Kolumne "Bei uns heißt das Polylux" Valerie Schönian: Corona und der westdeutsche Blick

Autorin und Journalistin Valerie Schönian wurde im Herbst 1990 in Sachsen-Anhalt geboren und ist genauso alt wie die deutsche Wiedervereinigung. In ihrer Kolumne "Bei uns heißt das Polylux" bei MDR KULTUR reflektiert Schönian gesellschaftliche Entwicklungen, politische Entscheidungen und persönliche Begegnungen – mit dem Blick ihrer Generation. Diesmal: Wieso erscheinen Meldungen von westdeutschen Politikern viel häufiger in den Medien – und was macht das mit uns?

Die Berliner Journalistin Valerie Schönian steht an der St. Pantaleon Kirche in Münster-Roxel, umrahmt von zwei orangenen und magentafarbenen Streifen.
Die Journalistin Valerie Schönian, geboren 1990 in Gardelegen, Sachsen-Anhalt, aufgewachsen in Magdeburg Bildrechte: dpa/MDR/Guido Kirchner/Florian Leue

Manche Probleme lassen sich immer wieder neu entdecken. Das ist das Gute an ihnen. Das Nicht-so-Gute: dass sie dann halt immer noch da sind. Wobei an dieser Stelle nicht Corona gemeint ist, sondern eines, das uns schon länger begleitet: Wer bestimmt eigentlich die öffentlichen Debatten, Ost oder West?

Laschet vs. Söder

Man kann es gut an der Berichterstattung um das Virus erkennen – zum Beispiel über die Maßnahmen, die die Pandemie einschränken sollen. Die Debatte wird da gern mal als eine Art Zweikampf dargestellt; zwischen Armin Laschet und Markus Söder. Laschet, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, gilt als einer, der die Beschränkungen mehr überdenkt und erhielt das Image des Abwägenden. Dagegen steht Söder, dessen Image: der Vorprescher. Hätte eine Außerirdische in den vergangenen Monaten deutsche Zeitungen gelesen, hätte sie denken müssen, niemand im Land kann mit seinen Handeln und Überzeugungen weiter auseinanderliegen als diese beiden, sie sind die Gegenpole.

Aber – war da nicht was? Genau. Die vielen anderen Pole, die eigentlich noch viel poliger sind. Wie, zum Beispiel: im Osten.

Kein Image für den Osten

Ein kleiner Rückblick: Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern waren die Bundesländer, die im April eine Maskenpflicht einführten, nicht der Vorprescher in Bayern. Markus Söder zog kurz darauf nach und sagte, Bayern sei das "erste Bundesland in Westdeutschland", in dem die Maske verordnet wurde – um doch noch "erster" zu sein. Sachsen-Anhalt war dann das erste Bundesland, das im Mai wieder Treffen mit fünf Menschen erlaubte, weil die Beschränkungen nicht verhältnismäßig seien. Thüringen hob Mitte Juni als erstes Bundesland die Kontaktbeschränkungen auf. Beides passierte nicht zuerst in Nordrhein-Westfalen beim abwägenden Armin Laschet.

Valerie Schönian 23 min
Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Natürlich, über all das wurde auch berichtet. Der Osten fand in der bundesweiten Öffentlichkeit selbstverständlicher statt, als das sicherlich noch vor zehn Jahren der Fall gewesen wäre – aber das Image, das bekamen eben die Anderen.

Und das Gefühl, dass der Osten immer wieder ein bisschen untergeht, kann man trotzdem noch bekommen: Als im September Markus Söder darüber nachdachte, wie man die Fußball-Stadien füllen kann, wurde das zur Schlagzeile – in Sachsen war es da schon lange Thema; in Magdeburg standen sie da sogar schon wieder im Stadion. Und das Beherbergungsverbot, über das zuletzt so scharf debattiert wurde? Gilt in Sachsen-Anhalt schon seit dem Sommer.

Große Medien sind Westdeutsch

Warum passiert das? Klar, das hat auch mit der Frage nach der Kanzler-Kandidatur bei der CDU zu tun. Aber auch mit einem alten Problem, das uns schon länger bekannt ist und hier nur im neuen Anzug auftritt: dass die deutsche Medienlandschaft noch immer sehr westdeutsch geprägt ist. Zur Erinnerung: Alle überregionalen Medien haben ihren Hauptsitz im Westen. Auch Journalistinnen sind in der Mehrzahl Westdeutsche. Und so passiert es, dass der Osten manchmal, vorsichtig formuliert, nicht gerade im Fokus steht.

Ja, da hat sich im Bewusstsein vieler in den vergangenen Jahren schon manches geändert. Aber offenbar noch nicht genug. Und das ist ein Problem. Warum? Weil Medien Öffentlichkeit herstellen und damit Wirklichkeit bestimmen. Sie sind die Kontrollinstanz in dieser Demokratie und bauen Druck auf die Politikerinnen auf, in die eine oder andere Richtung; und haben damit auch Einfluss darauf, wie zum Beispiel über die Corona-Maßnahmen entschieden wird.

Diese Maßnahmen beschränken unsere Freiheiten wie nie zuvor, deswegen ist es es auch wichtiger als je zuvor, dass bei den Debatten um diese, alle Realitäten mitgedacht werden. Es hilft nicht weiter, wenn meist die immer gleichen Erzählungen und Gesichter in den Vordergrund gestellt werden.

Immer die gleichen Leute

Das konnte man zuletzt wieder sehen, als Markus Söder erklärte, dass "der Föderalismus zunehmend an seine Grenzen stößt". Zack, war er damit in Online-Aufmachern und auf Titel-Seiten. Jeder Satz von Söder wird zur bundesweiten Debatte gemacht. Der Mann müsste nur einmal heftig husten, schon hätte das Potential zur Schlagzeile. Wenn ständig von den gleichen Leuten die Rede ist, denken irgendwann alle, das muss wohl so sein. Muss es aber nicht.

Das alles liegt nicht unbedingt an einzelnen Journalisten. Das liegt an den gewachsenen Strukturen, Machtverhältnisse und Hierarchien, die bestimmte Perspektiven in den Mittelpunkt stellen. Nicht nur die westdeutsche, auch die männliche, heterosexuelle, weiße. Und ja, das nervt. Diskriminierende Strukturen sind zäh. Aber – auch das ist das Gute – sie sind nicht unveränderbar.

Als Markus Söder den Föderalismus an seinen Grenzen sah, wurde er dafür auch scharf kritisiert. Zu Recht. Denn schließlich hat sich dieser in den vergangen Monaten ja bewährt, gerade in Ostdeutschland. Eine derjenigen, die den Föderalismus vehement verteidigt haben, war Manuela Schwesig. Auf einer Titelseite landete sie damit nicht.

Eine Kolumne von Valerie Schönian

Die Kolumne "Bei uns heißt das Polylux"

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 29. September 2020 | 06:00 Uhr