Ein Mann mit Dreitagebart und einer Mütze schaut angespannt über seine Schulter.
Edgar Selge spielte die Figur des Francois auch schon auf der Theaterbühne. Bildrechte: rbb/NFP/Manon Renier

Rezension "Unterwerfung" - Michel Houellebecqs Roman als Film

Vor drei Jahren erschien in Frankreich Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung". Satirisch überhöht beschrieb der Autor, was passieren könnte, wenn der radikale Islam Politik und Leben in Frankreich bestimmt und wie die Hauptfigur Francois darauf reagiert. In der ARD Mediathek läuft nun bis zum 13. Juni 2018 eine Verfilmung des Skandal-Romans mit Edgar Selge. Eine Rezension von Michael Meyer.

Ein Mann mit Dreitagebart und einer Mütze schaut angespannt über seine Schulter.
Edgar Selge spielte die Figur des Francois auch schon auf der Theaterbühne. Bildrechte: rbb/NFP/Manon Renier

Schon die Anfangssequenz des Films wirkt ungewöhnlich: Francois geht durch die Straßen Hamburgs und spricht mit sich selbst. Das kommt nicht oft vor im Fernsehen, dass die Hauptfigur lange monologisiert. Zu sehr engt diese Erzählform die Sympathien ein. Zumal die Hauptfigur in "Unterwerfung" durchaus nicht nur sympathische Züge trägt.

Zusammenspiel von Theater und Fernsehen

Michel Houellebecq
Michel Houellebecq hat den Roman geschrieben, auf dem der Film basiert. Bildrechte: dpa

Jener Francois, ein mysanthropischer, frauen- und sexbessesener Intellektueller, gespielt von Edgar Selge, hat auch im Fernsehfilm eine starke Wirkung. Dabei bedient sich Regisseur Titus Selge eines Tricks: Viele Szenen aus der gefeierten Hamburger Theaterinszenierung des Stoffes hat er in die Verfilmung übernommen. Hauptdarsteller Edgar Selge monologisiert auf der Bühne vor der Kulisse eines großen, sich drehenden Kreuzes. Selge war erfreut, als er davon erfuhr, dass die Inszenierung auch im Film vorkommt.

Weil es ein bisschen was vom Brechtschen Verfremdungseffekt hat.

Edgar Selge, Schauspieler

Mehr Facetten als auf der Bühne

Diese Art des Inszenierens, das häufige Hin- und Herschneiden zwischen Film und Theaterinszenierung kannte man bislang eher von der Bühne, wo Video als Verfremdungseffekt oder als Verlängerung des Geschehens eingesetzt wird – Christoph Schlingensief oder die New Yorker "Wooster Group" waren bekannt dafür. Doch umgekehrt, ein Film mit Theaterszenen ist seltenerer Kunstgriff. Lars von Trier drehte 2003 mit "Dogville" einen ganzen Film in einer Theaterdekoration. Regisseur Titus Selge betont, es sei ihm vor allem darum gegangen, Facetten der Figur zu zeigen, die man im Theater nicht zeigen kann. "Denn das Mittel der Bühne ist ja die Sprache", so Selge, und es sei etwas ganz anderes, als wenn die Kamera direkt vor einem stehe.

Ein Mann mit Schminke im Gesicht und rotem Punktauf der Nase sitzt grübelnd auf einem dunklen Podest.
Der Film ist durchsetzt mit Theater-Szenen, die aus der Bühneninszenierung stammen. Bildrechte: rbb/NFP/Manon Renier

Das war die Ausgangsidee, dass man hier bei diesem Stoff und bei so einer Figur, die so sehr von Einsamkeit und von stillen Momenten geprägt ist, dass man da mit dem Film, mit einer tollen Inszenierung noch etwas dazugeben kann.

Titus Selge, Regisseur

Der Film ist nicht zuletzt hervorragend geschnitten, denn die Szenen aus der Theaterinszenierung und den anderen Spielszenen waren sicher nicht immer einfach zu verbinden. Der Film blendet in manchen Szenen auch hinter die Bühne oder in die Theatergarderobe.

Ein Roman in 90 Minuten

Ein Mann mit Vollbart, Brille und braunem Haar hält eine Zigarette zwischen den Fingern und unterhält sich mit zwei Frauen.
Regisseur Titus Selge ist der Neffe von Hauptdarsteller Edgar Selge. Bildrechte: rbb/NFP/Manon Renier

"Unterwerfung" in der ARD ist, fernsehüblich, 90 Minuten lang – manches aus dem Roman musste aus Zeitgründen weggelassen werden. Francois Monologe sind nicht immer so ausführlich, wie im Buch. Wenn Frankreich ins Chaos verfällt, eine Cocktailparty beendet werden muss, weil auf der Straße Schüsse fallen und Francois aufs Land flieht – dann ist das schon nach der Hälfte des Films zu sehen. 

Dafür nimmt sich die Verfilmung ausführlich Zeit, um zum eigentlichen Thema zu kommen: der Unterwerfung. Francois ist seit längerer Zeit von seinem Job als Uni-Professor beurlaubt und wird plötzlich zu Robert Rediger gerufen. Rediger ist der neue Präsident der islamischen Universität Paris Sorbonne. Er umgarnt Francois, dass es doch ein reines Glück sei, sich komplett zu unterwerfen, auch einem Glauben. Und doch kommen Francois Zweifel.

Gelungene Verfilmung

Gespielt wird dieser Robert Rediger von Matthias Brandt mit einer derart diabolischen Beiläufigkeit, dass man den beiden Schauspielern, Brandt und Selge, am liebsten noch sehr viel länger zuschauen mag. Die Verfilmung von "Unterwerfung" ist in seiner Machart überaus gelungen.

Ein Film, den man so nicht häufig im Fernsehen zu sehen bekommt.

Michael Meyer, MDR KULTUR-Kritiker

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 06. Juni 2018 | 16:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2018, 08:14 Uhr

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