Ein Junge steht mit seinem Kuscheltier und einem Kopfkissen in den Händen vor seinem Bett im Kinderzimmer.
In Leipzig gibt es ein Trauerbewältigungs-Angebot für Kinder und Jugendliche Bildrechte: dpa

Gesellschaft Wenn Kinder trauern müssen – ein Leipziger Verein hilft

Die Vorstellung, einen geliebten Menschen zu verlieren, ist schrecklich. Erst recht für Kinder und Jugendliche, die ein Elternteil oder Geschwister verlieren. Der Leipziger Verein "Wolfsträne" hilft ihnen bei der Trauerarbeit und begleitet junge Menschen durch die Trauerphasen.

von Karoline Knappe, MDR KULTUR

Ein Junge steht mit seinem Kuscheltier und einem Kopfkissen in den Händen vor seinem Bett im Kinderzimmer.
In Leipzig gibt es ein Trauerbewältigungs-Angebot für Kinder und Jugendliche Bildrechte: dpa

Die "Wolfsträne" in Leipzig ist ein Verein, der Kindern und Jugendlichen hilft, die die Mutter, den Vater oder ein Geschwisterkind verloren haben. Gründerin des Vereins "Wolfsträne" ist Katrin Gärtner, eine patent wirkende Frau, Ende 30, die gern lacht. Im Hauptberuf arbeitet sie in der häuslichen Kinderintensivpflege.

Hilfe in der Not

Ein rotes, zebrochenes Herz auf schwarzem Hintergrund. 4 min
Bildrechte: Colourbox.de

Bei ihrer Tätigkeit ist ihr Ende 2016 ein elfjähriges Mädchen begegnet, dessen Mutter gestorben war. Gärtner kennt selber das Gefühl, dass die eigene Mutter stirbt und man noch jung ist. Sie spürte die Not des Mädchens und dachte, "der müsste man eigentlich helfen, sonst wird es der irgendwann gehen wie mir." Also hat sie nach einem Verein gesucht, bei dem das Mädchen Hilfe finden könnte. Sie hat gegoogelt und recherchiert und fand: nichts.

Und so hat sie kurzerhand selbst die "Wolfsträne" gegründet. Dort können sich Familienmitglieder oder Menschen aus dem Umfeld von Kindern oder Jugendlichen melden, bei denen ein Elternteil oder ein Geschwisterkind verstorben ist, "dann fahre ich zu einem Erstgespräch zu den Familien, und dann wird entschieden, gehen die in eine Gruppe oder kriegen die eine Einzelbegleitung. Je nachdem, welche Hilfe die in dem Moment brauchen", so Gärtner.

Hier sind Leute, die das einerseits verstehen und mit denen ich mich auch gut verstehe und hier kann ich halt auch einfach reden, ohne dass jemand etwas Blödes sagt.

Leonie über die "Wolfsträne"

Sich angenommen fühlen können

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Da ist zum Beispiel die jugendliche Clarissa, deren Mutter nach fünfjährigem Kampf an Krebs gestorben ist. Sie hatte sich gesagt: "Ich brauche irgendwo was, wo ich hingehen kann. Ich pack das nicht alleine, meine Mutti war so die beste Freundin für mich, alleine krieg ich das nicht hin." Zwar empfindet sie ihre Familie als stärkend im Rücken, jedoch ist es für sie etwas anderes, mit Fremden darüber zu reden.

Alle vier Wochen treffen sich bei "Wolfsträne" die Kinder und Jugendlichen, es gibt Gruppen für die kleineren Kinder und Gruppen für Jugendliche wie Clarissa. Für sie war es anfangs eine Herausforderung, immer wieder herzukommen. Clarissa beschreibt sich als jemand, der einfach losweint, "von daher war das überhaupt kein Problem für mich, die Emotionen einfach rauszulassen. Und ich glaub, so haben mich die anderen Jugendlichen auch empfangen: Ach, die Clara weint, ist schon okay."

Trauer braucht ihre Zeit

Etwa 150 Kinder und Jugendliche, die ein Elternteil oder ein Geschwisterkind verloren haben, begleiten Gärtner und ihre Kollegen zurzeit. Im Schnitt für ungefähr drei Jahre, denn "drei Jahre ist so die Zeit, die man braucht, nach so einem schweren Verlust. Dass man erst mal Boden unter den Füßen hat. Da ist noch nicht alles gut – aber da hat man erst mal Boden unter den Füßen", so Gärtner.

Es geht darum, einen Ort zu haben, an dem es erlaubt ist, zu trauern, an dem die Kinder sich mitteilen können mit dem, was in ihnen ist. Und an dem sie aufgehoben sind, weil es den anderen auch so geht.

Den Tod ins Leben integrieren

Und dabei geht es in der "Wolfsträne" nicht nur traurig zu – im Gegenteil. So beschreibt Leoni, dass sie bei einem Ausflug in den Spreewald einen Duft bekommen haben, "der uns immer an den Spreewald erinnern soll und der uns dann glücklich machen soll." Und das hilft den Kindern und Jugendlichen, so kommen sie Stück für Stück wieder im Leben an. In einem Leben, das den Tod integriert, statt ihn zu verdrängen.

Das ist das große Problem unserer Gesellschaft, warum dieses Thema so ein Tabuthema ist – weil alle Angst haben, dass sie das nicht aushalten.

Katrin Gärtner, Gründerin des Vereins "Wolfsträne"

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. November 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. November 2019, 04:00 Uhr

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