Kolumne "Bei uns heißt das Polylux" Valerie Schönian: Wenn es die Wende nicht gegeben hätte

Die Autorin und Journalistin Valerie Schönian wurde im Herbst 1990 in Sachsen-Anhalt geboren und ist damit genauso alt wie die deutsche Wiedervereinigung. Lange dachte sie, Ost und West spielen keine Rolle mehr. Doch heute, drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall, spürt sie mehr denn je eine ostdeutsche Identität. In ihrer neuen Kolumne "Bei uns heißt das Polylux" bei MDR KULTUR reflektiert Schönian gesellschaftliche Entwicklungen, politische Entscheidungen und persönliche Begegnungen – mit dem Blick ihrer Generation.

Die Berliner Journalistin Valerie Schönian steht an der St. Pantaleon Kirche in Münster-Roxel.
Mit neuer Kolumne bei MDR KULTUR: Valerie Schönian Bildrechte: dpa

Der Konjunktiv hat ja einen schlechten Ruf. Meistens berechtigt. Hätte, hätte, was wäre wenn – verfrachtet uns oft in ewige Gedankenspiralen einer nicht zu erreichenden Wirklichkeit. Trotzdem möchte ich den Konjunktiv an dieser Stelle verteidigen, denn er hat auch seine guten Seiten. Und an die denke ich, wenn ich an das anstehende Einheitsjubiläum denke. Mittlerweile zumindest.

So alt wie das wiedervereinigte Deutschland

Ich bin in Magdeburg aufgewachsen. Geboren bin ich im September 1990 in Gardelegen. Heute Sachsen-Anhalt, damals DDR. Damit bin ich genauso alt wie das wiedervereinigte Deutschland. Lange habe ich nicht darüber nachgedacht, ob das etwas mit mir zu tun hat. Habe auch dem 3. Oktober keine Beachtung geschenkt. Die Einheit war dafür viel zu selbstverständlich für mich. Man feiert ja auch nicht jeden Tag, dass sein Handy nicht ins Klo gefallen ist. Mittlerweile bin ich mir bewusst darüber, dass ich zur ersten Generation gehöre, für die die Deutsche Einheit überhaupt selbstverständlich sein kann.

Für meine Oma zum Beispiel ist mittlerweile wohl gar nichts mehr selbstverständlich. Sie ist im Jahr 1945 geboren, das aktuelle politische System ist ihr drittes. Letztes Jahr habe ich mit ihr einen Ausflug unternommen, nach Uelzen in Niedersachsen, wo sie 1989 ihr Begrüßungsgeld abholte. Am Ende standen wir vor einem Denkmal für die Deutsche Einheit. Zwei Steine, die ineinandergreifen, daneben stand: "Lösen – Fügen – Erfassen – Begreifen – Annehmen, 3. Oktober 1990".  Ich bekam Gänsehaut. Das gibt man ja heute nicht mehr offen zu, weil Dieter Bohlen die einmal zu oft für sich beansprucht hat. Aber eigentlich ist Gänsehaut, in Anbetracht des Konjunktivs, doch eine ziemlich verständliche Reaktion. Denn: Was wäre wenn?

Was wäre wenn?

Ich arbeite heute im Leipziger Büro der ZEIT, als Journalistin in einer freien Presselandschaft, lebe in West-Berlin, habe in München studiert, habe zig Freunde aus Westdeutschland, wir sind Bürgerinnen des gleichen Landes. Wären wir nicht vor 30 Jahren wiedervereinigt worden, mein Leben wäre ein anderes. Und ich mag mein Leben. Deswegen bekomme ich immer mehr das Bedürfnis den 3. Oktober auch tatsächlich als Feier-Tag ernstzunehmen.

Mir ist schon klar, dass viele das anders sehen. Ständig werde ich gefragt, ob die Einheit denn überhaupt geglückt sei – immerhin gebe es doch so viele Unterschiede, so viele Probleme. Und klar, die gibt es. Wirtschaftsmacht, Diskursmacht, politische Macht – das alles liegt noch vorwiegend in westdeutscher Hand. Aber ich denke mir dann immer: Das bedeutet doch nicht, dass wir keine Einheit sind. Sondern nur, dass wir noch weiter daran arbeiten müssen.

Valerie Schönian 23 min
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Dabei ist die ostdeutsche Perspektive nur eine von vielen, die noch zu wenig gesehen werden – es gibt auch die türkischdeutsche, vietdeutsche, afrodeutsche, viele andere. Deswegen kann der 3. Oktober doch auch ein Anspruch sein: sich auf Augenhöhe zu begegnen, die Macht gleichmäßig zu verteilen, alle Perspektiven sichtbar zu machen, die auch zu dieser Deutschen Einheit gehören.

Das sind die guten Seiten des Konjunktivs. Mit ihm lässt sich nicht nur ausmalen, wie anders es hätte sein können. Sondern auch, was alles möglich wäre. Wie weit wir schon sind, und wie viel besser, wie wunderbar sie noch werden könnte, diese Einheit.

Eine Kolumne von Valerie Schönian

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 29. September 2020 | 06:00 Uhr