Trauer Zum Tod des Bühnenbildners und Grafikers Volker Pfüller

Man nannte ihn den "Meister des Buches und des Theaters". Nun ist Volker Pfüller mit 81 Jahren gestorben. Er prägte Kinder- und Jugendbücher mit seinen Illustrationen und verlieh Theaterplakaten und Bühnenbildern ein einzigartiges Aussehen. Erst im vergangenen Jahr wurde Pfüller der Deutsche Jugendliteraturpreis für sein Gesamtwerk verliehen. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, wie Christoph Feist, Franziska Neubert, Katja Spitzer, Philipp Stölzl, Anke Feuchtenberger, Henning Wagenbreth und Gerda Raidt lernten bei dem ehemaligen Illustrations-Professor an der HGB in Leipzig. Sein Nachfolger Thomas M. Müller erinnert sich im Interview an den am 23. Oktober verstorbenen Volker Pfüller.

Volker Pfüller 8 min
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Man nannte ihn den "Meister des Buchs und des Theaters". Viele lernten bei dem ehemaligen Illustrations-Professor an der HGB in Leipzig. Sein Nachfolger Thomas M. Müller erinnert sich im Interview.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 26.10.2020 06:00Uhr 07:56 min

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MDR KULTUR: Thomas Matthäus Müller, erzählen Sie mir, wer war Volker Pfüller, wie würden Sie ihn beschreiben?

Volker Pfüller war eine für mich heldenhafte Gestalt, sowohl in Erscheinung als auch im Charakter.

Thomas M. Müller, Professor HGB Leipzig

Thomas M. Müller: Ein empathischer Mann, zugewandt, klug und belesen, ein unterhaltsamer Erzähler. Ein für mich bewunderter Kollege, weil er wirklich ein breites Kreuz hatte und sehr viel gemacht hat, der fürs Theater und fürs Buch wirklich große Dinge unternommen hat, wo viele Kollegen heute von ihm profitieren, auf seinen Schultern sitzen und er vieles geprägt hat, was wir vielleicht heute in der Grafik normal finden, aber wo wir ihm viel zu verdanken haben.

Was haben Sie, was ist ihm zu verdanken? Was würden Sie dann nennen?

Anfang der 70er-Jahre war er als Illustrator für viele Verlage tätig. Im Kinderbuchverlag hat er viel gemacht, angefangen, für ganz kleine Kinder Bücher zu machen. Er hat Jugendbücher illustriert, er hat für den Spiegel-Verlag humoristische Literatur illustriert, Gegenwartsliteratur. Er hat wichtige Bücher illustriert; Feuchtwanger: "Die Füchse im Weinberg" beispielsweise. Er hat Magazin-Illustrationen gemacht. Er war präsent und das mit einer ganz markanten Handschrift, die damals auffiel. Vielleicht muss man sich das vorstellen, dass es eher bunt, weich und gefällig war, was man zu sehen bekam, und da betrat seine markante Handschrift plötzlich die Bühne, und das sah anders aus. Er hat sich eher dem Expressionismus zugewandt, das farblithographische Plakat des späten 19. Jahrhunderts hat ihn interessiert. Er hat besondere Farben benutzt, er hat die originaldruckgrafische Technik angewandt für seine Arbeit, und auch das hat die Ästhetik geprägt.

Wenn man in den 80er-Jahren in Berlin auf den Straßen unterwegs war, da war das Stadtbild geprägt von Plakaten von Volker Pfüller.

Thomas M. Müller, Professor HGB Leipzig

Wenn man nachschaut nach Werken von Volker Pfüller, wenn man sich vor Augen führen will, da wird einem das Plakat von einer Medea-Inszenierung in Berlin begegnen – sehr expressive Angelegenheit. Und da habe ich gedacht, ist das jetzt aus den 20er-Jahren? Oder ist es aus den 80er-Jahren?

Es wäre völlig falsch, das Retro zu nennen. Aber es ist natürlich wirklich so, dass er die Herbheit, den Ausdruck, das Expressive gesucht hat. Und das hing natürlich auch mit seiner Arbeit für das Theater, mit den Vorstellungen, der Inszenierung zusammen. Und seine Arbeit als Bühnenbildner, als Kostümbildner war wirklich so intensiv und so prägend auch. Er hat mit dem Regisseur Alexander Lang sehr intensiv zusammengearbeitet und dieses auch sehr visuelle Theater mitgeprägt. Die Kraft ist in seinen Plakaten. Sie haben das Medea-Plakat angesprochen oder Totentanz, es fallen mir viele andere ein – das waren tatsächlich irgendwie Plakate im Sinne von Anschlag. Sie haben visuell eine enorme Anziehungskraft entfaltet und haben sich wie ein Stromschlag vermittelt, schockartig. Und auf diesen Plakaten sieht man die Spieler, die auf der Bühne waren, man sieht Christian Grashof beim Totentanz oder Katja Paryla als Medea. Das ist natürlich auch etwas, was ihn stark auszeichnet. Diese Ernsthaftigkeit, mit der er sich dem Stoff nähert, das war etwas, was ich von ihm gelernt habe, was viele andere seiner Schüler auch so sagen würden.

Er hat sich den Stoffen, den Texten, mit großer Ernsthaftigkeit genährt, um dann einen radikalen künstlerischen Ausdruck dafür zu finden.

Thomas M. Müller, Professor HGB Leipzig

Kaum jemand, lese ich an einer anderen Stelle, hat so viele junge Künstlerinnen und Künstler auf ihren Weg gebracht. Sie werden da auch genannt. Thomas Müller, Christoph Feist wird genannt, Franziska Neubert, Katja Spitzer, Philipp Stölzl und viele andere mehr. Was hat ihn als Lehrer ausgezeichnet?

Sein kritischer, aufmerksamer, genauer Blick. Er war streng. Er hat vermittelt, dass man den Stoff, mit dem man sich beschäftigt, dass man ihn ernst nehmen muss. Er konnte die Begeisterung, die er selbst empfindet, teilen, er konnte die Entdeckung teilen. Er hat auch gelehrt, dass man, wenn man angewandt und in Arbeitsteiligkeit arbeitet, dass man dort auch eigene Interessen, den künstlerischen Ausdruck, wahren und durchsetzen muss.

Seine Schülerinnen und Schüler – man könnte Anke Feuchtenberger, die eine Professur für Illustrationen und Comic in Hamburg hat oder Henning Wagenbreth in Berlin, der an der UdK unterrichtet oder Gerda Raidt, eine wichtige Illustratorin, in Leipzig ansässig, noch nennen – sie sind angezogen worden durch diese Gravitationskraft, die sein Werk entfaltet hat. Das hat ihn auch als Lehrer markant gemacht.

Das Gespräch führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

Über Volker Pfüller Volker Pfüller wurde 1939 in Leipzig geboren und studierte in Berlin an der Fachhochschule für Angewandte Kunst sowie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Er war ein deutscher Grafiker, Bühnenbildner und Hochschulprofessor. Seit 1977 waren seine Arbeiten bei der Kunstausstellung der DDR in Dresden zu sehen. Er erhielt Auszeichnungen für seine Theaterplakate, 2019 den Deutschen Jugendliteraturpreis für sein Gesamtwerk. 1992 wurde er an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee zum Professor für Bühnenbild ernannt. 1997 bis 2005 war er Professor für Illustration an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Oktober 2020 | 07:40 Uhr