Röntgenfluoreszenzanalyse Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-1659, Öl auf Leinwand
Vermeers Brieflesendes Mädchen in der Röntgenanalyse Bildrechte: Maria Körber

Entdeckung bei Restaurierungsarbeiten Vermeer hat "Briefleserin" nicht selbst übermalt

Derzeit wird das berühmte Gemälde "Brieflesendes Mädchen" von Jan Vermeer in Dresden restauriert. Nun ist sicher, dass die Übermalung des Amors auf dem Bild nicht von Vermeer stammt. Da sich die Restaurierung hinzieht, wird das Bild im Zwischenzustand vom 8. Mai bis 16. Juni 2019 im Semperbau präsentiert.

 Röntgenfluoreszenzanalyse Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-1659, Öl auf Leinwand
Vermeers Brieflesendes Mädchen in der Röntgenanalyse Bildrechte: Maria Körber

Das Gemälde "Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster" von Jan Vermeer ist nicht wie bisher angenommen vom Künstler selbst übermalt worden. Das haben Restauratoren bei einer Wiederaufbereitung im Auftrag der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden herausgefunden.

Figur nach Vermeers Tod übermalt

Schon 1979 war durch eine Röntgenuntersuchung bekannt geworden, dass sich ursprünglich ein nackter Cupido (Amor) an der Wand des Zimmers befunden habe, der der Briefleserin über die Schulter zu schauen schien. Damals war man aber noch davon ausgegangen, dass Vermeer diesen selbst übermalt hatte. Die aktuelle Überarbeitung des Werkes von 1657/1659 ergab aber, dass die Amor-Figur erst Jahre nach Vermeers Tod von fremder Hand übermalt wurde, teilte Stephan Koja, Direktor der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister am Dienstag mit.

Arbeitsstand wird für wenige Wochen gezeigt

Die Restauratoren versuchen nun, die von Vermeer geschaffene Fassung so gut wie möglich wiederherzustellen. Die Hälfte der Figur ist bereits wieder freigelegt. Der Arbeitsstand der Restaurierung ist ab dem 8. Mai in der Gemäldegalerie zu sehen. Die Ausstellung endet am 16. Juni.

Jan Vermeer "Das Brieflesende Mädchen"

Vergleich des Bildes vor (links) und nach (rechts) der Restauration. Um zwischen den Bildern zu wechseln, bedienen Sie bitte den Schieberegler.

Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-1659, Öl auf Leinwand
Bildrechte: Klut / Estel
Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657-1659, Öl auf Leinwand
Bildrechte: Klut / Estel
Johannes Vermeer, Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster, um 1657–1659 Aktueller Zwischenzustand der Restaurierung zum 7. Mai 2019, Öl auf Leinwand
Bildrechte: Wolfgang Kreische
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Schon jetzt, nachdem die Abnahme der Übermalung im Hintergrund des 'Brieflesenden Mädchens' etwa zur Hälfte vollzogen ist, zeigt sich eine erstaunliche Veränderung der Bildwirkung: Die Elemente der Verhüllung und des Verbergens spielen in diesem Frühwerk Vermeers eine weniger dominierende Rolle, als die im Hintergrund von fremder Hand veränderte Komposition zweieinhalb Jahrhunderte lang vermuten ließ.

Uta Neidhardt, Oberkonservatorin der Gemäldegalerie Alte Meister

Details zur Restaurierung des Bildes

Die umfassende Restaurierung des Kunstwerks begann im Frühjahr 2017. Für sein Alter befindet sich das Gemälde zwar in einem guten, konservatorisch stabilen Zustand. Doch stark nachgedunkelte Firnisschichten und alte Retuschen beeinträchtigten die Farbwirkung des Gemäldes stark und wurden in einem ersten Arbeitsschritt abgenommen. Jetzt erscheint das Bild wieder in der vom Maler beabsichtigten subtilen, kühlen Farbigkeit.

Röntgen- und Infrarotreflektografieaufnahmen sowie Mikroskopuntersuchungen wurden von Spezialisten erneut ausgewertet. Hinzu kamen eine genaue Analyse der Bildträgerleinwand und Recherchen zur Restaurierungsgeschichte. Man entnahm mehrere Farbproben aus Vermeers Gemälde und analysierte diese im Labor für Archäometrie der Hochschule für Bildenden Künste Dresden hinsichtlich ihrer Schichtung und Konsistenz. Diese aktuellen Untersuchungen waren entscheidend für eine Neubewertung. Es kann nun mit Sicherheit davon ausgegangen werden, dass die Übermalung nicht von Vermeer stammt, sondern mindestens mehrere Jahrzehnte nach Entstehung des Gemäldes und deutlich nach Vermeers Tod aufgebracht wurde. Eine ganzflächige Röntgenfluoreszenzuntersuchung des Bildes, die 2017 mit Unterstützung des Rijksmuseums Amsterdam durchgeführt wurde, bestätigte die neuen Erkenntnisse zur Übermalung.

Die letzte noch existierende originale Firnisschicht Vermeers

Der Restaurierungsvorgang erweist sich als sehr anspruchsvoll, komplex und äußerst zeitaufwendig. Christoph Schölzel führt bei hoher Mikroskopvergrößerung die Abnahme der Übermalungsschicht mit dem Skalpell durch. Nur diese Methode ermöglicht die Erhaltung der vorhandenen Reste einer Firnisschicht auf der originalen Farbe Vermeers. Vermutlich handelt es sich hierbei um die letzte noch existierende originale Firnisschicht Vermeers.

Jan Vermeers "Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster" (um 1657/59) zählt zu den Hauptwerken der Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. 1742 wurde es für die Sammlung des sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. in Paris erworben.

Nur rund drei Dutzend Gemälde von Johannes Vermeer sind in der Forschungswelt bekannt. Die Gemäldegalerie Alte Meister ist in der glücklichen Lage sogar zwei Meisterwerke des Delfter Malers zu besitzen. Das 1656 entstandene Bild 'Bei der Kupplerin' wurde bereits 2002 bis 2004 umfassend restauriert, nun freuen wir uns sehr darüber, dass durch die großzügige Unterstützung der Hata Foundation auch die Restaurierung des 'Brieflesenden Mädchens am offenen Fenster' realisiert werden kann und sich das Gemälde nach Fertigstellung in sensationell neuer Erscheinung präsentieren wird – und wir damit einen bedeutenden Beitrag zur Vermeer-Forschung leisten können.

Stephan Koja, Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister und der Skulpturensammlung bis 1800

Informationen: Johannes Vermeer "Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster"
ein Restaurierungsprojekt der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister
zu sehen im Semperbau am Zwinger vom 8. Mai bis 16. Juni 2019
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kultur kompakt | 07. Mai 2019 | 12:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Mai 2019, 13:05 Uhr

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