Kolumne "Bei uns heißt das Polylux" Valerie Schönian: Hört auf den jungen Leuten die Schuld zu geben

Autorin und Journalistin Valerie Schönian wurde im Herbst 1990 in Sachsen-Anhalt geboren und ist genauso alt wie die deutsche Wiedervereinigung. In ihrer Kolumne "Bei uns heißt das Polylux" bei MDR KULTUR reflektiert Schönian gesellschaftliche Entwicklungen, politische Entscheidungen und persönliche Begegnungen – mit dem Blick ihrer Generation. Diesmal: Warum auch die jüngeren Generationen während der Corona-Pandemie Solidarität brauchen und wie der Osten eine Vorreiter-Rolle einnehmen könnte.

Die Berliner Journalistin Valerie Schönian steht an der St. Pantaleon Kirche in Münster-Roxel, umrahmt von zwei orangenen und magentafarbenen Streifen.
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Ohne die jungen Leute könnte das Coronavirus längst besiegt sein – diesen Eindruck kann bekommen, wer sich gerade in der Öffentlichkeit umblickt. Da erklärt Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, dass durch ihr Verhalten das Virus in Altersheime getragen werde. Und Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra sagt über sie: "Wenn sie dann ihre Oma zu Tode befördert haben, dann muss man auch erst einmal mit seinem Gewissen klarkommen." Der Ton ist gesetzt: Gehst du feiern, stirbt deine Oma.

Auch junge Generation verzichtet

Solche Aussagen treiben nicht nur einen Keil zwischen die Generationen. Sie zeigen vor allem, wie wenig die Lebensrealität der jungen Leute von Politikern anerkannt wird.

Auch sie haben in den vergangenen Monaten massiv verzichtet. Alltag, das bedeutet für sie eigentlich Unterwegs-Sein. In Clubs, am See, auf WG-Parties. Da geht es nicht nur um ein bisschen Spaß. Da geht es um ihr ganzes soziales Leben, das noch im Aufbau ist. Dafür stürzen sie sich in die Nacht, verlieren sich, verlieben sich, trösten sich, lernen die Leute kennen, mit denen sie mit 60 Jahren auf der Terrasse sitzen und Whiskey trinken wollen. Oder auch – nach kapitalistischer Logik argumentiert – Menschen, die ihnen zum ersten Job verhelfen.

Natürlich ist es nicht besonders klug, sich jetzt in größeren Gruppen zum Bier zu treffen – aber machen das wirklich nur die jungen Leuten? Es ist auch einfach nicht so leicht, die wichtigen Bezugspersonen nicht selbstverständlich in den eigenen vier Wänden zu haben.

Studie: Junge Menschen wegen Corona besorgter als ältere

Das alles auch mal wahrzunehmen, darum geht es. Und darum, bei den Fakten zu bleiben: Für die Studie "Life with Corona" wurden ein halbes Jahr lang weltweit Menschen befragt. Das Ergebnis: Junge Leute sind besorgter und gestresster wegen der Pandemie als ältere Leute. Weil eben nicht nur Gesundheit da eine Rolle spielt. Sondern auch kulturelle, emotionale, soziale Auswirkungen der Pandemie.

Was die Studie auch zeigte: Junge Leute halten sich in ähnlichem Maß an alle Hygienemaßnahmen wie die älteren. Sie sind nicht unbedingt unvernünftiger. Und dass diese berüchtigten Partys im Freien ein Treiber des Infektionsgeschehens sind, scheint kaum belegt zu sein.

Bedürfnisse nicht unterschiedlich bewerten

Wie unterschiedlich die Bedürfnisse der Jüngeren und Älteren bewertet werden, konnte man an der Debatte um das Beherbergungsverbot sehen. Das sei nicht umsetzbar, nicht verhältnismäßig, fern ab von der Realität. Stimmt alles. Das Ding ist: Man könnte so auch gegen die Sperrstunden in den Großstädten argumentieren. Aber das eine Mal geht‘s um Erholung von Familien in den Herbstferien, das andere Mal, angeblich nur um den Freizeitspaß der jungen Leute. Die haben eben kaum mächtige Interessen-Vertreter, die in Ministerien an die Tür klopfen und seitenweise Positionspapiere einreichen. Und wer in der Politik entscheidet oder in den Medien schreibt, ist eben in der Regeln diesen jungen Leuten entwachsen.

Valerie Schönian 23 min
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Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Das Virus ist weiter gefährlich, es breitet sich wieder aus, damit müssen wir umgehen. Und sicherlich müssen sich auch die Jungen weiter einschränken. Aber es bringt niemanden etwas, wenn Generationen gegeneinander ausgespielt werden. Statt die Jungen als potenzielle Oma-Mörder darzustellen, sollten auch ihre Bedürfnisse beachtet werden. Aber dafür braucht es eben auch: Lösungen.

Osten als Vorreiter

Es gibt längst Konzepte, an denen gearbeitet wird: Club-Besitzer, wie der von der Festung Mark in Magdeburg, schlagen zum Beispiel Schnelltests und Fiebermessung vor einem Besuch vor. Der Osten könnte hier Vorreiter sein, wenn er will. Hier ist das Infektionsgeschehen noch niedriger, und kaum irgendwo braucht man diese jungen Leute doch dringender.

Es ist natürlich richtig, alle Maßnahmen an das aktuelle Infektionsgeschehen anzupassen. Aber es ist auch wichtig nicht zu vergessen: Auch das Nachtleben ist ein Wirtschaftsfaktor, auch daran hängen Existenzen. Und ganze Sozio-Kulturen. Von denen muss am Ende noch etwas übrig bleiben.

Eine Kolumne von Valerie Schönian

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 29. September 2020 | 06:00 Uhr