Jan Faktor
Wurde als junger Autor Zeuge des Prager Frühlings: Jan Faktor Bildrechte: imago/CTK Photo

Jan Faktor über Prag 1968 Prager Frühling: Als die Kultur-Elite in den Westen ging

"Revolution der Intellektuellen" - auch so hat man den Prager Frühling bezeichnet. Tatsächlich wurde dessen zentrales Dokument, das "Manifest der 2000 Worte" von Schriftsteller Ludvík Vaculík in einer Literatur-Zeitung veröffentlicht. Kulturschaffende unterstützten die Reformen und trieben sie voran. Schließlich war es auch die Kultur-Elite des Landes, die radikal verfolgt wurde. Ein "Exodus des Geistes", ein enormer kultureller Kahlschlag, war die Folge. Schriftsteller Jan Faktor erinnert sich.

von Sven Hecker, MDR KULTUR

Jan Faktor
Wurde als junger Autor Zeuge des Prager Frühlings: Jan Faktor Bildrechte: imago/CTK Photo

Als am 21. August 1968 die Truppen des Warschauer Vertrags in die CSSR einfallen, befindet sich der Gymnasiast Jan Faktor sozusagen im Epizentrum des Prager Frühlings. Denn seine Mutter arbeitet als Redakteurin - nicht bei irgendeiner Parteipostille, sondern bei der wichtigsten Wochenzeitung des Landes "Literární noviny", wo auch das "Manifest der 2000 Worte" erschienen war. Ihre Kollegen waren Ludvík Vaculík, Jiri Grusa und Antonin Lim.

Ich war 17, alt genug, alles zu verfolgen, politisch, die ganzen acht Monate, acht Monate Demokratie. Ich war verliebt, eine schöne Zeit, das vergisst man nicht. Und dann die Okkupation, die Panzer sind durch unsere Straßen in die Stadtmitte gefahren.

Jan Faktor

Die "Normalisierung" bedeutet das Ende

Der Okkupation folgt ein kultureller Kahlschlag. Eine riesige Säuberungswelle setzt ein, Teil der - im Parteijargon - sogenannten "Normalisierung". Die Kulturwissenschaftlerin Marketa Spiritova schreibt in ihrem Artikel "Die 'unabhängige Kultur' in der Tschechoslowakei"  von der Einstellung aller tschechischen Kulturzeitschriften, "Massensäuberungen" in Verlagen, Universitäten und wissenschaftlichen Institutionen. Höhepunkt sei im Juli 1970 gewesen, als der Schriftstellerverband aufgelöst und über mehr als zwei Drittel der tschechischen Autoren ein totales Publikationsverbot verhängt wurde.

Das war ein absoluter Austausch der Eliten, Rausschmisse ohne Ende, viele sind emigriert, und die führenden Intellektuellen hatten keine Positionen mehr.

Jan Faktor

Autoren und ihre Werke, darunter fast alle von Rang, verschwinden über Nacht aus Buchhandlungen und Bibliotheken. Für Jan Faktor, der inzwischen auch schreibt, ist diese Entwicklung heilsam, wie er sagt. Er erkannte, dass Schreiben und Publizieren sind zwei verschiedene Dinge sind. Seine Vorbilder, die großen Schriftsteller, publizierten bis auf wenige Ausnahmen nicht. Für ihn war klar, wenn diese Leute nicht publizieren, dann macht er es auch nicht: "Diesen Freiraum, scheinbar offenen Freiraum, zu nutzen - das wäre einfach schäbig."

Die CSSR wird zum "Kulturfriedhof"

Tausende emigrieren nach 1968 ins westliche Ausland, darunter viele Kulturschaffende - Schriftsteller und Publizisten wie Ota Filip, Jiri Grusa, Pavel Kohout oder Milan Kundera, aber auch Wissenschaftler oder Filmemacher wie Milos Forman. Die CSSR wird, wie Heinrich Böll urteilt, zum "Kulturfriedhof".

Doch auf der anderen Seite führen Zensur und Repression zu einer Untergrundkultur, sagt Kulturwissenschaftlerin Marketa Spiritova. Indem der Staat über Hunderttausende Intellektuelle ein Arbeitsverbot in kulturellen Einrichtungen verhängte und somit "im Grunde das gesamte intellektuelle Potential der tschechischen Gesellschaft devastierte", habe er erheblich zur Entstehung einer unabhängigen Kultur beigetragen - wie dem Samizdat, den privaten Wohnungsseminaren, Theateraufführungen und Vernissagen.

Eine Gegenöffentlichkeit jenseits der staatlichen Zensur entsteht. Schreibmaschinen-Verlage verbreiten unter der Hand Literatur, auch Werke von Jan Faktor. Ab 1978 lebt Faktor in der DDR, der Liebe wegen. Abgesehen von wenigen Gedichten können seine Werke erst nach 1989 in einem regulären Verlag erscheinen. Auf den Prager Frühling schaut Faktor heute mit einiger Distanz. Auch, weil er für einen seiner Romane in der Geschichte zuvor recherchiert hat.

Da sind so viele Verbrechen passiert, das ich dieses … Sozialismus mit menschlichem Antlitz, wir machen was Neues - eigentlich nicht mehr hören kann. Da bin ich ein bisschen allergisch. Dieses Regime hatte im Prinzip nicht die Legitimation, etwas zu reformieren, die hätten sich abschaffen müssen. Das wäre auch soweit gekommen.

Jan Faktor

Über den Schriftsteller Jan Faktor Jan Faktor wurde 1951 in Prag geboren und lebt seit 1978 in der DDR bzw. in Deutschland. Sein Roman "Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag" stand 2010 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Er arbeitet derzeit als Stadtschreiber in Rheinsberg.

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Zuletzt aktualisiert: 21. August 2018, 21:43 Uhr

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