Eine beleuchtete Büste von Johann Sebastian Bach
In dem Ranking setzte sich Johann Sebastian Bach auf Platz eins durch. Bildrechte: dpa

Ranking des BBC Music Magazine Die Wahl der 50 besten Komponisten aller Zeiten – und ihre Probleme

Das BBC Music Magazine hat zeitgenössische Komponisten abstimmen lassen, welcher der beste Komponist aller Zeiten ist. Gewonnen hat Johann Sebastian Bach. Warum das Ranking jedoch auch einige negative Überraschungen bereithält, erklärt MDR KULTUR-Musikkritiker Martin Hoffmeister.

Eine beleuchtete Büste von Johann Sebastian Bach
In dem Ranking setzte sich Johann Sebastian Bach auf Platz eins durch. Bildrechte: dpa

Das BBC Music Magazine ist das weltweit auflagenstärkste Klassik-Magazin. Für die Dezember-Ausgabe des Magazins wurden zeitgenössische Komponisten befragt, welche oder welcher Komponist oder Komponistin für sie der oder die beste aller Zeiten sei. Jeder der Befragten durfte dabei fünf Namen nennen. Herausgekommen ist ein Ranking mit 50 meistgenannten Komponisten.

Die Top 10

  1. Johann Sebastian Bach
  2. Igor Strawinsky
  3. Ludwig van Beethoven
  4. Wolfgang Amadeus Mozart
  5. Claude Debussy
  6. Gyorgy Ligeti
  7. Gustav Mahler
  8. Richard Wagner
  9. Maurice Ravel
  10. Claudio Monteverdi

MDR KULTUR: Welche Bewertungskriterien hat die Redaktion des BBC Music Magazine der Umfrage zugrunde gelegt ?

Martin Hoffmeister: Kriterien, die auf Objektivierbarkeit zielen. Andernfalls könnte kein ernsthaftes Ranking generiert werden. Entsprechend wurde zunächst gefragt nach der grundsätzlichen Originalität eines Werkes, danach, ob ein Komponist neue Ideen, Klangfarben und Stilistiken in seine Epoche bzw. die Musikhistorie als Ganzes eingebracht hat. Zweiter Punkt: Der Einfluss eines Komponisten auf seine Zeitgenossen oder nachkommende Generationen. Drittens, natürlich ganz entscheidend: Wie steht es um das Handwerk der Komponisten und die Substanz des kompositorischen Materials. Beim 4. Punkt waren die Kriterien eher subjektiverer Natur. Es wurde gefragt, wie viel Genuss und Freude das Werk der jeweiligen Komponisten den Zeitgenossen beschert hat.

Sprechen wir von den Resultaten. Bach hat das Rennen gemacht. Hat Sie das überrascht?

Martin Hoffmeister
MDR KULTUR-Musikexperte Martin Hoffmeister. Bildrechte: Jules Marconnier

Nein, überhaupt nicht. Es hätten allerdings ebenso gut Beethoven oder Mozart sein können, wenn man Handwerk, Neuerungspotenziale, Vielseitigkeit, Substanz und Komplexität zugrunde legt. Was allerdings zweifelhaft ist: Beethoven und Mozart landeten auf dem dritten bzw. vierten Platz, den Zweiten belegte Igor Strawinski, was, wenn man objektive Maßstäbe anlegt, natürlich untragbar ist. Nicht weil Strawinski nicht komponieren konnte, im Gegenteil, sondern weil sein Genius sich nicht gleichmäßig über sein, auch das muss gesagt werden, nicht besonders umfängliches Werk verteilte. Klar, Strawinski einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, aber selbst da ist die Konkurrenz bekanntlich außerordentlich. Als hoffentlich neutraler Betrachter des Rankings fragt man sich natürlich, was ist da geschehen. Wollten die abstimmenden Komponisten einen der Ihren aus jüngeren Jahren auf die Plätze heben, kam Geschmäcklerisches zum Tragen, haben Sie das Ganze eher als Spiel oder Spaß betrachtet und ließen einfach die nötige Ernsthaftigkeit vermissen?


Das klingt alles einigermaßen harsch. Sind Ihnen noch andere Merkwürdigkeiten aufgefallen?


Das Ergebnis als Ganzes erscheint mir höchstbedenklich. Ein paar Beispiele: Platz fünf und sechs belegen Claude Debussy und György Ligeti, das ganze vor Gustav Mahler, Platz sieben und Richard Wagner, Platz acht, ganz abgesehen von Joseph Haydn, Platz 16 oder gar Brahms, Platz 18 oder Robert Schumann, Platz 49. Komplett absurd, ebenso absurd, dass Komponisten wie Jean Sibelius und Benjamin Britten vor Haydn liegen oder ein Steve Reich, Stichwort 'Minimal Music', vor Carlo Gesualdo, Arnold Schönberg oder Alban Berg. Und damit sind die fürchterlichsten Missverständnisse noch gar nicht benannt. Wie etwa ist, wie gesagt nach objektiven Kriterien, erklärbar, dass Komponisten wie Händel und Telemann gar nicht unter den ersten 50 rangieren, Erik Satie und Phil Glass aber doch.

Robert Schumann, Lithographie
Robert Schumann schaffte es im Ranking nur auf Platz 49 von 50. Bildrechte: imago images / United Archives International

Ich habe wirklich nichts dagegen, wenn mir, auch wenn es Fachleute sind, wenn mir jemand sagt, sie hörten Steve Reich lieber als Schubert, überhaupt kein Thema, aber das Werk Reichs höher zu stellen als das Schuberts, lässt auf Unwissen, Unkenntnis oder komplette Ignoranz schliessen. Und genau das finde ich ärgerlich, weil es auch eine ernsthafte Diskussion obsolet macht. Wie aufregend und erkenntniszeitigend wäre gewesen, wenn die Leser hätten untereinander diskutieren können, ob Bruckner oder Mahler der bessere Komponist ist oder Debussy oder Ravel, oder Schostakowitsch oder Prokofiev, aber im Ranking, da stehen diese Meister soweit auseinander, das es schon als wirklichkeitsfremd bezeichnet werden muss, was hier zu lesen ist. Offensichtlich hat sich so manch ein Zeitgenosse wohl zu wenig vertieft in die Werke stilbildender Vorgänger. Und unfassbar wird das ganze Szenario, wenn dann auf die Frage nach den fünf wichtigsten Komponisten aller Zeiten Namen wie die von Bjork, John Williams, Stephen Sondheim oder Ennio Morricone auftauchen.

Würden Sie so weit gehen, dieses Ranking überflüssig zu nennen?

Nein, im Gegenteil, solche publizistischen Genres, die sind intellektuell stets inspirierend und aufschlussreich, sie sind zudem kurzweilig und unterhaltsam und generieren nicht selten auch interessante Debatten. Insofern erwarte ich mit Spannung  das nächste Ranking des BBC Music Magazine. Und am Ende des Tages muss man ja auch sagen: Nicht das Medium ist für das zweifelhafte Ergebnis verantwortlich, sondern die Befragten.

Eine beleuchtete Büste von Johann Sebastian Bach 6 min
Bildrechte: dpa

Umfrage des grössten internationalen Klassik-Magazins "BBC Music Magazine" bei zeitgenössischen Komponisten: Wer sind die besten Komponisten aller Zeiten? Das Ergebnis überrascht.

MDR KULTUR - Das Radio Di 03.12.2019 10:15Uhr 06:09 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Umfrage des grössten internationalen Klassik-Magazins "BBC Music Magazine" bei zeitgenössischen Komponisten: Wer sind die besten Komponisten aller Zeiten? Das Ergebnis überrascht.

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Audio

Das Interview führte Stefan Blattner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Dezember 2019 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2019, 15:37 Uhr

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