Aida, Aufführung an der Oper Halle, Ramfis (Vladislav Solodyagin) und Damen des Chors der Oper Halle
Die Inszenierung von Verdis Oper Aida in Halle dauert ca. 3,5 Stunden (inklusive Pause). Bildrechte: Oper Halle / Falk Wenzel

Aufführungs-Kritik Aida in Halle - Viel Applaus und massive Buh-Rufe

Am Samstag ging an der Oper Halle Verdis Aida als Neuproduktion über die Bühne. Inszeniert hat sie Chefdramaturg Michael von zur Mühlen. Für ihn gab es sowohl Buh- wie auch Bravo-Rufe. MDR KULTUR-Opernredakteurin Bettina Volksdorf hat die Aufführung angeschaut und sieht Licht und Schatten. Eine Kritik.

von Bettina Volksdorf, MDR KULTUR-Opernredakteurin

Aida, Aufführung an der Oper Halle, Ramfis (Vladislav Solodyagin) und Damen des Chors der Oper Halle
Die Inszenierung von Verdis Oper Aida in Halle dauert ca. 3,5 Stunden (inklusive Pause). Bildrechte: Oper Halle / Falk Wenzel

Am Samstag ging an der Oper Halle Verdis "Aida" als Neuproduktion über die Bühne. Inszeniert hat sie Chefdramaturg Michael von zur Mühlen.Die Atmosphäre war sehr freundlich, ja begeistert den Musikern gegenüber. Es gab Ovationen für die Staatskapelle Halle und den Generalmusikdirektor Josep Caballé-Domenech, viel Applaus für die Sänger, allen voran für Magnus Vigilius  als Radames, für Yannick-Muriel Noah, für den Opernchor und den Extrachor.

Buh- und Bravo-Rufe für Regie

Das Regieteam um Michael von zur Mühlen wurde meiner Wahrnehmung nach vor allem ausgebuht, da kamen die Bravi-Rufer nicht so recht durch. Aber es gab natürlich auch die Befürworter!

Der Regisseur Michael v. zur Mühlen.
Regisseur Michael von zur Mühlen Bildrechte: dpa

Die Opern-Macher beziehen sich bei ihrer Aida-Konzeption unter anderem auf einen Gedanken des Fernseh- und Filmproduzenten Alexander Kluge, für den Oper ein "Kraftwerk der Gefühle" ist, deren Stoffe immer wieder an Gefühlen unserer Gegenwart "erprobt und in Szene gesetzt" werden sollten. Und an Emotionen, Hits und Dramatik mangelt es dieser Verdi-Oper nun weiß Gott nicht!

Die Umsetzung auf der Bühne sehe ich jedoch zwiegespalten. Einerseits habe ich das Team um Opern-Intendant Florian Lutz seit September 2016 sehr schätzen gelernt habe: Da wird experimentierfreudig und neugierig an die Sachen herangegangen, lustvoll mit tradierten Aufführungsformen gebrochen, und neue werden erdacht. Das finde ich gut und wichtig, genau dafür ist diese Mannschaft nach Halle geholt worden!

"Oh Gott, nicht schon wieder!"

Aida, Aufführung an der Oper Halle, Aida (Yannick-Muriel Noah), Amneris (Svitlana Slyvia)
Bei der Inszenierung wurde mit Videoeinblendungen gearbeitet. Bildrechte: Oper Halle / Falk Wenzel

Aber das, was ich gestern erlebt habe, war zwar der Versuch, einen Opern-Stoff mit Gegenwart und Vergangenheit zu vernetzen, es resultierte daraus aber für mich am Ende kein konzeptionell-stringentes, theatral-wirkungsvolles Ganzes.

Um das kurz zu beschreiben: Aida beginnt in Halle mit jenem Video, das den Flüchtlingsbus im sächsischen Clausnitz zeigt, samt feindlich-grölender Menge darum. Meiner linken Sitz-Nachbarin entfuhr daraufhin sofort ein "Oh Gott, nicht schon wieder!", aber - die Parallelen zur Oper scheinen klar: Fremdenhass ist etwas Überzeitliches, genauso wie rassistisches Denken oder der Kampf um Freiheit. Aida will frei sein, so wie auch ihre äthiopischen Landsleute - vermutlich deshalb werden bei ihrer ersten Arie Aufnahmen von Leipziger Montags-Demonstrationen gezeigt, später wie freudetrunkene Menschen die Berliner Mauer stürmten. Dass dabei auch mal in die Szene beziehungsweise Partitur eingegriffen wird, um Redeausschnitte von Carolin Emcke, Emanuel Macron oder Heiner Müller einfügen zu können, steht für mich im Sinne der Aussage nicht in Frage.

Überraschend historisches Setting

Aida, Aufführung an der Oper Halle, Amneris (Svitlana Slyvia), Radamès (Magnus Vigilius), Aida (Yannick-Muriel Noah)
Die Kostüme entsprechen der Ästhetik des 19. Jahrhunderts Bildrechte: Oper Halle / Falk Wenzel

Was Michael von zur Mühlen mit seiner stark assoziativen Bebilderung und den zahlreichen zusätzlichen Texten von Adorno bis Godard im Kern erzählen will, das bleibt für mich streitbar. Denn auf der anderen Seite zeigt er diese Aida im historischen Setting der Pariser Erstaufführung - und lässt das auch so spielen. Das heißt, die Sänger interagieren kaum, sie müssen sich mit artifiziellen Gesten und Posen gen Publikum begnügen, da damals vor allem Kostüme und gute Stimmen zählten.

Irgendwann habe ich mich gefragt, was das schönste dramaturgische Ideengerüst nutzt, was die anspruchsvollsten Texte, wenn auf der Bühne kaum etwas so richtig zündet!

Bettina Volksdorf, MDR KULTUR-Opernredakteurin

Anders jedoch die musikalische Qualität dieser Neuproduktion. Da ist die zu 98 Prozent fabelhafte Staatskapelle. Bei ihr gab es tolle Einzelleistungen, vor allem bei den Bläsern, das war ein dramatisch-packend gespielter Opernabend, auch weil Josep Caballé Domenech flüssige Tempi anschlug, zugleich die kammermusikalischen Seiten der Partitur wunderbar zum Klingen brachte.

Kleiner Wermutstropfen: Die Chorszenen empfand ich als gleichbleibend zu laut, aber insgesamt auch hier ein Bravo der Gesamtleistung von Opernchor und Extrachor!

Tenor Magnus Vigilius überzeugt

Aida, Aufführung an der Oper Halle, Amonasro (Oleksandr Pushniak), Aida (Yannick-Muriel Noah), Radamès (Magnus Vigilius)
Oleksandr Pushniak als Amonasro, Yannick-Muriel Noah als Aida und Magnus Vigilius als Radamès (v.l.n.r.) Bildrechte: Oper Halle / Falk Wenzel

Von den Solisten gefiel mir vor allem der hell-timbrierte, ganz klar-fokussierte und höhensichere Tenor Magnus Vigilius am besten, wobei auch der König mit Sebastian Kroggel und Amonasro mit Oleksandr Pushniak sehr gut besetzt waren. Bei den Damen gefiel Yannick-Muriel Noah dem Publikum sehr gut, für mich ist ihre Stimme jedoch ein wenig zu unausgeglichen geführt. Und bei Svitlana Slyvia enthalte ich mich eines Urteils, da ich hörte, sie sei zuvor krank gewesen - andererseits gab es dazu keine Ansage. Aber insgesamt eine sehr gute Ensembleleistung der Oper Halle samt Gästen!

Ein Wunsch am Ende

Liebes Hallenser Opern-Team, überdenkt bitte auch euer Timing! Ich empfehle aus eigener Überzeugung, sich diesbezüglich Inszenierungen von Barry Kosky an der Komischen Oper anzuschauen. Über Konzepte kann man streiten, aber sein Timing stimmt für mich immer!

Aufführungstermine Samstag, 19. Januar 2018, 19.30 Uhr, Oper Halle (Premiere)
(Donnerstag, 25. Januar 2018, 19.30 Uhr, Aufführung in Friedrichshafen)
Sonntag, 28. Januar 2018, 15 Uhr, Oper Halle
Sonntag, 04. März 2018, 16 Uhr, Oper Halle
Samstag, 24. März 2018, 19.30 Uhr, Oper Halle
Mittwoch, 11. April 2018, 19.30 Uhr, Oper Halle
Freitag, 20. April 2018, 19.30 Uhr, Oper Halle

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Januar 2018 | 09:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2018, 14:56 Uhr

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