"Das Atelier" Wie Uwe Tellkamp sich martialisch im "Exil" austobt

Woran denken Sie bei Exil und Exilliteratur? Drängen sich da nicht Gedanken an die Zeit des Faschismus, an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten auf? Nun wurde in Dresden eine "Reihe Exil" ins Leben gerufen, herausgegeben in der Edition Buchhaus Loschwitz. Sie will nach eigenen Angaben Zuflucht für "angefeindete Kunst" bieten. Einer der ersten Autoren ist Uwe Tellkamp mit seiner Publikation "Das Atelier". Er schreibt darin über Hitlers Honig und Gespräche mit Neo Rauch. Zur Buchpremiere sollte der MDR nicht kommen. Eine Kritik.

Uwe Tellkamp
Uwe Tellkamp schreibt in "Das Atelier" über die sächsische Kunstszene Bildrechte: dpa

Es herrscht Meinungsfreiheit im Land. Oder nicht? Ein Dresdner Autor äußerte jüngst frei die Meinung, dass die Meinungsäußerungsfreiheit und die Meinungsakzeptanz in einem Maß bedroht seien, die ihn an 1989 erinnerten. Aber ist 1989 nicht gerade der Aufbruch in die Meinungsfreiheit gewesen, also nicht die Freiheit von Meinung, sondern die Freiheit, seine Meinung unbeschadet zu äußern? Jetzt, gut dreißig Jahre danach, vertritt dieser Autor – Sie werden es vielleicht schon ahnen: die Rede ist von Uwe Tellkamp – die freie Meinung:

"Ohne Soldatentum gäbe es im übrigen auch keine der von ihr als so wichtig erachteten künstlerischen Leistungen, oder glaube sie, dass Werke wie die Recherche, die Sixtinische Kapelle, die Bachsche und Mozartsche Musik ohne ein gewisses Soldatentum, vulgo: Disziplin, hätten geschaffen werden können?"

Gespräche mit Neo Rauch

Neo Rauch
Der Maler Neo Rauch Bildrechte: dpa

Uwe Tellkamp betreibt Bildbetrachtung. Das war einmal Schulstoff. Doch so verschwurbelt wie hier in seinem gut 100 Seiten schmalen Buch "Das Atelier" gab's die wohl noch nie. Als Ich-Erzähler namens Fabian besucht er Künstler wie Martin Rahe und Nina Schmücke, philosophiert mit Thomas Vogelstrom – allesamt unschwer erkennbar als Neo Rauch, dessen Frau Rosa Loy sowie Johannes Heisig – und lässt die Dresdner Romantik aufleben. Die Namen verstorbener Maler werden im Klartext genannt: Otto Dix etwa, Osmar Schindler, auch Hermann Glöckner und sowieso Caspar David Friedrich und Johann Christian Clausen Dahl. Zudem trifft Tellkamp den einen weißen Maserati fahrenden Carl Bunke, einen "Hansdampf in allen Kunstgassen", womit der Galerist Gerd Harry Lübke, genannt Judy, gemeint sein dürfte. Der schießt per Luftdruckpistole gemeinsam mit seinem teuren Lieblingsmaler auf Zielscheiben mit den Gesichtern von dessen Lieblingsfeinden.

Hitlers Honig und Pickelhauben

Das klingt martialisch. So ähnlich sind auch die beschriebenen Bilder ausgesucht, mit "Heiligen im Krieg", wüsten Weibern und "Pickelhauben".

"Schlafende, wiedererweckbare Geister (…) wagnerisch gesprochen ist das Drama der raheschen Personage das ihrer Inszenierung."

Wer dieser Sprache etwas abgewinnen kann, kommt voll und ganz auf seine Kosten, wird sich aber irgendwann auch fragen müssen, ob das alles wirklich ganz ernst gemeint sei.

"Ich erzähle von Hitlers Neigung zur Bienenzucht, Vater Schicklgruber hegte Imker-Ambitionen, wie man bei Picker in den Tischgesprächen nachlesen kann, dort auch der Begriff Zeidler für den Imker. Reichskanzleihonig."

Ja, das ist tatsächlich ernst gemeint. Eine "Kreuz- und Querfahrt durch die Kunst- und Kulturgeschichte":

"Jedes Wort ein Soldat, jede Zeile eine rekrutierte Truppe."

Auftakt für Buchreihe "Exil" im Buchhaus Loschwitz

Die Premiere dieses Buches war zugleich der Auftakt einer neuen Buchreihe namens "Exil", herausgegeben vom Dresdner Buchhaus Loschwitz, das inzwischen wohl nicht mehr nur angeblich ein schwieriges Pflaster ist. Erinnern wir uns: Von dort aus wurde die Charta 2017 initiiert, eine anmaßende Persiflage auf die Charta 77 der Tschechoslowakei. Dass hier nun mit Uwe Tellkamp, Jörg Bernig und vorwiegend älteren Texten von Monika Maron eine "Reihe Exil" herausgebracht wird, ist geradezu schamlos.

Buchpremiere am Tag der Bücherverbrennung

Susanne Dagen
Buchhändlerin Susanne Dagen Bildrechte: Sven Döring

Zumal die Buchpremiere just am 7. März stattgefunden hat. 7. März? Das war der Tag der ersten Bücherverbrennung in Deutschland, lange vor dem 10. Mai 1933 in Berlin. Damit ist unangepasste, widerständige Literatur erst ins Exil gedrängt worden, wurden Exil-Verlage wie Querido in Amsterdam erst notwendig. Susanne Dagen und Michael Bormann, ein durchaus kulturaffines Ehepaar, dem das Buchhaus Loschwitz gehört, werden dieses Datum womöglich nicht ohne Bedacht gewählt haben. Den Vorwurf der Absicht würden sie aber gewiss zurückweisen. Man kann ja nicht alle historischen Daten im Kopf haben.

So wie auch die Berichterstattung des MDR über die Buchpremiere von Uwe Tellkamp und den Start der "Reihe Exil" zurückgewiesen wurde. "Solche Leute wie Sie brauchen wir hier nicht", hieß es mir gegenüber. So weit reicht die Meinungsfreiheit in Loschwitz dann offenbar doch nicht.

Infos zum Buch: Uwe Tellkamp: "Das Atelier"
Erschienen in der Edition Buchhaus Loschwitz
112 Seiten, 17 Euro
ISBN: 978-3-9820131-8-3

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. März 2020 | 07:40 Uhr

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