Jill Lepore
Jill Lepore gehört zu den wichtigen intellektuellen Stimmen der USA Bildrechte: imago/MediaPunch

Sachbuch der Woche Politische Gleichheit ist längst nicht verwirklicht

Demokratie ist nichts Stabiles, sondern muss von jeder Generation neu erarbeitet werden. Das ist eine der Lehren, die die amerikanische Historikerin Jill Lepore in ihrem voluminösen Buch "Diese Wahrheiten" über die Geschichte der USA bereithält.

von Stefan Nölke, MDR KULTUR

Jill Lepore
Jill Lepore gehört zu den wichtigen intellektuellen Stimmen der USA Bildrechte: imago/MediaPunch

"Diese Wahrheiten" lautet der Titel des Buches von Jill Lepore, das in den USA im vergangenen Jahr ein Bestseller war und seit diesem Herbst in deutscher Übersetzung vorliegt. Mit diesen Wahrheiten meint sie die drei grundlegenden Versprechen, die in der amerikanischen Verfassung proklamiert werden: Politische Gleichheit, naturgegebene Rechte und die Volkssouveränität. "Auf diesen Ideen beruht das amerikanische Experiment", erklärt die in Havard lehrende Historikerin und fragt zugleich, in welchem Maße sie im Laufe der Geschichte eingelöst wurden. Dabei fällt die Antwort, ob die Nation geliefert hat, was die Verfassung verspricht, sehr kritisch aus.   

Wichtiger Kampf für Gleichheit

Politische Gleichheit sei immer noch nicht vollkommen verwirklicht. Und dennoch werde sie ja durch eine Reihe von Verfassungszusätzen garantiert, die dem Text von 1787 hinzugefügt worden sind. So sei die politische Gleichheit heute mehr als jemals zuvor verfügbar, aber es gebe auch Menschen, Institutionen und Ideen, die die Nation wieder in Richtung Ungleichheit drängen. "Also, die Auseinandersetzung darum geht weiter und mein Buch will in Erinnerung rufen, wie wichtig dieser Kampf ist", erklärt Jill Lepore im Gespräch mit MDR KULTUR.     

Wir erachten diese Wahrheiten als heilig und unbestreitbar, dass alle Menschen gleich und unabhängig geschaffen sind, dass sie – weil sie gleich geschaffen sind – natürliche und unveräußerliche Rechte besitzen, zu denen die Erhaltung des Lebens und der Freiheit und das Streben nach Glück gehören.

Thomas Jefferson, einer der Gründerväter der USA, in einem Entwurf für die Unabhängigkeitserklärung 1776

Trump ist nicht an allem schuld

Der Präsident der Vereinigten Staaten, Donald J. Trump, äußert sich im diplomatischen Empfangsraum des Weißen Hauses in Washington.
Donald Trump, Präsident der Vereinigten Staaten Bildrechte: dpa

Und so erinnert die Historikerin daran, dass bis 1920 die Frauen und bis 1965 ein Großteil der Afroamerikaner vom Wahlrecht ausgeschlossen waren. In ihrer Version der Geschichte kämpfen die Guten emanzipatorischen Kräfte gegen die Mächte der sozialen und politischen Ungleichheit. Dieses Strickmuster kann man kritisieren, wenn man zum Beispiel ein Anhänger von Donald Trump ist, der bei Jill Lepore alles andere als gut wegkommt. An allem ist Trump allerdings auch nicht schuld, denn die Unversöhnlichkeit zwischen Konservativen und Linksliberalen, habe in den USA schon Ende der 60er-Jahre eingesetzt. Auf beiden Seiten waren damals radikale Flügel am Werk, die die Wähler mit Fragen über Leben und Tod für sich zu gewinnen suchten. Dabei sei es um die hochemotionalen Themen Abtreibung und Waffenbesitz gegangen: "Auf der Linken war die Botschaft Waffenbesitz ist Mord und Abtreibung Freiheit. Und auf der Rechten war die Botschaft Waffenbesitz ist Freiheit und Abtreibung Mord. Und so wurden aus politischen Kontrahenten politische Feinde. Kriminelle!"

Sozialen Medien als Polarisierungsmaschine

Die Radikalisierung, die demnach schon weit vor dem Aufkommen des Internets die politische Kultur in den USA prägte, hat sich seit ein paar Jahren durch die Sozialen Medien noch einmal dramatisch verschärft. Durch sie werde die Demokratie unterminiert. "Wir haben mit den Sozialen Medien eine Polarisierungsmaschine geschaffen", kritisiert Jill Lepore. "Botschaften oder Nachrichten, die du mit dem Smartphone zugeschickt bekommst, sind auf dein demografisches Profil ausgerichtet und verkapseln dich in deinem Blickwinkel."

Cover des Buches "Diese Wahrheiten" von Jill Lepore.
"Diese Wahrheiten" von Jill Lepore Bildrechte: Verlag C.H. Beck

Gerade dem Internetgiganten Facebook mangele es an Verantwortungsbewusst für das Öffentliche Wohl. Deshalb sollten für das Internet – ähnlich wie für Radio und Fernsehen – Regeln aufgestellt werden, die Ausgewogenheit und Fairness sicherstellen. Dass das Internet so ist, wie es ist, nämlich libertär und anarchistisch, sei eine politische Entscheidung gewesen, die revidiert werden müsse.   

Jill Lepore vertritt klare Positionen. Dazu ist ihr Buch trotz seines ziegelsteinartigen Umfangs sehr gut lesbar. Voller Anekdoten und kleinen Geschichten. Kein Wunder,  im Nebenberuf ist sie Autorin des Magazins The New Yorker. Zweimal schon schaffte sie es beim Pulitzerpreis in die Endrunde. Jill Lepore – eine der wichtigen intellektuellen Stimmen der USA, die man zur Kenntnis nehmen sollte.

Angaben zum Buch Jill Lepore:
"Diese Wahrheiten. Eine Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika"
C. H. Beck 2019
1120 Seiten
39,95 Euro
978-3-406-73988-0

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Dezember 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Dezember 2019, 09:42 Uhr

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