Berliner Volksbühne, Außenansicht
Die bekannte Berliner Volksbühne: Seit wenigen Monaten wird sie von Intendant Chris Dercon geleitet. Bildrechte: dpa

Thomas Irmer zur Dercon-Intendanz an der Volksbühne Berlin Kein Programm, kein Ensemble, kein Spielplan, keine Idee

Der Wechsel der Leitung der Volksbühne Berlin hatte für heftige Diskussionen gesorgt: Chris Dercon trat im Sommer 2017 die Nachfolge des langjährigen Intendanten Frank Castorf an, der das Theater seit 1992 maßgeblich geprägt hatte. Kritiker befürchten, dass Dercon die Volksbühne zu einem kommerzialisierten Eventtheater entwickeln könnte. Im September 2017 besetzten sogar Aktivisten die Bühne am Rosa-Luxemburg-Platz, um ein Zeichen "gegen die aktuelle Kultur- und Stadtentwicklungspolitik" zu setzen. Nun ist Dercon seit vier Monaten im Amt. Zeit für ein Zwischenfazit. Theaterkritiker Thomas Irmer im Gespräch mit MDR KULTUR-Moderator Carsten Tesch zur aktuellen Akzeptanz des Theaters beim Publikum und der Ausrichtung der Inszenierungen.

Berliner Volksbühne, Außenansicht
Die bekannte Berliner Volksbühne: Seit wenigen Monaten wird sie von Intendant Chris Dercon geleitet. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Was macht Chris Dercon an der Volksbühne zum Jahreswechsel?

Thomas Irmer: Zum Jahreswechsel gibt es eine Tanzshow mit dem bezeichnenden Titel "The Show Must Go On" von Jérôme Bel. Das ist durchaus eine renommierte Sache - aber sie ist sage und schreibe mehr als 16 Jahre alt. Sie ist auch schon mehrfach in Deutschland und in Berlin gezeigt worden.

Das nennt sich dann "neu interpretiert" in diesem etwas hochgestochenen Kuratorenslang, dessen sich Dercon gern bedient und der immer wieder gern kritisiert wird. Aber im Grunde verdeckt das auch das ganze Problem: Man hat kein Programm, man hat kein Ensemble, man hat keinen Spielplan und man hat letztlich auch keine Idee für dieses sehr große Theater.

Wie waren die ersten drei Monate der Volksbühne unter Dercon. Auch altes Zeug?

Thomas Irmer, Theaterexperte
Theaterexperte Thomas Irmer Bildrechte: dpa

Das kann man so nicht sagen. Es gab drei beachtliche Neuproduktionen: Das eine war so eine Art Reinterpretation der Iphigenien-Geschichte in Tempelhof. Damit wurde der ehemalige Flughafen als Spielstätte eröffnet. Das wurde von einem syrischen Regieduo gemacht und ist eigentlich sehr achtbar - aber es hat letztlich doch im Format nicht ganz gestimmt.

Dann gab es eine Beckett-Trilogie zur Eröffnung des eigentlichen Theaters am Luxemburgplatz. Die war umrahmt von sehr vielen Kunstkleinigkeiten des ansonsten berühmten Tino Sehgal. Das hat aber auch nicht gepasst. Und zuletzt, von der vielbeschworenen Regisseurin Susanne Kennedy, eine Produktion mit dem Titel "Women in Trouble".

Aber der Trouble hat damit nicht aufgehört, die Probleme sind nicht gelöst. Das hat auch damit zu tun, dass nicht durchgängig gespielt wird. Es findet einmal in der Woche etwas statt, dann ist wieder eine größere Pause. Ein normaler Stadttheaterbetrieb sieht anders aus.

Wie reagiert das Publikum? Ist es peinlich geächtet, zu Dercon zu gehen?

Intendant Chris Dercon spricht am 06.11.2017 in der Volksbühne in Berlin bei einer Pressekonferenz über die erste Inszenierung im Groߟen Haus unter seiner Intendanz.
Intendant Chris Dercon Bildrechte: dpa

Nein, das glaube ich nicht. Also peinlich geächtet - vielleicht ist das so in bestimmten Kreisen, könnte ich mir vorstellen. Aber ich glaube, insgesamt überwiegt noch so ein interessiertes Nachgucken: Was wird da gemacht? Schafft er das? Ist es vielleicht nicht doch was Interessantes.

Dementsprechend sind die Abende auch ziemlich unterschiedlich gefüllt. Ich habe die zweite Vorstellung von Susanne Kennedy gesehen, wo man dachte, es gibt doch gar keine Karten mehr. Aber es war halb leer - an einem Samstag- oder Sonntagabend. Und eine Woche später sah es ganz anders aus. Es gibt keine Zahlen. Die wären auch in Hinblick auf die Finanzen interessant, denn es wurde ja auch sehr viel investiert, es gab viel Extrageld. Aber doch wenig Output. Das müsste man sich jetzt mal genauer angucken

Könnte man diese neue Dercon-Volksbühnen-Geschichte nicht auch genau umgekehrt lesen: Als ein Beispiel für eine neue Intoleranz in der Kunst. Oder zugespitzt formuliert: Die Intoleranz der Toleranten, die Kunst mit außerkünstlerischen Maßstäben zu maßregeln. Moralische, politische, gendergerechte Maßstäbe. Kann man es auch so sehen?

Naja, es gibt da sicherlich verschiedene Felder. Wir führen ja dieses Gespräch nach zwei Jahren Vorbereitungszeit und vier Monaten Spielzeit, also auch einem gewissen Überblick. Von Anfang an gab es diese Debatte: Lass ihn doch erstmal kommen, lass ihn doch erstmal machen. Wir haben hier jetzt schon die Möglichkeit, eine gewisse Bilanz zu ziehen. Da würde ich mal diese ganze Ungerechtigkeits- oder Hassdiskussion außen vor lassen.

Was ganz klar auf dem Tisch liegt: Er hat mit dem Prinzip Ensemble und Repertoire gebrochen. Hier ist also für die Untersuchung auch die Politik als Auftraggeber dieses Städtischen Theaters von Berlin gefragt.

Dazu kommt dann, wenn man jetzt das mal beiseite lässt, dass das ganze Programm dieser Richtungsänderung insgesamt enttäuschend ist. Es ist vielleicht noch eine Richtungsänderung  möglich. Sie erscheint mir nicht sehr wahrscheinlich. Wenn es so bleibt, wie es jetzt ist, dann könnte man eigentlich bilanzieren: Dercons Zeit wäre jetzt schon fast abgelaufen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Dezember 2017 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. Dezember 2017, 01:00 Uhr