Undatierte Aufnahme des deutschen Schriftstellers Uwe Johnson.
Uwe Johnson wurde am 20. Juli 1934 in Cammin in Pommern geboren, er starb Anfang 1984 in Sheerness on Sea, England Bildrechte: dpa

85. Geburtstag des Schriftstellers Uwe Johnsons Leipziger Zeit

Am 20. Juli 1934, also vor 85 Jahren, kam Uwe Johnson im pommerschen Cammin auf die Welt. Mitte der 50er-Jahre verbrachte er einige Jahre in Leipzig, schloss hier u. a. sein Studium ab. Ein Freund beschreibt die Zeit als "Eldorado von Freundschaft, Rückhalt, Verständnis und Einmütigkeit". Die Stadt und ihre Menschen gaben ihm viel, doch auch das hielt ihn nicht, 1959 übersiedelte Johnson in den Westen. Dennoch schloss er in Leipzig Freundschaften fürs Leben. Wegbegleiter erinnern sich.

Undatierte Aufnahme des deutschen Schriftstellers Uwe Johnson.
Uwe Johnson wurde am 20. Juli 1934 in Cammin in Pommern geboren, er starb Anfang 1984 in Sheerness on Sea, England Bildrechte: dpa

1954 zog Uwe Johnson nach Leipzig. Zuvor hat er in Rostock Germanistik studiert. Während einer sogenannten "Protestversammlung" der Philosophischen Fakultät tritt er öffentlich für die Junge Gemeinde und für die in der Verfassung der DDR garantierten Rechte auf Meinungs- und Religionsfreiheit ein.

Das hat Konsequenzen im Arbeiter- und Bauernstaat: Johnson wird exmatrikuliert. Doch wenige Tage vor dem 17. Juni 1953 beendet die Regierung ihre Kampagne gegen die Junge Gemeinde. Als sich Johnson im Rektorat der Universität nach seinen Lebensaussichten erkundigt, wird ihm lakonisch mitgeteilt, die Streichung in der Matrikel sei gestrichen.

Leipziger Freundschaften

Schriftsteller Uwe Johnson in einer hochformatigen Portraitaufnahme im Jahr Neunzehnhundertdreiundachtzig.
Uwe Johnson 1983 Bildrechte: imago/teutopress

Johnson bleibt dennoch nicht in Rostock, er zieht um in die Messestadt. Hier lernt er bald Kommilitonen kennen, mit denen er Freundschaften fürs Leben schließt. Der Germanist Klaus Baumgärtner gehört zum Kreis dieser frühen Jahre, auch der Kunsthistoriker und langjährige Chef des Grünen Gewölbes in Dresden, Joachim Menzhausen. Der Musikwissenschaftler und Tausendsassa aus der Leipziger Südvorstadt, Eberhardt Klemm, sowie der legendäre Sprachwissenschaftler Manfred Bierwisch, der sich erinnert: "Er kam im zweiten Studienjahr in unsere Seminargruppe, saß da zunächst etwas schweigsam und hoch aufgeschossen. Ließ dann erkennen, oder wir fühlten, das ist jemand, mit dem wir uns arrangieren könnten. Wir, das waren ein paar Freunde, mit denen ich da an der Uni zusammen war. Und da haben wir ihn einfach ins Gespräch gezogen." Johnson ist aufgenommen in einem, so beschreibt es Klaus Baumgärtner, "Eldorado von Freundschaft, Rückhalt, Verständnis und Einmütigkeit". Als könnte es gar nicht anders gewesen sein.

Einen anderen Marx erkundet

Bierwisch schildert den Geist dieser Zeit: "Wir haben das, was heute Opas Moderne ist, in allen Bereichen, musikalisch und in der Bildenden Kunst und natürlich in der Literatur entdeckt und uns damit emphatisch befasst: Hemingway, Dos Passos, Faulkner – aber eben die Sartre'sche Version von Marxismus zum Beispiel, die deutlich anders war. Oder die Frankfurter Schule, also auch als – aber keineswegs nur und in erster Linie – aber auch als Korrektiv an der lähmenden und verödeten Form von Marxismus, den die amtliche Lehrmeinung darbot."

Und da hab ich vom ersten Augenblick als Akademischer erkannt: Hier ist etwas ganz Ungewöhnliches.

Hans Mayer über Uwe Johnson

Sein Lehrer Hans Mayer erinnert sich seines Schülers wie folgt: "Ich war Professor in Leipzig und habe ein Seminar gemacht über Literatur des 17. Jahrhunderts. Und ein Student hielt einen Vortrag über Thomas Otway: 'Das gerettete Venedig', von Hofmannsthal bearbeitet. Und dieser Student hielt einen blendenden Vortrag: glänzend geschrieben, vollkommenes Englisch für den Otway, über Hofmannsthal sehr gut sprechend. Ich war sehr interessiert, sagte: 'Kommen Sie einmal zu mir in die Sprechstunde.' Und er sagte: 'Ja, ich schreibe nämlich auch.' Und der hieß Uwe Johnson. Und da hab ich vom ersten Augenblick als Akademischer erkannt: Hier ist etwas ganz Ungewöhnliches.

Kulturfunktionär in Tangerhütte?

Der deutsche Schriftsteller Uwe Johnson bei einer Dichterlesung am 1. Februar 1973 in Frankfurt am Main.
Uwe Johnson war u.a. Vizepräsident der Akademie der Künste in West-Berlin Bildrechte: dpa

Mit einer Arbeit über Ernst Barlachs Romanfragment "Der gestohlene Mond" schließt Johnson sein Studium in Leipzig ab. Doch findet er nach dem Examen keine Anstellung, ist arbeitslos in einem Staat, der das Recht auf Arbeit als Verfassungsgrundsatz formuliert hat.

Die sogenannte Absolventenlenkung würde ihn gern als Kulturfunktionär in Oschersleben oder Tangerhütte sehen. Aber sonst mochte sie ihn nicht, schreibt Johnson in seinen Briefen.

Ab und an wohnt er bei den Eltern seiner Freunde, den Menzhausens in der Leipziger Höltystraße. Oder bei Bierwischs in Leipzig-Wahren. Hans Mayer unterstützt ihn, auch finanziell, und hilft weiter mit Kontakten. Und Johnson schlägt sich durch: mit Lektoratsgutachten, einer Prosaübertragung des Nibelungenlieds und kleineren wissenschaftlichen Hilfsarbeiten. Dies sind Tatsachen, aber längst nicht die einzigen Gründe, die ihn 1959 das Land verlassen lassen.

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Zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2019, 04:00 Uhr

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