschaft entsteht. Warum gab es in den Achtziger und Neunziger-Jahren vor allem diese Welle des neuen Frauenromans? Da ist der Feminismus gewissermaßen leicht gespült worden. Da hießen dann die Buchtitel "Männer sind wie Schokolade" oder "Suche impotenten Mann fürs Leben". Über eine Gesellschaft und Bedürfnisse, sagen solche Unterhaltungskünstler und Bestseller oft mehr aus, als die Literaten, die den Büchner-Preis bekommen.

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