Rezension zur Premiere Oper Chemnitz versetzt Wagners "Lohengrin" in Endzeit-Vergnügungspark

Die romantische Oper "Lohengrin" hat im Chemnitzer Opernhaus Premiere gefeiert. Regisseur Joan Anton Rechi versetzt die Wagneroper zusammen mit Bühnenbildner Sebastian Ellrich in eine Art Endzeit-Vergnügungspark. Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo hat die musikalische Leitung inne. MDR KULTUR-Opernkritiker Michael Ernst den Schwanenritter in einer Produktion gesehen, die nachdenklich macht.

Cornelia Ptassek spielt Elsa.
Das Bühnenbild wirkt wie ein Endzeit-Vergnügungspark. Bildrechte: Nasser Hashemi

Richard Wagners romantische Oper "Lohengrin" wurde vor 170 Jahren zum ersten Mal in Weimar uraufgeführt – von niemand geringerem als Wagners Freund und späterem Schwiegervater Franz Liszt. Jetzt hat die Neuproduktion im Chemnitzer Opernhaus Premiere gefeiert. Dabei fasziniert bereits das düstere Bühnenbild, dass einen einstigen Vergnügungspark darstellt, beherrscht von einer Achterbahn. Müll liegt herum, alles ist kaputt und verfallen.

Düsterniss trifft auf romantische Oper

Dieser Lohengrin spielt in einer kaputten Welt, die auch ein Kriegsschauplatz in Afghanistan oder Syrien sein könnte. Die Achterbahn wird dabei zum Sinnbild für das Auf und Ab des Lebens. Alle klammern sich an das letzte Stück Hoffnung, will Rettung oder eben einen Retter – in dieser Oper sogar einen Führer.

Nie sollst du mich befragen.

Lohengrin
Cornelia Ptassek (Elsa) und Mirko Roschkowski (Lohengrin)
Cornelia Ptassek ist Elsa, Mirko Roschkowski verkörpert Lohengrin. Bildrechte: Nasser Hashemi

Mit einer riesigen Schwanengondel kommt Lohengrin auf die Bühne gefahren, um Elsa zu retten, der man einen Brudermord anhängen will. Nur ein sogenanntes Gottesurteil kann ihr noch helfen. Wer im Kampf gegen Telramund besteht, kann die Unschuld von Elsa beweisen. Lohengrin ist zur Stelle, nimmt Elsa zur Frau und verlangt von ihr: "Nie sollst du mich befragen." Sie fragt dann doch – geradezu genötigt von Telramund und seiner Frau Ortrud, die nach Macht streben. Damit verspielt Elsa ihre Ehe, ihre Zukunft und steht am Ende in einer noch traurigeren Welt als vorher da.

All das hat der aus Andorra stammende Regisseur Joan Antón Rechi ziemlich spannend, aber auch ernüchternd und beklemmend auf die Bühne gebracht. Vielleicht weckt er mit dieser Sicht mehr Fragen als Antworten, aber das ist ja nicht das Schlechteste an der Bühne. Ausgestattet mit kunterbunten Kostümen von Mercè Paloma gelingt ihm eine ebenso verstörende wie fesselnde Inszenierung im "tristen" Bühnenbild von Sebastian Ellrich.

Hohes Wagner-Niveau

So nachdenklich die Inszenierung stimmt, die musikalische Umsetzung ist aufregend. Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo ist ein wirklicher Wagner-Verehrer. Die Partitur mit der Robert-Schumann-Philharmonie hat er wunderbar durchdrungen, die großen Bögen betörend gespannt und auch die kammermusikalischen Aspekte kommen nicht zu kurz. Das Orchester ist auf hohem Wagner-Niveau, so auch Chor und Extrachor. Neben den Gesangsleistungen zeigt sich auch hier die genaue Personenführung von Regisseur Joan Anton Rechi.

Wie von einem anderen Stern

Cornelia Ptassek (Elsa) und Mirko Roschkowski (Lohengrin) halten sich in den Armen, dahinter stehen Damen und Herren des Opernchores.
Elsa und Lohengrin ergänzen sich als Paar. Bildrechte: Nasser Hashemi

Stimmig ist auch die "Lohengrin"-Besetzung. Gerade die beiden konträren Paare – Elsa und Lohengrin sowie Ortrud und Telramund – sind in ihrer Verschiedenheit perfekt. Elsa ist eine schöne, schlanke, schutzbedürftig wirkende Frau. Cornelia Ptassek singt sie ganz geradeaus, mit spielerischer Leichtigkeit. Da wirkt nichts aufgesetzt, aber alles brillant. Ihr Lohengrin Mirko Roschkowski ist beinahe noch kultivierter, ein nobler lyrischer Tenor, wie von einem anderen Stern.

Dem steht der oft ungebremst agierende Telramund von Martin Bárta sehr ungestüm gegenüber. Auch seine Ortrud, verkörpert von Stéphanie Müther, ist eher kraftvoll präsent, kann aber auch die messerscharfe Intrigantin spielen und singen.

Fazit

Es fällt leicht, sich in die musikalische Struktur dieser Inszenierung hineinzudenken. Rasch ist man mittendrin in dieser auf der Kippe stehenden Welt, die geprägt ist von gar nicht mehr so romantischen Verlustängsten. Die Produktion stimmt nachdenklich, gerade weil sich nicht alles auf den ersten Blick erschließt. Musikalisch ist die Oper überzeugend bis großartig und passt in die Chemnitzer Wagner-Pflege, die in diesem Frühjahr wieder mit zwei "Ring"-Zyklen aufwartet. Es ist ein "Lohengrin" für unsere Zeit.

Mehr Informationen

Romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner
Regie: Joan Anton Rechi
Musikalische Leitung: Guillermo García Calvo
Bühne und Kostüme: Sebastian Ellrich und Mercè Paloma
Aufführungstermine:
Samstag, 1. Februar 2020, 18:00 Uhr
Samstag, 22. Februar 2020, 18:00 Uhr
Sonntag, 15. März 2020, 15:00 Uhr
Freitag, 5. April 2020, 15:00 Uhr
Sonntag, 10. Mai 2020, 15:00 Uhr
Montag, 1. Juni 2020, 15:00 Uhr

Mehr Bühne

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Januar 2020 | 13:15 Uhr

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