Buchcover - Vera Brittain: Vermächtnis einer Jugend
Bildrechte: Verlag Matthes & Seitz Berlin

"Vemächtnis der Jugend" - erstmals auf Deutsch Vera Brittains schonungslose Frauensicht auf den Krieg

Viel ist über den Ersten Weltkrieg geschrieben worden. Ein besonderes literarisches Zeugnis des "Großen Krieges", wie er zunächst hieß, ist das Buch "Vermächtnis der Jugend" der englischen Schriftstellerin Vera Brittain. Erstmals veröffentlicht wurde es 1933 und ist längst ein Klassiker im englischsprachigen Raum sowie der feministischen Literatur. Jetzt erschien erstmals eine deutsche Übersetzung bei Matthes & Seitz Berlin.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Buchcover - Vera Brittain: Vermächtnis einer Jugend
Bildrechte: Verlag Matthes & Seitz Berlin

Als Vera Brittain 1893 im idyllischen Newcastle-under-Lyme im Norden Englands geboren wird, da steht ihr Lebensweg bereits fest. Als Tochter einer gutbürgerlichen Fabrikantenfamilie soll sie sich einen gutsituierten Ehemann suchen und ihm möglichst viele Kinder zu schenken. Zu dumm nur, dass das Kind mit einer gehörigen Portion Intelligenz, Neugier und Widerstandskraft ausgestattet ist, die die Pläne der Familie schon bald und endgültig durchkreuzen. Vera Brittain will studieren, sie träumt von Oxford. Doch der Weltenlauf will es, dass ausgerechnet 1914, in dem Jahr, in dem sie am Ziel ihrer Träume ankommt, der Erste Weltkrieg Krieg ausbricht und alles ändert.

Der Erste Weltkrieg wirft alle Pläne über den Haufen

Aus der Studentin wird eine Krankenschwester. Aus der Krankenschwester wird eine Schriftstellerin, die 1933 ein Buch schreibt, das Furore macht: "Testament of Youth" - "Vermächtnis einer Jugend". Als Autobiografie angelegt, ist es doch viel mehr: schonungsloses Protokoll eines Krieges, leidenschaftlicher Friedensappell und Zeugnis einer verlorenen Generation.

Frankreich war der Schauplatz eines gigantischen, maßlosen Sterbens, darum wurde hier auch mit solch brennender Leidenschaft gelebt, die keine Generation zuvor gekannt hatte. Nichts war von Dauer, alle und alles waren ständig auf dem Weg, Freundschaften galten für den Moment, Verabredungen für den Moment, nichts war momenthafter als das Leben selbst.

Zitat aus "Vermächtnis einer Jugend"

Brittain wollte den Männern in nichts nachstehen

Lazarett im Ersten Weltkrieg
Ein Lazarett im Ersten Weltkrieg, hier wurde Vera Brittain zur leidenschaftlichen Pazifistin Bildrechte: imago/Leemage

Nach Frankreich war Vera Brittain gegangen, weil sie den jungen Männern in nichts nachstehen wollte, ihrem Bruder Edward nicht, der ihr erst kampfesmutige und später immer verzweifeltere Briefe aus dem Feld schreibt, wo er schließlich getötet wird. Auch ihrer großen Liebe Roland nicht, der kurz vor der geplanten Hochzeit ebenfalls fällt. In einem Lazarett kämpft Vera nun bis zur Erschöpfung um die Leben von fremden Soldaten und Offizieren, deutschen und englischen, und merkt schnell: Der heldenhafte Kriegstaumel ist reine Fiktion:

"Wenn ich heute an den Krieg zurückdenke, ist nie Sommer, sondern immer Winter, immer herrscht Kälte, Dunkelheit und Trostlosigkeit, hin und wieder die kurze Wärme eine Erregung, die uns all das - gegen jeden Verstand - verklären ließ. Sein Symbol ist für mich auf ewig eine Kerze in einem Flaschenhals, das Flämmchen flackert im eisigen Luftzug und schafft doch eine kleine Illusion von Licht in einer unendlichen, undurchdringlichen Finsternis."

Ein radikaler Blick auf die Geschlechterrollen

Was an diesem Buch besticht, das sind nicht die präzisen Beschreibungen des Grauens und des Drecks, dem man im Krieg ausgesetzt ist. Was besticht, sind die bis heute gültigen Schlussfolgerungen, die Vera Brittain für sich selbst und ihre Generation zieht. Komplett desillusioniert stellt sie ihr Leben nach der Kriegserfahrung ganz in den Dienst des Pazifismus und entwickelt einen für die damalige Zeit radikalen Blick auf die Geschlechterrollen.

Wurden Frauen nicht jetzt, da die fähigsten Männer einer ganzen Generation im Krieg gefallen waren, dringender denn je gebraucht, um das hohe Niveau der englischen Literatur, Kunst, Musik, Politik, Lehre und Medizin aufrecht zu erhalten?

Zitat aus "Vermächtnis einer Jugend"

"Andererseits: war es für eine ihrer besten Männer beraubte Nation nicht wichtiger denn je, dass ihre tatkräftigsten und intelligentesten Frauen die Mütter einer kommenden Generation wurden", heißt es weiter in ihrem Buch.

Ein ergreifendes Buch

Vera Brittain mit Ehemann Professor George Catlin
Vera Brittain mit Ehemann Professor George Catlin

Übrigens gibt es in Hamburg und in Berlin ein "Vera-Brittain-Ufer" - die Schriftstellerin, Pazifistin und Feministin protestierte während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien gegen Bombardements von deutschen Städten und deren Zivilbevölkerung
Bildrechte: imago/United Archives International

In der Regel betrachten wir den Krieg mit männlichen Augen, was wohl oder übel auf der Hand liegt. Denn die, die in den Krieg ziehen, sind in der Mehrzahl Männer. Und auch die, die darüber schreiben, sind vor allem Männer. "Vermächtnis der Jugend" von Vera Brittain bricht diese einseitige Perspektive auf und sie tut das meisterlich, sprachlich elegant, eindringlich und doch ohne jeden Pathos. Der ist ihr bei der Arbeit als Krankenschwester längst abhanden gekommen. "Man sagt mir, dass mein Buch die Menschen zum Weinen bringt. Es wäre mir lieber, es brächte sie zum Nachdenken", hat Vera Brittain den großen Erfolg ihres Buches einmal kommentiert. Sie konnte wahrscheinlich nicht ahnen, dass ihre Sätze bis weit nach ihren Tod im Jahr 1970 nachhallen würden. "Vermächtnis einer Jugend" ist ein bedrückendes, ein ergreifendes Buch.

Informationen zum Buch "Vera Brittain: "Vermächtnis einer Jugend"
Übersetzt von Ebba D. Drolshagen

Erschienen bei Verlag Matthes & Seitz Berlin
525 Seiten, 30 Euro
ISBN: 978-3-95757-611-8

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 24. Oktober 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2018, 04:00 Uhr