Clubkultur der Zukunft Das Versus Festival zeigt, wie subversive Veranstaltungskultur geht

Landesweit steht die Veranstaltungsbranche wegen Corona still. Besonders hart trifft es dabei die Jugend- und Subkultur: Clubs wie den Kalif Storch im Erfurter Kulturbahnhof. Seit März hat hier keine Veranstaltung mehr stattgefunden, doch am Samstag soll sich das ändern. Ausgerechnet mit einer Veranstaltung, die junge Menschen dafür begeistern will, selbst zu Veranstaltenden zu werden.

Der Eingang zum Kalif Storch mit seinem gekreuzten Finger-Logo im Abendlicht. Davor die Gäste der Kleinen Rampe
Der Eingang zum Kalif Storch mit seinem gekreuzten Finger-Logo im Abendlicht. Davor die Gäste der Kleinen Rampe. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Mit dem Kulturbahnhof Erfurt ist es ein bisschen wie mit dem Löwenzahn, der aus dem Asphalt wächst. Mitten in einer unwirtlichen Umgebung - einem alten Bahngelände mit stillgelegten Gleisen, leeren Lagerhallen und bröckelnden Verladerampen - liegt ein pulsierender, bunter Ort. Vor rund 18 Jahren siedelte sich hier der Zughafen an. Inzwischen ist mit dem Club Kalif Storch, dem Biergarten StattStrand und dem Café Kleine Rampe ein kleiner Kulturkiez entstanden, der fast täglich Veranstaltungen für seine Besucher bereithält.

Corona legte den Kalif Storch lahm

Hubert Langrock, Betreiber des Kalif Storch
Hubert Langrock, Betreiber des Kalif Storch Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

In den letzten Monaten waren es vor allem Open Air-Veranstaltungen am StattStrand und vor der Kleinen Rampe. Im Kalif Storch hingegen ist es seit März gespenstisch still. Vor Corona fanden hier regelmäßig Konzerte und Partys statt. Dann kamen die Pandemie, die Corona-Verordnungen und damit de facto ein Berufsverbot für Betreiber Hubert Langrock und sein Team. Der Umsatz sei um 98 Prozent eingebrochen, sagt Langrock. Zahlen, die auch in anderen Betrieben der Veranstaltungsbranche die neue Normalität darstellen. Dazu zählen auch Veranstaltungen unter Infektionsschutzauflagen, die der Kalif Storch eigentlich vermeiden wollte.  

Im März haben wir gesagt, wir wollen ganz oder gar nicht öffnen. Jetzt ist der Sommer rum, uns fällt die Decke auf den Kopf und realistisch betrachtet, geht Corona nicht so bald vorbei. Deshalb fangen wir jetzt wieder an. Die Biergärten werden bald zu machen und die Menschen brauchen Kultur und Veranstaltungen.

Hubert Langrock, Betreiber Kalif Storch

Den Anfang macht das Versus Festival, von dem sich Langrock neuen, musikalischen Input und vor allem einen interessanten Diskurs über gesellschaftlich relevante Themen verspricht.

Festival für subversive Veranstaltungskultur

Organisiert wird das Festival von Lisa Hilpert und Matthias Gundermann von der Gruppe Versus, einem freien Kulturkollektiv, das seit etwa zwei Jahren Partys, Konzerte und Lesungen in Erfurt veranstaltet. Die Gruppe besteht aus einer Hand voll Kulturakteuren, die Projektbezogen zusammen arbeiten. Beim Versus Festival waren es vor allem Hilpert und Gundermann, denen ein Festival für "subversive Veranstaltungskultur" vorschwebte.

Subversiv ist natürlich erstmal ein schweres Geschütz. Subversiv kann aber auch bedeuten – in einem nicht explizit politischen Sinne – im Gegensatz zu dem Bestehenden.

Matthias Gundermann, Gruppe Versus
Matthias Gundermann und Lisa Hilper, Organisatoren des Versus Festival
Matthias Gundermann und Lisa Hilpert, Organisatoren des Versus Festival Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

In der Veranstaltungsbranche gäbe es eine Reihe von Missständen. Auch im Kulturbereich würden Menschen diskriminiert, sagt Gundermann. Für den 34-Jährigen fängt das schon beim Booking an, zeigt sich bei der Türpolitik (Wer kommt in den Club rein, wer nicht?) und macht sich auch in Clubs bemerkbar. Sexuelle Belästigung oder Rassismus seien ein Problem auf deutschen Tanzflächen. Das Versus Festival möchte auf diese Missstände aufmerksam machen und Veranstalter und Gäste dazu einladen, Themen wie Diversität und Awareness zu diskutieren.

"Es ist kein Zufall, dass vor allem weiße Männer auf den Bühnen stehen, denn es sind vor allem weiße Männer, die die Veranstaltungsorte betreiben. Schaut man sich die Line-Ups großer Festivals und Veranstaltungsorte an, spielen da vorwiegend männlich dominierte Bands. Das muss nicht mal Absicht sein. Viele denken darüber wahrscheinlich einfach nicht nach", sagt Lisa Hilpert.

Von Workshops bis zur Party

Damit solche Themen genügend Raum bekommen, ist das Festival in drei Stufen aufgebaut: Workshops, Panels und Party. Die Teilnehmer der Workshops können sich im DJing oder Rappen probieren, lernen den Aufbau von Soundtechnik und bekommen Einblicke in die Finanzierungsmöglichkeiten von Veranstaltungen. Das Festival möchte damit junge kreative Menschen "empowern", wie es Hilpert nennt.

Wir wollen Menschen in die Lage versetzten, selbst Veranstalterinnen oder Künstlerinnen zu sein. Denn ein großes Problem in Erfurt ist die Vielfältigkeit. Es gibt zwar für jede Musikrichtung einen Club, aber eben nur diesen einen.

Lisa Hilpert, Gruppe Versus
Weltoffenheit und Willkommenskultur sind im Kalif Storch und beim Versus Festival gelebte Realität.
Weltoffenheit und Willkommenskultur sind im Kalif Storch und beim Versus Festival gelebte Realität. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

In den Panels (Diskussionsrunden) geht es um die thematische Auseinandersetzung. Das Publikum soll mit eingeladenen Podiumsgästen über die vorherrschende Diskriminierung in der Veranstaltungsbranche ins Gespräch kommen: Wie lassen sich mit einer aufmerksamen Türpolitik, Konflikte verhindern, bevor sie entstehen? Wie kann gelungenes Veranstaltungsmanagement Chancengleichheit herstellen? Diese und viele weitere Fragen, sollen zum Nachdenken anregen.

Den Abschluss des Versus Festivals bildet eine Party, für die Hilpert und Gundermann vorzugsweise Künstlerinnen aus ganz Deutschland eingeladen haben. Mit dabei sind Waq Waq Kingdom, ein japanisches Elektro-Duo, Sarah Farina, eine DJ aus Berlin, die Rainbow-Bass Musik spielt und sich mit der deutschen Black Lives Matter-Bewegung solidarisierte, die Techno-DJ Fujimi und Catnapp , die durch die Netflix-Serie "Unorthodox" zu einem Hidden-Star im Elektro-Dance geworden ist.

Streamen statt tanzen

Geschlossene Outdoor-Bar im Kalif Storch: Seit Mitte März hat der Kalif Storch geschlossen.
Geschlossene Outdoor-Bar im Kalif Storch: Seit Mitte März hat der Kalif Storch geschlossen. Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Ein Wermutstropfen bleibt jedoch: Coronabedingt können die Konzerte nicht live erlebt werden. Über einen Twitch-Kanal können die Festivalgäste und alle Interessierten aber zusehen, wenn die Acts live im Kalif Storch auftreten. Damit der Festivalabschluss aber keine einsame Sache vor dem heimischen Laptop wird, haben sich Hilpert und Gundermann auch hier etwas einfallen lassen: "Wir wollten nicht, dass der Livestream die Festivalatmosphäre zerstört, die ja auf dem gemeinsamen Erlebnis beruht. Deswegen haben wir drei Erfurter Locations eingebunden, die den Stream übertragen. Die Leute können sich im Cafe Hilgenfeld am Domplatz, in der Saline 34 oder im Klanggerüst gemeinsam treffen und dort die Musik genießen", so Matthias Gundermann.

Aus der Festival-Landschaft in Mitteldeutschland

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. September 2020 | 13:15 Uhr