Nina Hagen, 2012
Die 1955 geborene Nina Hagen hat auch kein Problem mit kommerziellem Erfolg. Bildrechte: IMAGO

40 Jahre Nina Hagen Band Wie Nina Hagen ihre Fans schockierte

Nach ihrer DDR-Ausreise 1976 startete Nina Hagen im Westen richtig durch. Ihre Nina Hagen Band schlug 1978 ein wie eine Bombe. Doch Nina Hagen wollte noch mehr - und verließ zur Überraschung vieler Fans die Band.

von Michael C. Lücke, MDR KULTUR

Nina Hagen, 2012
Die 1955 geborene Nina Hagen hat auch kein Problem mit kommerziellem Erfolg. Bildrechte: IMAGO

1978 befand sich Nina Hagen auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer noch jungen Karriere. Das Mädchen aus dem Osten des Landes hatte die damalige DDR im November 1976 verlassen, um Karriere zu machen. Und nun spielte sie das erste Konzert mit ihrer Nina Hagen Band im völlig ausverkauften West-Berliner "Quartier Latin". Vor ihr 800 erwartungsfrohe Fans, aber die eigentliche Sensation stellten weitere 2.000 Fans dar, die vergeblich versuchten reinzukommen.

In den 70er Jahren bringt Nina Hagen den ORWO (Original Wolfen) Farbfilm sogar in die Hitparaden.
Mit ihrer Band Automobil beklagte Nina Hagen in der DDR das Fehlen eines Farbfilmes Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jeder musikinteressierte Mensch im Berliner Westen schien heiß auf Nina Hagen zu sein - und im westdeutschen Bundesgebiet war es kaum anders. Das selbstbetitelte Debüt-Album der Nina Hagen Band landete aus dem Stand auf Platz 11 der deutschen Album-Charts und blieb 46 Wochen in den Charts.

Das zweite Album der Band, "Unbehagen", landete 1980 gar auf Platz 2 der deutschen Album-Charts. Doch zum Zeitpunkt der Veröffentlichung hatte Nina Hagen ihre erste West-Band schon verlassen. "Unbehagen" musste von den Musikern erstmal ohne ihre Sängerin aufgenommen werden. Nina sang später alleine die Songs ein, weil es der Vertrag so verlangte. Was damals vielen Fans unverständlich blieb, war für Nina Hagen selbst alles andere als ungewöhnlich, auch in der damaligen DDR hatte sie mit "Automobil" bereits ihre erste Erfolgsband verlassen.

Nina Hagen mit ihrer Band am 03. Oktober 1978 in Berlin.
Die Nina Hagen Band am 3. Oktober 1978 in Berlin Bildrechte: dpa

Es ist halt manchmal so, dass ein Ensemble […] keine Freude mehr aneinander hat. Das war bei der Nina Hagen Band so. Das war auch bei meiner ersten Band in der DDR, Automobil, so.

Nina Hagen

Immer in Aufbruchsstimmung

Wir dürfen davon ausgehen dass die Mitstreiter ihrer Band Automobil alles andere als beglückt über den Ausstieg ihrer damaligen Sängerin waren, aber die Enttäuschung  von Herwig Mitteregger, Reinhold Heil, Bernhard Potschka und des 2012 verstorbenen Manfred Praeker hielt ein Leben lang. Selbst der spätere Erfolg von "Spliff" konnte die ehemalige Nina Hagen Band nicht darüber hinwegtrösten, mit ihrer Sängerin einen Weltstar verloren zu haben.

Und dabei ließ ja bereits der erste Song "TV Glotzer" vom Debüt-Album der Nina Hagen Band, ahnen, woher bei der Hagen der Wind wehte. Zwar glotze sie jetzt nicht mehr von Ost nach West, aber die Welt war jetzt noch viel bunter. Viel zu bunt, als dass sich Nina hätte entscheiden können - weder für einen festen Wohnsitz oder einen festen Lebenspartner, noch für ein musikalisches Genre, und schon gar nicht für eine feste Band. Dafür gab es viel zu viel zu erleben.

Kein Problem mit Kommerz

Und was manche vielleicht überrascht: Nina Hagen wollte immer erfolgreich sein, weltweit, und durchaus auch kommerziell. Ihre Kolleginnen im Osten schockte sie als erstes mit ihrer klaren Ansage, Kommerz machen zu wollen. Kommerz ist für Nina Hagen positiv  besetzt:

Die Sängerin Nina Hagen
Nina Hagen Bildrechte: dpa

Kommerz ist gar nichts Schlechtes. Kommerz bedeutet ja nur, dass es irgendwie was richtig gut, perfekt Zusammengeschnürtes ist. Und als Künstler hat man den Wunsch nach Perfektion, was nie, nie, nie zu erfüllen ist - nicht wirklich. Aber manchmal schon.

Nina Hagen

Sie musiziert in London und Amsterdam, Brasilien und Indien, zuletzt und immer wieder in Los Angeles. Nina Hagen wird Weltbürgerin, singt 1985 vor 300.000 begeisterten Fans bei "Rock in Rio".

Kindheitsfolgen

1974, Musikerin Nina Hagen
An ihre Kindheit hat Nina Hagen nicht nur positive Erinnerungen. Bildrechte: IMAGO

1998 kehrt das Mädchen aus Berlin-Friedrichshain zurück in ihre Heimatstadt, passenderweise zum 100. Geburtstag des Dramatikers Bertolt Brecht, den die Hagen überaus verehrt, und dem sie seit ihrer Rückkehr immer wieder musikalisch huldigt.

Dass sie sich so lange in der Welt herumgetrieben hat, mit so vielen Musikern gearbeitet hat, dabei immer auf der Suche nach ihrem musikalischen Ausdruck und letztlich auch sich selbst war, erklärt sich Nina Hagen vor allem mit ihrer Kindheit. Als Kind von Eva-Maria Hagen, mit der Nina natürlich auch regelmäßig musiziert, sei es nicht leicht gewesen, ein Zuhause zu finden:

Ich war ja auch als Tochter einer berühmten Schauspielerin in der DDR, als Scheidungskind, auch öfters mal im Kinderheim abgestellt worden.

Nina Hagen
Rockröhre Nina Hagen
Nina Hagen suchte immer wieder neue Denkwege, manchmal fand sie dabei UFOs oder indische Erleuchtungen Bildrechte: dpa

Obwohl Nina Hagen so viele Musikerherzen gebrochen hat, wird sie bis heute von der Musikszene Deutschlands und ihren Protagonisten verehrt. Auch von den jungen Wilden. So entstand ihr bislang letztes Studio-Album "Volksbeat" 2011 in Zusammenarbeit mit den Beatsteaks aus Berlin. Für Nina Hagen selbst ein Kompliment, aber auch eine Selbstverständlichkeit, dass sie nachfolgende Generationen inspiriert.

Geld und Erfolg, Kult und Kommerz, sind letztlich sekundär für Nina Hagen. Ihr musikalisches Leben bleibt ein nunmehr über Jahrzehnte erprobtes Wechselspiel von Ausbruch und Aufbruch. Selbstverwirklichung, im Leben, vor allem aber in ihrem Beruf, erscheint als Konstante und als Maxime des Weltstars Nina Hagen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 08. Februar 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Februar 2018, 01:00 Uhr