Mutter, Vater und Tochter machen Hausaufgaben
Dass Kinder heutzutage nicht mehr so gut in die Arbeitswelt integrierbar sind, hänge vor allem von den Eltern ab, argumentiert der Kinderpsychiater Michael Winterhoff. Bildrechte: Colourbox.de

Verantwortung statt Unbeschwertheit Verlorene Kindheit?

Mutter, Vater und Tochter machen Hausaufgaben
Dass Kinder heutzutage nicht mehr so gut in die Arbeitswelt integrierbar sind, hänge vor allem von den Eltern ab, argumentiert der Kinderpsychiater Michael Winterhoff. Bildrechte: Colourbox.de

In den letzten fünfzehn Jahren hat sich die Kindheit verändert. Grund dafür ist laut dem Kinderpsychiater Michael Winterhoff die digitalisierte Erwachsenenwelt.

Heute ist die Kindheit nicht unbeschwert, aber nicht deshalb, weil die Kinder wenig raus kommen und viel am Fernseher und Computer sind, sondern, weil wir Erwachsene meinen, wir müssten schon die Kinder mit unseren Problemen belasten. Wir haben gar nicht mehr das Gefühl, dass wir trennen zwischen Erwachsenenproblemen und Kinderproblemen. Wir geben die Kinder schon sehr früh in die Eigenverantwortung. Das ist keine unbeschwerte Kindheit. Eine unbeschwerte Kindheit bedeutet, dass ich für das Kind da bin, lenke und Entscheidungen für das Kind treffe.

Kinderpsychiater Michael Winterhoff

Digitalisierte Erwachsenenwelt

Die Schuld gibt Winterhoff der Digitalisierung. Erwachsene ruhten nicht mehr in sich, ihnen fehle daher die Intuition im Umgang mit dem Kind. Die ständige digitale Verfügbarkeit lasse Erwachsene nicht mehr überlegt agieren, sondern nur noch reagieren.

Viele Erwachsene heute sind nur noch wie ferngesteuert.

Michael Winterhoff

Dieser Umgang übertrage sich auch auf das Kind: Das Kind mache die Erfahrung alles steuern zu können und alles zu bekommen. Das Kind werde dem Erwachsenen gleichgesetzt und bleibe heute daher in seiner Psyche auf der Stufe eines Kleinkindes.

Heute in unserer Gesellschaft ist das Bild, was Kinder sind, was Kinder brauchen, was Kindheit ausmacht völlig verloren gegangen.

Michael Winterhoff

Fehlender Halt für das Kind

Die einzige Phase im Leben, in der der Mensch keine Verantwortung tragen sollte, ist als Kind. Das ist Kindheit.

Michael Winterhoff

Zu früh werde zu viel Verantwortung auf die Kinder übertragen, meint Winterhoff. Das Kind sei auf sich gestellt. Stattdessen bräuchten Kinder Orientierung.

Kinder suchen grundsätzlich nur Halt. (…) Für die meisten Kinder heute fällt die Orientierung zu Hause aus, weil die Eltern in einem Zustand sind, dass sie nur noch reagieren, dass sie sich steuern lassen, dass sie in einer Symbiose sind – das Kind ist ein Teil ihres Selbst geworden.

Michael Winterhoff

Durch diesen Umgang fehle es Schulabgängern an Integrierbarkeit, Arbeitsroutinen würden gemieden, Arbeitsverhältnisse abgebrochen.

Diese Heranwachsenden leben nur im Moment, die denken gar nicht an morgen und übermorgen, sondern drehen sich um sich selbst.

Michael Winterhoff

Mehr Extreme

Nicht ganz so ein einseitiges Kindheitsbild vertreten Grundschullehrerin Ines Hartmann und Schulpsychologe Felix Peter. Nach ihrer Wahrnehmung sind vor allem die Unterschiede zwischen den Kindern eine Herausforderung für das Lehrpersonal.

Die Extreme haben zugenommen.

Schulpsychologe Felix Peter

Noch nie gab es so eine Vielfalt an Erziehungsstilen innerhalb einer Generation: Eltern, die klare Ansagen machen neben Eltern, die mit ihren Kindern alles aushandeln. Gemütslage und Bedürfnisse der Kinder sind daher schwer abzuschätzen. Das zeigt sich auch im Lernniveau: Während einige Kinder in der ersten Klasse bereits schreiben, wissen andere noch nicht, wie sie den Stift richtig halten müssen. Doch auch insgesamt zeichne sich eine Tendenz zu geringer Konzentration ab, erklärt Hartmann.

Unabhängig von Bildungsniveaus, die sie von zu Hause mitbringen, sind Fähigkeiten und Fertigkeiten nicht mehr so entwickelt bei allen, wie es zu der Zeit war, als ich angefangen habe im Schuldienst: Die Konzentration ist nicht mehr so ausdauernd, die Anstrengungsbereitschaft hat sehr nachgelassen.

Grundschullehrerin Ines Hartmann

Nicht endgültig verloren

Doch Kinderpsychiater Winterhoff sieht Hoffnung. Vorwürfe an Schule und Eltern seien nicht vorteilhaft. Stattdessen fordert er kleinere Lerngruppen mit einem Betreuungsverhältnis von zwei Lehrern auf 15 Kinder. Eine Forderung, deren Umsetzung auch Ines Hartmann entgegenkommen würde, denn gerade die unterschiedlichen Niveaus und Bedürfnisse der Kinder brauchen Zuwendung.

Man schafft es ja gar nicht bei 28 Kindern, jedem in jeder Stunde Aufmerksamkeit zu geben – da ist jedes Kind nicht mal zwei Minuten dran, funktioniert ja gar nicht.

Grundschullehrerin Ines Hartmann

In jedem Fall ist die veränderte Kindheit ein Grund mehr, warum der Mangel an Betreuungspersonal noch gravierendere Folgen haben könnte.

Die Themen bei artour am 21.09.2017 Das Schuljahr, welches die Kultusminister als "schlimmstes Schuljahr seit 10 Jahren" und als Beginn eines "Tals der Tränen" bezeichnet haben, hat begonnen. Wir haben eine Grundschule in Dresden besucht und mussten feststellen, dass diese Aussagen voll und ganz zutreffen – die Schüler werden zum Teil auf dem Flur unterrichtet, Stunden fallen massenhaft aus, maximal die Grundversorgung findet statt. Wir haben mit Brunhild Kurth, sächsische Kultusministerin und mit Marco Tullner, Kultusminister in Sachsen-Anhalt gesprochen, wie sie dieser Situation Herr werden wollen.
Autorin: Constanze Müller

Was wird das für eine Generation von Kindern, die mit solchem Mangel aufwachsen, die sich zwangsläufig als nicht wichtig empfinden müssen, die einerseits mit zu wenigen und damit überfoderten Lehrern zu tun haben und anderseits unter einem enormen Leistungsdruck stehen? Wir haben den bekannten Kinderpsychologen Michael Winterhoff dazu befragt und den renommierten Bildungswissenschaftler Prof. Klaus Hurrelmann. Dazu sprechen wir auch mit den sogenannten Krile-Leuten aus Leipzig, eine Gruppe von Lehramtsstudierenden, die sich kritisch mit dem derzeitigen Bildungssystem auseinandersetzen.
Autor: Tilman Jens

Vor allem in Sachsen will man den Lehrermangel mit sogenannten "Seiteneinsteigern" bekämpfen. Sie haben Meteorologie, Germanistik oder Mathematik studiert, haben aber keinerlei pädagogische Ausbildung. Sie werden derzeit in dreimonatigen Kursen auf ihren Einsatz vor allem in Grund- und Oberschulen vorbereitet. Was passiert bei diesen Kursen? Kann man die pädagogische Ausbildung aus sieben Jahren Lehramtsstudium in nur drei Monaten kompensieren? Schon jetzt rühmt sich das sächsische Kultusministerium damit, dass nahezu alle freien Lehrerstellen besetzt seien – die Statistik stimmt, allerdings nur deshalb, weil diese Seiteneinsteiger schon mitgezählt werden, obwohl sie noch gar nicht unterrichten und keiner weiß, ob sie dem harten Lehreralltag auch tatsächlich standhalten.
Autor: Tom Lemke

Viele Lehrer klagen, aber nur wenige sprechen öffentlich darüber. Aus Sorge vor Abmahnungen des Arbeitsgebers. Wir stellen einen Lehrer vor, der angstfrei und offen spricht - über den täglichen Wahnsinn an Schulen, über Kinder, die vom nächtlichen Medienkonsum überfordert und todmüde in die Schule kommen und alles andere als bereit für Wissensvermittlung sind. Peer Kurtzke ist seit 27 Jahren Lehrer an verschiedenen Schulen – er hat die Verschärfung der Situation wie viele seiner Kollegen kommen sehen und sagt: Das, was wir jetzt erleben, war absehbar.
Autorin: Anett Friedrich

Kulturkalender:

* Filmtipp: "Schule, Schule - Die Zeit nach Berg Fidel" (Dokumentarfilm von Hella Wenders), Kinostart 21.9.
* Ausstellung "Bodenschätze. Geschichten aus dem Untergrund" Ausgraben, Experimentieren und Erforschen - Eine Ausstellung für Spürnasen, Max-Pechstein-Museum Zwickau bis 15.10.
* Buchtipp: Michael Winterhoff: Die Wiederentdeckung der Kindheit."
Autorin: Stephany Mundt

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Artour | 21. September 2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Februar 2019, 15:57 Uhr

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