Eine Katze läuft über einen Hof.
Wächterhof in der Dübener Heide von Sven Kröber. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wächterhöfe in der Dübener Heide Ernüchternde Bilanz für Landleben auf Probe

Die Bevölkerungszahl der Dübener Heide soll bis 2025 um 30 Prozent schrumpfen. Mit einem Wächterhof-Projekt sollen darum Städter wieder aufs Land gelockt werden - doch mit mäßigem Erfolg. Warum?

Eine Katze läuft über einen Hof.
Wächterhof in der Dübener Heide von Sven Kröber. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Demografen prognostizieren für die Region um den Naturpark Dübener Heide bis 2025 einen Bevölkerungsrückgang von 30 Prozent. Besonders junge Menschen und Familien verlassen die Dörfer an der Landesgrenze zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt, um in die nahen Großstädte zu ziehen. Um diesem Trend etwas entgegenzusetzen, wurde vor zwei Jahren das Wächterhof-Projekt ins Leben gerufen. Die Idee: Städter sollen aufs Land ziehen und sich um alte, unbewohnte Höfe kümmern und diese wieder in Stand setzen. Dafür zahlen sie an den Besitzer dieser Immobilie keine Miete.

Finanziert wird das Projekt "Neulandgewinner" von der Robert Bosch Stiftung. 2012 hat sich die Stiftung entschlossen, der Abwanderung in Ostdeutschland entgegenzuwirken - die Wächterhöfe sind nur eines von mehreren Projekten, die gefördert werden. Pro sogenanntem Neulandgewinner zahlt die Stiftung über einen Zeitraum von zwei Jahren durchschnittlich 50.000 Euro.

Vorbild für das Projekt waren die "Wächterhäuser" in Leipzig - seit zehn Jahren werden dort Altbauten von den Nutzern wie beispielswiese Künstlern selbst in Schuss gebracht. Was sich in der Stadt schon etabliert hat, muss sich auf dem Land allerdings noch beweisen. Denn die Bilanz in der Dübener Heide sieht ernüchternd aus: 14 Höfe stehen zur Auswahl, es gab und gibt viele Interessenten aus Leipzig, Halle und Berlin. Doch nur ein Wächterhof konnte in den letzten zwei Jahren auch tatsächlich vermittelt werden. Warum dieses Zögern? "artour" hat mit Hofbesitzern und Projektverantwortlichen über die Gründe gesprochen:

Projektverantwortliche Babette Scurrell

Wir haben uns verschätzt: Wir waren davon ausgegangen, dass wir zwar viele leer stehende Höfe und Häuser finden, aber nicht so viele Interessenten. Also wir haben uns lange darüber Gedanken gemacht, wie man an die Städter herankommt und sie anspricht. Dann zeigte sich, dass es viele Interessenten gibt, aber dass es schwierig ist, Höfe, Häuser, Gärten zu finden. Es hat vielleicht auch ein bisschen damit zu tun, dass man im Dorf schwer einschätzen kann: Wer kommt denn da, was sind denn das für Leute? Wirtschaften sie die Häuser nur runter und sind dann wieder weg?

Babette Scurrell

Bürgermeister von Trossin Max-Bringfried Otto

Es sind ja fremde Menschen, die da kommen. Und wenn dann einer sagt: Okay, er mietet sich ein, kennen wir ja nicht die Interessenlage: Kann man dem vertrauen? Jetzt öffne ich meine Tür für denjenigen und er hat vielleicht ein Zimmer bei mir und bewirtschaftet meinen Garten. Hält der durch? Wie lange macht er das? Vielleicht bleibe ich hinterher auf meinen Kosten sitzen, die durch Wasser- und Stromverbrauch entstanden sind? Da ist einfach am Anfang viel Aufklärungsarbeit notwendig. Wir haben allen klargemacht, dass man da gute Partnerschaften aufbauen kann.

Max-Bringfried Otto

Wächterhof-Besitzer Sven Kröber

Wir haben das schon ausprobiert, wir hatten auf unserem Hof verschiedene Leute leben. Das ist nicht immer leicht, das geht auch nicht immer ganz reibungslos. Ich kann verstehen, dass man das eigentlich nicht will. Aber ich denke, dass man sich Gedanken machen muss: Irgendwann wird das Haus baufällig sein. Und dann bin ich zu alt, um etwas zu tun. Dann bleibt mir vielleicht nur noch übrig, den Hof zu verkaufen. Wenn ich hier wohnen bleiben möchte, dann wäre es schon gut, wenn ich hier jemanden habe, der das mitnutzen kann. Warum nicht jemandem eine Chance bieten, etwas Neues zu machen?

Das Buch zum Projekt: "Neuland gewinnen. Die Zukunft in Ostdeutschland gestalten."
Hrsg. von Siri Frech, Babette Scurrell und Andreas Willisch
erschienen beim Ch. Links Verlag
272 Seiten, 193 Farbfotos
ISBN: 978-3-86153-949-0

Seit 2012 unterstützt die Robert Bosch Stiftung mit dem Programm "Neulandgewinner. Zukunft erfinden vor Ort" engagierte Menschen und Initiativen, die Chancen auf Veränderung sehen. In diesem Buch werden diese Menschen mit ihren Projekten und Ideen vorgestellt bzw. sie stellen sich selbst vor: Sie arbeiten auf dem Land mit dem Wächterhausmodell oder richten offene Werkstätten ein, kaufen ehemalige Bahnhöfe, um soziale Zentren aufzubauen, oder verbessern die Mobilität.

Über dieses Thema berichtete MDR KULTUR auch im Fernsehen: artour | 20.04.2017 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. April 2017, 11:43 Uhr

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